Ueslei Marcelino / Reuters

Eine Region am Scheideweg

Zeit für Realismus in Lateinamerika

von Tjerk Brühwiller / 22.06.2016

Die Bonanza der letzten Jahre wird nicht zurückkehren. Will Lateinamerika seinen Aufstieg fortsetzen, braucht es ein neues Wachstumsmodell.

Es schien alles so einfach vor zehn Jahren: Der Erdölpreis kratzte an der 80-Dollar-Marke, Chinas Hunger nach Rohstoffen war unersättlich, die Welt schrie nach Soja und anderen Agrarprodukten, und Lateinamerika hatte von allem reichlich. Es war ein goldener Moment für viele Länder der Region. Schneller als je zuvor schwand die Armut, und es wuchs eine bescheidene Mittelschicht heran. Niemand – und offenbar am wenigsten die populären Präsidenten, die auf der Welle ritten – schien mit einem Ende der Bonanza gerechnet zu haben. Heute allerdings, wenige Jahre nach dem Höhepunkt des Wachstums, stecken etliche der hochgejubelten Boomländer in der Krise und kämpfen mit aufgeblähten Staatsausgaben und den gestiegenen Bedürfnissen einer Bevölkerung, die nun plötzlich etwas zu verlieren hat.

Zurück in die Armut?

Während einzelne Länder wie Brasilien oder Venezuela nicht nur in die Rezession, sondern auch in tiefe politische Krisen gerutscht sind, halten sich andere wie Peru oder Kolumbien auf einem ansehnlichen Niveau. Doch der Trend in der Region ist deutlich. Seit 2010 sinkt das Wirtschaftswachstum in fast allen Ländern und auch über die gesamte Region betrachtet. In diesem Jahr dürfte die Wirtschaft Lateinamerikas gar schrumpfen. Laut einer Studie des Entwicklungsprogramms der UNO (UNDP) hat sich die Zahl der Armen in Lateinamerika und der Karibik erstmals seit zehn Jahren wieder erhöht. Von denen, die es in den letzten 15 Jahren aus der Armut geschafft haben, laufen nun viele Gefahr, wieder in die Armut zurückzufallen. 25 bis zu 30 Millionen Personen befinden sich laut dem UNDP in dieser Situation der Vulnerabilität.

Es ist nicht Zeit für Pessimismus, sondern Zeit für Realismus.

Carlos Gustavo Fernández Valdovino, Paraguays Zentralbankchef

Die führenden Köpfe aus Politik und Wirtschaft, die vergangene Woche in der kolumbianischen Metropole Medellín zur regionalen Ausgabe des World Economic Forum (WEF) zusammengekommen sind, sind sich des Risikos bewusst. Es wäre fatal, wenn die Krise zu einem Rückgang der sozialen Investitionen führen würde, stellt Ernesto Samper fest, der Präsident der Union Südamerikanischer Staaten (UNASUR). Die Herausforderung bestehe darin, dies zu verhindern. Viele sehen die Krise und das Ende des von Rohstoff getriebenen Wachstums genau aus diesem Grund auch als eine Chance für die Region. „Es ist nicht Zeit für Pessimismus“, formuliert es Paraguays Zentralbankchef Carlos Gustavo Fernández Valdovino, „sondern Zeit für Realismus.“ Die Region müsse sich einer neuen Realität anpassen. Wer dies am besten tue, der werde überleben. Das darwinsche Gesetz gelte auch in der Wirtschaft.

Besinnung auf Privatsektor

Die Problemanalyse für Lateinamerika ist nicht neu. Die Region mag zwar äußerst heterogen sein, doch in einigen Aspekten kämpfen alle Länder mehr oder weniger mit denselben Problemen. Ein schlechtes Bildungswesen und eine mangelhafte Infrastruktur drücken die Wettbewerbsfähigkeit der Region und hemmen deren Entwicklung. Im Grunde machen die meisten Länder heute noch dasselbe wie zur Kolonialzeit: Sie exportieren Rohwaren.

