Zank mit Zulieferern

Macht und Ohnmacht von VW

von Michael Rasch / 20.08.2016

In mehreren VW-Werken stockt die Produktion, oder es drohen Probleme, weil sich zwei Zulieferer weigern, dem Konzern gewisse Bauteile zu liefern. Bei dem Streit dürfte es am Ende allerdings nur Verlierer geben.

Als hätte Konzernchef Matthias Müller nicht schon genug Sorgen, ist VW seit dieser Woche um eine öffentlichkeitswirksame Posse reicher: Zwei kleine Zulieferer aus Sachsen, die beide zur Prevent-Gruppe gehören, bringen die Fliessbänder bei VW ins Stocken und sorgen im Passat-Werk in Emden bereits für Kurzarbeit. Sie weigern sich bis auf weiteres, die vertraglich vereinbarte Lieferung von Bauteilen fortzusetzen. Kurzarbeit droht deshalb inzwischen auch in anderen deutschen Werken. Kommende Woche könnte dadurch gar die Produktion des Erfolgsmodells Golf in Mitleidenschaft gezogen werden. Solch gravierende Folgen für die Produktion hatten nicht einmal die massiven Ermittlungen verschiedener Aufsichtsbehörden in den USA im Rahmen des Diesel-Skandals gezeitigt.

Juristischer Schlagabtausch

Bei den Aufständischen gegen den mächtigen VW-Konzern handelt es sich um die Car Trim GmbH, einen Hersteller von Sitzbezügen, sowie die ES Automobilguss GmbH, einen Produzenten von Ausgleichsgetriebeteilen. Car Trim liefert ihre Sitzbezüge an die Emden domizilierte VW-Tochter Sitech, die wiederum Autositze für VW herstellt. Das Werk in Emden, wo der Passat gebaut wird, hat bereits am Donnerstag für rund 8000 Mitarbeiter Kurzarbeit angeordnet. Tausende weitere Mitarbeiter in anderen Werken sind laut Medieninformationen ebenfalls davon bedroht. Betroffen sind dem Vernehmen nach die Fabriken in Kassel, Zwickau und am Stammsitz in Wolfsburg. Im nordhessischen Werk in Baunatal bei Kassel, der zweitgrössten VW-Fabrik in Deutschland, produziert der Konzern jährlich rund 4 Mio. Schalt- und Automatikgetriebe. Dies entspricht etwa der Hälfte aller im Konzern weltweit benötigten Getriebe.

Da sich die Streithähne offiziell kaum zur Sache äussern, bleibt unklar, worum es genau geht. Das Handelsblatt berichtete am Freitag, VW habe bei einem Zulieferer Qualitätsmängel geltend gemacht, was aus dessen Sicht aber nur dazu gedient habe, Preisnachlässe zu erzwingen. VW solle dann einen Folgeauftrag für Prevent zum Kauf von Sitzbezügen gestoppt haben, und der Zulieferer verlange nun eine Entschädigung für bereits geleistete Investitionen. Laut einem in dem Bericht zitierten Sprecher der Prevent-Gruppe herrscht bereits seit Jahren ein grundlegendes Misstrauen gegenüber dem Einkaufsgebaren von VW und dessen für Zulieferer unzumutbaren Praktiken.

In Branchenkreisen ist es ein offenes Geheimnis, dass VW bereits vor, aber vor allem auch nach dem Diesel-Skandal, der das Unternehmen eine zweistellige Milliardensumme kostet, den Druck auf die Zulieferer in Sachen Preisgestaltung nochmals deutlich erhöht hat. Vielen Zulieferern von gross bis klein stösst das schon länger sauer auf. Sie sind entweder nicht bereit oder auch nicht in der Lage, für Dinge zu büssen, die sich der Volkswagen-Konzern selber eingebrockt hat.

Gegen Car Trim hat das Landgericht Braunschweig inzwischen eine einstweilige Verfügung erlassen, nachdem mündlich verhandelt worden ist. Dagegen hat der Zulieferer bisher keine Berufung eingelegt. Gegen den Gussteile-Lieferanten ES Automobilguss entschied das Gericht per Beschluss ohne Verhandlung. Dagegen hat der Lieferant Widerspruch eingelegt, weshalb die Verhandlung am 31. August nachgeholt werden soll. Alle Entscheidungen sind derweil vollstreckbar.

Pfändungen mit Polizeischutz?

VW droht daher nun, wie ein Unternehmenssprecher gegenüber der Nachrichtenagentur DPA sagte, mit allen gesetzlich vorgesehenen Mitteln eine zwangsweise Durchsetzung der Belieferung vorzubereiten. Dazu würden Ordnungsgeld, Ordnungshaft und Beschlagnahmungen gehören. VW könnte mit anderen Worten den Gerichtsvollzieher schicken und bereits produzierte Teile pfänden und abtransportieren lassen – notfalls mithilfe der Polizei.