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Österreichs Unternehmen

Zielpunkt ist der Vorbote einer Insolvenzwelle

von Lukas Sustala / 30.11.2015

Die Pleite von Zielpunkt ist die größte Insolvenz des Jahres. Und sie ist ein Vorbote von weiteren Firmenpleiten. Dafür sprechen mehrere Indikatoren.

Das Jahr 2015 erlebt seinen vorläufigen Tiefpunkt in wirtschaftlicher Hinsicht. Am letzten Tag des Novembers ist die Handelskette Zielpunkt die vorläufig größte Pleite des Jahres geworden. Zielpunkt hat mit insgesamt rund 210 Millionen Euro Insolvenzschulden Konkurs beantragt, mehr als 2.700 Mitarbeiter an 229 Standorten bangen um ihre Jobs (Erste Daten der Anwälte sehen Sie links in der Tabelle). Die erste Folgeinsolvenz nach Zielpunkt dürfte der Zulieferer Schirnhofer sein, das Fleischereiunternehmen hatte bereits zuvor knapp 70 Mitarbeiter zur Kündigung angemeldet.

Doch was verrät uns die Zielpunkt-Pleite über die aktuelle Wirtschaftslage? Es waren gerade auch Managementfehler, die Zielpunkt zu Fall brachten, auf den ersten Blick relativ wenige. Doch erste Indizien zeugen davon, dass es bei den Unternehmensinsolvenzen schlechter wird, ehe es wieder besser wird. Zielpunkt dürfte damit Vorbote einer Pleitewelle sein, auch wenn die Gründe für die Zielpunktinsolvenz ziemlich eigentümlich sind. Warum?

Die miese Stimmung

Der Rückgang der Insolvenzen zuletzt war mir suspekt.

Gerhard Weinhofer, Creditreform

Gerhard Weinhofer, Geschäftsführer des Gläubigerschutzverbandes Creditreform, ist an sich überrascht. Aber weniger wegen der Zielpunkt-Pleite, sondern darüber, dass eigentlich relativ wenige Unternehmen 2015 Insolvenz angemeldet haben. Wenn sich das vierte Quartal ähnlich wie in den vergangenen Jahren entwickelt, dann könnten es dieses Jahr weniger als 5.500 Firmeninsolvenzen werden.

Dabei hält sich die schwache Wirtschaftslage hartnäckiger, als viele Unternehmer in ihren Business-Plänen berücksichtigt haben. Daher ist Jurist Weinhofer angesichts der aktuellen Datenlage skeptisch: „Der Rückgang der Insolvenzen zuletzt war mir suspekt, weil man von den Unternehmen ja andere Dinge hörte. Mit der Umsatzentwicklung, der Gewinnentwicklung und der Personalentwicklung ging es ja zuletzt eher bergab.“

Die Creditreform führt selbst zweimal im Jahr Umfragen in der österreichischen Wirtschaft durch, um zu analysieren, wie es um die Gesundheit der Unternehmen steht. Die Zahlen zeugen von einer anhaltenden Eiszeit in der österreichischen Wirtschaft. Im Bau und im Handel sehen Unternehmer die zukünftige und die aktuelle Geschäftsentwicklung besonders kritisch. „Der Pessmismus ist leider nicht nur in der breiten Masse, sondern auch in der Elite angekommen“, warnt Weinhofer.

Inbsondere im Bau müsse man sich im kommenden Jahr auf eine weitere Verschlechterung einstellen. Weil in einigen Gemeinden und Ländern der Spardruck hoch ist, werden Bauprojekte hintangestellt. Auch Private haben zuletzt auf größere Investitionen verzichtet.

Strukturell weniger Gründungen

Einer der Gründe, warum es trotzdem nicht mehr Insolvenzen gab, ist an sich ein negativer: Es gibt auch weniger Gründungen. Das scheint auf den ersten Blick paradox, auf den zweiten Blick ist aber klar, wieso weniger Gründungen zu weniger Insolvenzen führen. Weil die meisten Unternehmen keine lange Lebensdauer haben, führt eine geringe Gründungsdynamik automatisch mittelfristig auch zu einer niedrigeren Zahl an Insolvenzen. Dazu kommt natürlich noch der zweite Effekt, dass Neugründungen in den meisten Fällen auch neue Konkurrenz bedeuten und etablierte Unternehmen unter Druck setzen.

Eigenkapital gesucht

Zielpunkt ist damit ein Vorbote einer neuen Pleitewelle, die nichts mit Zielpunkt zu tun hat. Die Probleme bei Zielpunkt waren gerade auch hausgemacht, die immer modernere Konkurrenz zog der Kette mit dem altmodischen Auftreten davon. „Idiosynkratisch“ würden das die Risikomanager nennen. Bei Zielpunkt haben sich eben „eigentümliche“ Fehler des Managements und der Eigentümer über die Jahre summiert, sodass das Unternehmen schließlich am Ende war.

Weinhofer erwartet unabhängig von Zielpunkt nun mehr „systematisches“ Risiko für steigende Pleiten. Neben des geringen Wachstums sind das vor allem die schwierigen Konditionen für neue Bankkredite. „Die Zinsen sind zwar niedrig, und damit können einige Banken die Unternehmen noch ein bisschen länger durchtragen“, sagt Weinhofer. Doch gleichzeitig schrauben die Banken die Anforderungen an die Sicherheiten der Unternehmen nach oben, weil sie von den neuen Regularien dazu angehalten werden. Das führt zur paradoxen Situation, dass Geld am Zinssatz gemessen zwar billig ist, aber der Weg zum Kapital deutlich holpriger ist als gewohnt.

Und so haben sich in den vergangenen Jahren die Zielpunkte von den übrigen Unternehmen immer stärker abgekoppelt. Der Anteil der Unternehmen mit schlechter Kapitalausstattung (unter zehn Prozent Eigenkapital an der Bilanzsumme) ist zuletzt wieder gestiegen. Jener der gut ausgestatteten Unternehmen aber auch.

Zu schlechter Letzt kommen im Handel noch weitere Probleme dazu. Kritischere und preisbewusstere Konsumenten nutzen immer stärker Preisvergleichsportale oder Second-Hand-Plattformen im Internet. „Der traditionelle Einzelhandel bleibt auf der Strecke, weil er ja eine viel breitere Kostenbasis hat, von Transport über Mieten bis zu Personal“, warnt Weinhofer. Eine Marktbereinigung ist in so einem Umfeld eher eine Frage der Zeit.