Um das zu ändern und eine Diversifizierung der Wirtschaft herbeizuführen, sind Investitionen in Bildung und Innovation nötig – darüber bestand in Medellín Einigkeit. Die Bildung sei der Schlüssel zu einem Wachstum, das alle einschließe, und sei die beste soziale Investition, sagte Kolumbiens Präsident Santos in einem Gespräch mit seinem argentinischen Amtskollegen Macri. Die beiden strichen neue Technologien hervor, um besseren Zugang zu Bildung und damit mehr Chancengleichheit zu schaffen.

Argentiniens Präsident Mauricio Macri in der Provinz Tucumán
Credits: Keystone

Um Lateinamerika im internationalen Wettbewerb nicht ausschließlich als Rohstofflieferanten zu positionieren, eine größere Wertschöpfung in der Region zu generieren und die Produktivität zu erhöhen, braucht es zudem erhebliche Investitionen in die Infrastruktur, in die Industrie und in Forschung und Technik. Das Potenzial in Lateinamerika sei sehr groß, stellt Hugh Welsh vom niederländischen Chemie- und Pharmamulti Royal DSM fest. Es gebe Raum für Wachstum und Wertsteigerung, denn diese Entwicklung stehe in Lateinamerika erst am Anfang.

Die Rolle des Privatsektors wird entscheidend sein für den Übergang zu einem neuen Wachstumsmodell, und das aus einem simplen Grund: Viele Länder haben ihre Staatsausgaben in den Boomjahren markant angehoben und kämpfen nun mit wachsenden Defiziten. Der Spielraum für staatliche Investitionen ist klein geworden. Ein Umdenken, weg vom omnipotenten Staat, ist notwendig. Dass dies auch im sehr staatsgläubigen Lateinamerika möglich ist, beweist beispielsweise Kolumbien. Dem Land ist es gelungen, das Haushaltsdefizit zu verkleinern, ohne die Entwicklung des Landes zu beeinträchtigen.

Kolumbiens Finanzminister Mauricio Cardenas nennt es „intelligente Austerität“: „Wir wachsen, ohne die Ausgaben anzuheben.“ An die Stelle des Staates sei der Privatsektor getreten, der die Infrastruktur vorantreibe, erklärt er. Von den 28 geplanten Infrastrukturprojekten im ganzen Land sind die meisten bereits finanziert – dank privaten Investoren. Kolumbien wird sich in den kommenden fünf Jahren in eine große Baustelle verwandeln, die Arbeit schafft und Wachstum generiert. 2016 wird Kolumbiens Wirtschaft voraussichtlich mehr als 3 Prozent zulegen. Ein mögliches Ende des bewaffneten Konflikts im Land hebt die Erwartungen weiter an.

Öffnung bis nach Kuba

Laut Marisol Argueta de Barillas, der Direktorin des WEF für Lateinamerika, muss sich die Partnerschaft zwischen dem Privatsektor und der öffentlichen Hand nicht auf Infrastrukturprojekte beschränken. Es gebe zahlreiche Sektoren, die sich sogenannten Public-Private-Partnerships öffnen könnten.

Die Öffnung Lateinamerikas sehen viele der Führungsfiguren aus Politik und Wirtschaft als eine große Chance, die Region auf einen neuen Kurs und zu einem nachhaltigen Wachstum zu führen. Gemeint ist damit auch die Öffnung gegenüber dem Rest der Welt und innerhalb der Region selbst.

Ein positives Beispiel ist die Entwicklung in Argentinien. Das Land hat unter Präsident Macri einen jahrelangen Schuldenstreit mit Hedge-Fonds beendet. Argentinien musste zwar einen großen Teil der ausstehenden Summen zurückzahlen, konnte nun jedoch auf die internationalen Finanzmärkte zurückkehren. Zudem wurden Importschranken und andere protektionistische Hürden abgebaut. Die Antwort der Investoren kam postwendend. Argentinien wird in diesem Jahr ein Vielfaches der Investitionen vergangener Jahre erhalten. Seine Regierung habe die Fehler der Vorgänger rückgängig gemacht und das Vertrauen zurückgewonnen, sagt Macri. „Das schafft Arbeit und senkt die Armut.“

Argentiniens Drang nach Öffnung geht noch weiter. Macri hat ein sehr großes Interesse, sich möglichst bald der Pazifik-Allianz anzuschließen. Die Freihandelsassoziation zwischen Mexiko, Kolumbien, Chile und Peru zeigt sich im Gegensatz zum trägen und protektionistisch veranlagten Mercosur um Brasilien, Argentinien, Paraguay, Uruguay und Venezuela sehr dynamisch und resultatorientiert. Für Argentinien gebe es nicht nur eine Option, man werde sich nicht auf den Mercosur versteifen, sagt Macri.

