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Wirtschaftsblatt-Aus

Zeitungssterben: Raunz nicht, kauf!

Gastkommentar / von Franz Schellhorn / 21.08.2016

Als die Nachricht die Runde macht, dass das Wirtschaftsblatt eingestellt wird, erschallt der Ruf nach dem Staat. Das ist in Österreich nichts Ungewöhnliches, sondern eine geradezu natürliche Reaktion. Dabei fehlte es dem Wirtschaftsblatt nicht an Presseförderung, sondern an zahlenden Kunden.

Die Geschäftsidee lag irgendwie auf der Hand: Mit dem Beitritt zur Europäischen Union wurde Österreich von einer Aufbruchsstimmung erfasst, das ganze Land trat aus dem Schatten des Eisernen Vorhangs, die Wirtschaft florierte, es wurde investiert, es ging wieder bergauf. Was lag näher, als die erste täglich erscheinende Wirtschaftszeitung ins Leben zu rufen und damit eine der letzten Lücken in der österreichischen Medienlandschaft zu schließen? Das Wirtschaftsblatt wurde aus der Taufe gehoben, Österreich schien einen weiteren Schritt in Richtung Moderne zu machen.

Munter wachsende Kosten, sinkende Erlöse

21 Jahre später ist das Blatt am Ende, am 2. September soll es zum letzten Mal gedruckt werden. Es ist nicht die erste Zeitung, die eingestellt wird, was die Sache aber nicht einfacher macht. Der Aufschrei in der Wirtschaft ist groß, die 66 betroffenen Mitarbeiter sind verzweifelt. Letzteres ist verständlich, denn die Chancen stehen schlecht, im Printjournalismus einen neuen Job zu finden.

Die gesamte Branche steckt in einer existenziellen Krise, die sich mit jener der Luftfahrt vergleichen lässt: Die Erlöse brechen ein, während die Kosten munter wachsen. Allein seit Ausbruch der Krise sind die Anzeigenerlöse im österreichischen Printmarkt um gut ein Drittel gesunken, hinzu kommen die deutlich spürbaren Folgen der Digitalisierung, auf die noch kein Verlag eine passende Antwort gefunden hat.

Aus Sicht der geschockten Belegschaft und vieler Branchenbeobachter sei das Blatt aber nicht am schlechten Umfeld gescheitert. Sondern an einer unfähigen Geschäftsführung, die den Laden in den Abgrund gespart habe. Und natürlich auch an einer verfehlten Medienpolitik, die mit der Fördergießkanne durch die Gegend spaziere, statt gezielt Qualitätsmedien zu unterstützen. Auch wenn man schon hochzufrieden sein darf, dass noch niemand die Verstaatlichung des Wirtschaftsblatts ins Spiel gebracht hat, sei die Frage erlaubt, inwiefern ein mehr an Presseförderung die Zeitung hätte retten sollen.

Verluste am laufenden Band

Zumal es dem Wirtschaftsblatt ja nicht an steuerfinanzierter Presseförderung fehlte, sondern an zahlender Kundschaft. Und das nicht erst seit gestern, sondern seit seiner Gründung. Derzeit sind es 15.000 Abonnenten, davon rund 10.000 Vollzahler, hinzu kommt noch die Laufkundschaft in den Trafiken. Das ist nicht besonders viel, weshalb auch allein seit 2003 Verluste in Höhe von knapp 25 Millionen Euro angehäuft wurden. Gerüchten zufolge soll es auch einmal einen zarten Gewinn gegeben haben, dessen ungeachtet waren rote Zahlen die Regel, nicht die Ausnahme.

Selbst in den Jahren des Anzeigenbooms vor dem Platzen der Blase im Jahr 2008 wurden Verluste geschrieben, so etwas macht sich nicht gut, schon gar nicht für ein Unternehmen, das sich Wirtschaftsblatt nennt. Statt dem Management vorzuwerfen, die Zeitung kaputtgespart zu haben, wäre wohl naheliegender, der Konzernführung einmal in aller Form dafür zu danken, die Verluste so lange abgedeckt zu haben. Nicht von den Eigentümern, sondern von der Belegschaft.

Nachher klagen statt vorher kaufen

Hätten alle, die nun das Ende des Wirtschaftsblatts mit betretenen Gesichtern bedauern, selbiges auch regelmäßig gekauft, müsste es nicht eingestellt werden. Während Politiker und Branchenvertreter zu neuen staatlichen Eingriffen aufrufen, scheint niemand auf den Gedanken zu kommen, dass der österreichische Markt eine täglich erscheinende Wirtschaftstageszeitung schlicht und ergreifend nicht trägt.

Wir haben es schließlich mit einem Land zu tun, in dem es immer noch chic ist zu behaupten, von Wirtschaft überhaupt keinen Tau zu haben – was freilich niemanden davon abhält, sich nach dem eingestandenen Nichtwissen zu den komplexesten ökonomischen Problemen zu äußern und jedem ungefragt die Welt der Wirtschaft zu erklären.

This country is too small for a daily Wirtschaftsblatt…

Wir leben in einem Land, in dem der Staat der größte Wirtschaftsfaktor ist und private Unternehmer von gesetzlich vorgeschriebenen Interessenvertretern in Videos als profitgeile Blutsauger vorgeführt werden, deren einziges Ziel es ist, ihre unwissende Kundschaft nach Strich und Faden auszunehmen und dabei noch kräftig Steuern zu hinterziehen. Und zu guter Letzt leben wir in einem Land, in dem Aktionäre als übles Spekulantenpack denunziert werden, deren freudigste Beschäftigung es ist, für ein paar Prozent Rendite hunderte Mitarbeiter zu feuern. Weshalb hierzulande selbst die wenigen Gutverdiener dem Sparbuch gegenüber dem Teufelspapier namens Aktie den Vorzug geben, Nullzinsen hin oder her.

Österreich bietet einer täglich erscheinenden Wirtschaftszeitung also kein Umfeld, das als günstig zu bezeichnen wäre. Insofern war die Geschäftsidee vielleicht doch nicht so gut.