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Analyse

Yahoo: Der Anfang vom endgültigen Ende

von Elisabeth Oberndorfer / 03.12.2015

Der Verwaltungsrat von Yahoo will diese Woche über die Zukunft des Internetkonzerns entscheiden. Auf dem Spiel stehen das Kerngeschäft und die Stellung von CEO Marissa Mayer. Doch wer würde die Assets von Yahoo übernehmen wollen? 

„Ich denke, ich habe keine Superkräfte.“ So bescheiden antwortete Marissa Mayer im September 2013 bei einer Konferenz in San Francisco auf die Frage nach ihrem größten Talent. Zu dem Zeitpunkt hatte die CEO wenig Grund zur Bescheidenheit. Ein Jahr im Amt, hatte die langjährige Google-Managerin Yahoo zu einem unverhofften Comeback geführt. Dabei wurde der einstige Suchmaschinenriese schon mehrfach tot geschrieben. Der Erfolg von Mitbewerber Google und der Aufstieg von Facebook als universelle Plattform hatten dem Unternehmen schon vor Jahren die Marktmacht entzogen.

Ein verhängnisvoller Deal

Yahoo-CEO Marissa Mayer steht nach weniger gelungenen Akquisitionen unter Druck.
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Mayers Strategie war im ersten Jahr geprägt von Akquisitionen: 16 Start-ups kaufte Yahoo in der Zeit auf. Die bekannteste Übernahme war die Bloggingplattform Tumblr, für die das kalifornische Unternehmen 1,1 Milliarden US-Dollar zahlte. Doch dieser heiß diskutierte Deal könnte der Geschäftsführerin jetzt zum Verhängnis werden. Denn nach drei Jahren im Amt ist die Euphorie über Mayer abgeflaut.

Der jüngste Quartalsbericht hatte bei Anlegern endgültig ein Verlangen nach einem Kurswechsel hervorgerufen. Nach drei Jahren habe es die Konzernchefin nicht geschafft, das Ruder umzudrehen. Tumblr, das aktuell 266,4 Millionen Blogs hostet und 59,2 Millionen Einträge täglich generiert, bringt dem Eigentümer trotz der beachtlichen Reichweite von 460 Millionen monatlichen Nutzern nur Peanuts. Im Herbst 2014 prognostizierte Mayer für 2015 einen Umsatz in Höhe von 100 Millionen US-Dollar. Der Aktienwert von Yahoo sank in diesem Jahr um 33 Prozent, der Umsatz soll um acht Prozent geringer ausfallen.

Große Pläne gescheitert

Der Verwaltungsrat soll deshalb noch diese Woche über die Zukunft des Konzerns abstimmen. Wie das Wall Street Journal berichtet, steht der Verkauf des Internetgeschäfts zur Diskussion. Dieses beinhaltet die Geschäftsfelder Search und Anzeigen sowie die vielen Portale, die Yahoo besitzt. Auch die Abspaltung der Alibaba-Anteile, deren Wert auf 31,2 Milliarden US-Dollar geschätzt wird, ist noch nicht vom Tisch. Vor allem aber könnte diese Woche den Abgang von Mayer einläuten.

Ihr Plan, Yahoo in ein Medienimperium zu verwandeln, blieb erfolglos. 2013 holte die CEO die US-Talk-Größe Katie Couric an Bord, um den Video-Bereich zu stärken. Couric verlängerte ihren Vertrag im Sommer zwar, das News-Angebot ist trotz des bekannten Gesichts allerdings kaum bekannt. Mit dem Kauf der TV-Show „Community“ wollte Mayer Netflix Konkurrenz machen und YouTube-Stars von Google abwerben. Der Versuch, sich als Videoplattform mit eigenen Inhalten zu positionieren, scheiterte jedoch. Einige Manager dieser Abteilung haben den Konzern schon vor einigen Wochen verlassen.

Gescheitert war auch eine Fusion von AOL und Yahoo Anfang des Jahres. Stattdessen verkündete Verizon im Mai die Übernahme von Yahoos Mitbewerber für 4,4 Milliarden US-Dollar. Mayer meinte daraufhin, dass ein Zusammenschluss der beiden Internetkonzerne, die stark im Online-Werbegeschäft sind, keinen Sinn ergeben hätte. Zukünftige Partnerschaften oder Fusionen mit anderen Marktteilnehmern schloss die Geschäftsführerin allerdings nicht aus.

Mögliche Nachfolger und Käufer

Muss Mayer nach drei Jahren an der Spitze von Yahoo also wirklich um ihren Job fürchten? Suntrust-Analyst Robert Peck veröffentlichte am Montag eine Liste von zehn möglichen Nachfolgern, darunter auch Facebook-COO Sheryl Sandberg und YouTube-CEO Susan Wojcicki. Re/code-Chefredakteurin und Mayer-Kennerin Kara Swisher behauptet jedoch, dass der Verwaltungsrat weiterhin die aktuelle CEO unterstütze. Wenn sie den Konzern verlassen sollte, dann nur auf eigenen Wunsch, schreibt Swisher. Bevor über eine neue Führung entschieden werde, müssten der Alibaba-Spinoff und weitere Umstrukturierungsmaßnahmen feststehen. Aber ein Verkaufsprozess sei noch nicht eingeleitet worden, Yahoo habe auch keinen Stress, erklärt die Insiderin.

Doch wer könnte die Assets von Yahoo übernehmen, wenn es tatsächlich zu einem Verkauf des Kerngeschäfts kommen sollte? Als möglichen Käufer sehen Analysten den japanischen Telekom-Riesen Softbank, dem 35 Prozent von Yahoo Japan, an dem der Konzern Yahoo nur beteiligt ist, gehören. Softbank ist außerdem mit 15 Prozent an dem chinesischen E-Commerce-Riesen Alibaba beteiligt. Zwischen den beiden Unternehmen gibt es also jetzt schon Verbindungen, und Softbank will sein digitales Geschäft in den USA und Asien erweitern. Am Mittwochabend tauchten weitere potenzielle Bieter auf: Neben Verizon sollen die Medienkonzerne Time Inc., News Corp und IAC/Interactive Group zumindest an Teilen der Assets interessiert sein.

Bei all den Spekulationen sind zumindest zwei Dinge gewiss: Das Yahoo, wie wir es kennen, wird nicht mehr lange existieren. Denn selbst wenn sich das Unternehmen nicht von seinem Kerngeschäft trennt, sind Umstrukturierungen notwendig. Und zweitens: Marissa Mayer hat keine Superkräfte. In den vergangenen drei Jahren hat sie es nicht geschafft, den Abstand zu Google und Facebook zu verringern. Darum muss Yahoo bald anders aussehen.