Agentur Focus /Justin Jin

Tourismus

Wohin mit den Russen?

von Benjamin Triebe / 04.01.2016

Wegen der Wirtschaftskrise geht es mit dem russischen Tourismus ohnehin bergab. Aber nachdem Moskau die beiden wichtigsten Ziele gestrichen hat, steht die Branche vor einem Abgrund. Ausgerechnet ausländische Gäste profitieren.

Welche Erkenntnis drängt sich den russischen Feriengästen auf, wenn internationale Krisen die Reise in ferne Länder vermiesen? Genau, in Russland war es schon immer am schönsten. Zumindest soll ihnen dieser Gedanke kommen, wenn es nach dem Chef der staatlichen Tourismusagentur geht. Menschen in anderen Ländern hätten nicht die stereotype Idee, dass Ferien einen All-inclusive-Trip an türkische Strände bedeuteten, sagte Oleg Safonow im Dezember. „Unsere Vorfahren, selbst die wohlhabenden, sind auch nicht in Massen an fremde Küsten gereist. Strandferien sind eine Mode der letzten Jahre.“ Dieser Mode war Safonow offenbar selbst verfallen, ihm gehörten bis vor Kurzem zwei Häuser auf den Seychellen. Inzwischen will er sie verkauft haben.

Kein Strand als Strafe

Sei es aus heimatlichen Gefühlen, historischen Erwägungen oder schlichter Geldnot – vielen Russen bleiben derzeit wenig Alternativen zu Ferien im eigenen Land. Die beiden wichtigsten Reiseziele, Ägypten und die Türkei, sind weitgehend von der Landkarte verschwunden. Nach dem mutmaßlichen Terroranschlag auf ein russisches Flugzeug über dem Sinai hat der Kreml im November alle Passagierflüge nach Ägypten untersagt. Und seit Anfang Dezember verkaufen russische Reiseveranstalter auf staatliches Geheiß keine Trips mehr in die Türkei, das seit über einem Jahrzehnt beliebteste Ferienziel der Russen. Das gehört zu Moskaus Vergeltung für den Abschuss eines russischen Kampfjets durch Ankaras Luftwaffe im syrischen Grenzgebiet.

Leere Haushaltskassen

In den ersten neun Monaten des laufenden Jahres unternahmen Russen knapp unter 10 Millionen Auslandreisen, rund ein Drittel weniger als im Vorjahreszeitraum – und da sind die Folgen der Ereignisse in Ägypten und der Türkei noch nicht enthalten. Auch so ist es der stärkste Rückgang in 15 Jahren. Reisen nach Europa sind um 34 Prozent gesunken, solche in entfernte Ziele wie die Dominikanische Republik oder Tunesien weitaus stärker. Hier hinterlassen Wirtschaftskrise und hohe Teuerung Spuren: Die Reallöhne liegen rund ein Zehntel unter Vorjahresniveau, und der Rubel-Zerfall macht Auslandsreisen viel teurer. Die russische Währung notiert auf einem Niveau, das annähernd so tief ist wie während der heftigen Währungsturbulenzen im Dezember 2014 und zu Jahresbeginn. Ein Dollar ist rund 73 Rubel wert, im Sommer 2014 waren es erst 34 Rubel.

Wo die Nachfrage ausbleibt, geht es auch den Anbietern schlecht. Bereits im Sommer 2014 hatte eine nach heutigen Maßstäben kleine Rubel-Schwäche viele Reiseveranstalter zusammenbrechen lassen, weil sich in ihren knappen Kalkulationen die Schere zwischen Einnahmen in Rubel und Kosten in Fremdwährung öffnete. Jetzt wird die Krise der Branche tiefer: Die Zahl an Reisebüros, die Trips ins Ausland anbieten, ist in diesem Jahr um 70 Prozent geschrumpft. Von über 2000 Firmen sind noch 650 übrig. Im schlechtesten Fall würden 2016 nur 300 überleben, sagt Dmitri Gorin vom Verband der Reiseveranstalter.

Je nach Standpunkt hat der schwache Rubel allerdings auch Vorteile. Ausländische Touristen reisen häufiger ins nun billig gewordene Russland. Von Jänner bis September kamen 13 Prozent mehr Feriengäste; mit 2,5 Millionen Reisen wurde das höchste Niveau seit 2008 erreicht. Vielleicht haben die geopolitischen Zerwürfnisse, besonders die Ukraine-Krise, Folgen: Mit einem Anteil von 23 Prozent haben die Chinesen die Deutschen als wichtigste Gästegruppe überholt. An dritter Stelle kamen allerdings Reisende aus den Vereinigten Staaten, was den politischen Faktor wieder relativiert.

Die Luftfahrt spürt den Wandel

Hoffnungen setzen manche Branchenvertreter nun auch auf mehr russische Gäste. Oleg Safonow prognostiziert, Auslandsreisen würden 2016 nochmals um 40 Prozent abnehmen, Inlandsreisen hingegen um über 30 Prozent – oder um bis zu 5 Millionen russische Touristen – zulegen. Doch dieser Optimismus wird nicht überall geteilt. Inlandsreisen sind nicht unbedingt billig; außerdem könne die russische Infrastruktur diese zusätzlichen Gäste nicht aufnehmen, heißt es mancherorts.

Zumindest die Fluggesellschaften spürten bereits eine Verlagerung: Die Zahl der Passagiere auf Inlandsflügen kletterte von Jänner bis November um 15 Prozent, während sie auf Verbindungen ins Ausland im selben Ausmaß abnahm. Unter dem Strich blieb das Aufkommen mit 87 Millionen Passagieren etwa konstant – was aber nicht bedeutet, dass es russischen Fluggesellschaften durchweg gutgeht.