Perus Präsident Ollanta Humala, Chiles Präsidentin Michelle Bachelet, Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto und Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos bei einem Treffen der Pazifischen Allianz in Punta Mita
Credits: Reuters

Der Erfolg gibt der Pazifik-Allianz recht. Die vier Mitgliedstaaten gehören zu den Wachstumstreibern der Region. Für die kolumbianische Industrie- und Handelsministerin Maria Claudia Lacouture sind vielseitige Handelsabkommen zum unabdinglichen Instrument geworden, um der Wirtschaft neue Märkte zu erschließen und ihr damit neue Impulse zu geben. Die Pazifik-Allianz habe für die Mitgliedstaaten Priorität, denn sie sei nicht nur ein Handels-, sondern auch ein Integrationsabkommen, sagt Lacouture. China, das heute wichtigster Handelspartner Lateinamerikas ist, hat bereits Beobachterstatus in der Pazifik-Allianz. Die Allianz sei innerhalb kurzer Zeit zu einer wichtigen Handelsplattform geworden, stellt Yin Hengmin, Sondergesandter für Lateinamerika des chinesischen Außenministeriums, fest.

Ein spannender Öffnungsprozess entwickelt sich auch an einem anderen Ort Lateinamerikas: in Kuba. In Medellín war unter anderem auch Rodrigo Malmierca Díaz zugegen, der kubanische Minister für Außenhandel, der sein Land auf überraschend pragmatische Art und Weise als Ziel für Investitionen aus dem Ausland bewarb. Die Karibikinsel ist in vieler Hinsicht wirtschaftliches Brachland.

Praktisch alle Sektoren – von Landwirtschaft bis Tourismus – werden in den kommenden Jahren einen hohen Investitionsbedarf aufweisen, wobei sich Kuba der Privatwirtschaft nicht verschließen wird. Kuba hat dabei etwas, das andere Länder der Region nicht von sich behaupten können: funktionierende Institutionen, die unter anderem sehr gut ausgebildete Arbeitskräfte hervorbringen. Damit das kubanische Wirtschaftswunder vollends Tatsache werden kann, ist jedoch eine komplette Aufhebung des Handelsembargos unumgänglich.

Bleibende Zweifel

Trotz all der versprühten Zuversicht dürften die meisten Teilnehmer des WEF mit gemischten Gefühlen nach Hause gereist sein. Denn neben den Diskussionen über Chancen, Wachstum und Prosperität hallten auch jene über die Krisen in Venezuela und Brasilien nach. Es waren Diskussionen, welche die Schwächen der Region schonungslos aufdeckten und Zweifel wecken. Zwar dürfte die Talsohle in Brasilien mit einem negativen Wachstum von voraussichtlich 3,8 Prozent in diesem Jahr erreicht sein.

Und in Venezuela wächst die Hoffnung auf ein Referendum zur Absetzung von Präsident Maduro oder einen Dialog der Regierung mit der Opposition. Doch genauso gut könnten sich die Krisen in den beiden Ländern weiter vertiefen. Sie sind am Ende nicht rein wirtschaftlicher, sondern vor allem politischer und institutioneller Natur und deshalb besonders unberechenbar.

Venezuelas Präsident Nicolas Maduro bei einer Kundgebung in Caracas
Credits: MARCO BELLO/Reuters

Hier zeigt sich die Fragilität Lateinamerikas, die Unberechenbarkeit einer Region, deren Demokratien zwar stabil sind, die jedoch erhebliche institutionelle Schwächen aufweist. Die Folgen – Korruption, Rechtsunsicherheit und mehr – können auch durch einen starken Privatsektor nicht kompensiert werden. Politische Spannungen könnten sich im Zuge einer wirtschaftlichen Krise und verstärkt durch die gestiegenen Ansprüche einer immer informierteren Gesellschaft verschärfen. Sie stellen damit die Länder Lateinamerikas und deren Institutionen weiterhin vor ernsthafte Prüfungen. Auch diesbezüglich steht Lateinamerika vor großen Herausforderungen.