Zu viel Rücksicht auf die Banken

von Erich Weede / 03.12.2014

Im Buch „House of Debt“ zeigen die Ökonomen Atif Mian und Amir Sufi, warum Kreditrisiken nicht nur vom Schuldner getragen werden dürfen. Erich Weede, Professor emeritus für Soziologie an der Universität Bonn, hat das Buch für die NZZ rezensiert.

Atif Mian lehrt in Princeton, Amir Sufi in Chicago. Sie haben das Buch nach eigenem Bekunden geschrieben, weil die Politik und die Zunft der Ökonomen zu viel Rücksicht auf die Sichtweise und die Interessen der Bankwirtschaft nehmen und weil sie da eine grundlegende Korrektur für erforderlich halten. Das Buch besteht aus drei Teilen, wobei die ersten beiden diagnostisch sind und der Rest therapeutisch orientiert ist.

Heikle Risikokonzentration

Gleich zu Anfang zeigen sie, dass eine massive Zunahme der Verschuldung der Haushalte fast immer Vorläufer einer Rezession ist. Bei der jüngsten Krise der amerikanischen Wirtschaft kam hinzu, dass immer mehr einkommensschwache Familien in Eigenheime investiert hatten und zudem mit Verbriefungen zur Intransparenz und Vernachlässigung der Kreditrisiken beigetragen worden war. Diese Verschuldung war deshalb gefährlich, weil sie die Risiken beim Schuldner konzentrierte, der weniger als der Kreditgeber in der Lage war, die mit der Investition oder dem Hauskauf verbundenen Belastungen zu tragen. Wenn der Hauskäufer 20 Prozent Eigenkapital in sein Eigenheim investiert und dieses einen Wertverlust von 20 Prozent erleidet, dann verliert zunächst der Käufer und Schuldner sein Geld und der Kreditgeber noch gar nichts. Schulden sind wegen der Risikokonzentration das genaue Gegenteil einer Versicherung.

Die Autoren betonen, dass der Rückgang der Haushaltsausgaben für die Rezession und die Arbeitsplatzverluste in den USA verantwortlich war. Die Überschuldung der Hauskäufer und der Wertverlust der Objekte haben schon 2007, also vor dem Untergang von Lehman Brothers, zu einem Nachfragerückgang geführt.

Von einer Überwindung der Krise durch Zinssenkung, Lohn- und Preissenkungen und einer Tieferbewertung der Währung versprechen sich Mian und Sufi wenig, weil die Nominalzinsen nicht ohne Weiteres unter null fallen können und weil Löhne und Preise (nach unten) zu wenig flexibel sind. Dasselbe gilt für die Rettung der Banken, das heißt jene der Bankaktionäre und Gläubiger der Finanzinstitute. Auch wenn die Zentralbank die monetäre Basis stark erweitert, kommt die Kreditvergabe nicht sehr schnell in Gang, weil überschuldete Haushalte und Unternehmen kaum neue Gelder aufnehmen und Banken trotz hoher Reserven bei der Zentralbank keine Mittel an unsichere Abnehmer ausleihen wollen. Mian und Sufi betonen, dass man die Überschuldung nicht durch mehr Kredite in den Griff bekommt, dass das Problem direkt angegangen werden muss. Die Verbriefungen haben das allerdings wesentlich erschwert, weil es danach keine einfachen Rechtsbeziehungen zwischen kreditgebender Bank und Kreditnehmer mehr gab, bei denen beiderseitig vorteilhafte Veränderungen der Vertragskonditionen möglich blieben.

Bei beschränkt zahlungsfähigen Kreditnehmern kann ja der partielle Verzicht des ausleihenden Instituts dazu beitragen, dass es einen größeren Teil des Kredits zurückerhält, als wenn es vergeblich auf voller Rückzahlung und Verzinsung besteht. Theoretisch könnte man die Lastenteilung unter Kreditgebern und -nehmern durch Inflation verändern, aber Mian und Sufi versprechen sich auch davon wenig. Sie schlagen deshalb eine neue Art von Kreditvertrag vor, bei dem Schuldner und Ausleiher gemeinsam die Risiken von Wertverlusten und Wertsteigerungen tragen sollen. Sie verweisen gleichzeitig aber auch auf das politische Problem der staatlichen Privilegierung der Schuldenwirtschaft, etwa durch steuerliche Absetzbarkeit von Kreditzinsen beim Hauskauf in den USA.

Rolle der Politik ausgeblendet

Die Stärke des Buchs liegt darin, dass es gut geschrieben und leicht lesbar ist. Es bietet eine solide statistische Basis und erlaubt dem Leser nachzuvollziehen, wie Daten und Verallgemeinerungen zusammenhängen. Ich habe selten ein Buch gesehen, in dem die Datenauswertung für Laien so anschaulich gemacht worden ist wie hier. Das gilt auch bei schwierigeren Fragen wie Kausalität und Korrelation. Was das Buch indessen nicht leistet, ist ein Beitrag zu großen Kontroversen, etwa der Debatte zwischen Vertretern der österreichischen Schule und Keynesianern. Deutlich wird indessen, dass Mian und Sufi den Keynesianern näherstehen. Eine Lücke ist auch, dass die Rolle, welche die amerikanische Politik gespielt hat, als nicht kreditwürdige Käufer zum Eigenheimerwerb verleitet wurden, unterbelichtet bleibt. Aber die Leser dieses Werks haben das vermutlich schon anderswo gehört. Wegen der guten Verknüpfung von Theorie und Daten ist das Buch unbedingt lesenswert.