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Zuwanderung ist für Standortschwäche nur eine Ausrede

Meinung / von Leopold Stefan / 04.03.2016

In den jüngsten Wirtschaftsprognosen galten Flüchtlinge vor allem als Konjunkturspritze. Eine neue Studie des Wifo hebt jetzt hervor, wie Immigration das Wachstum in den vergangenen Jahren gehemmt hat. Die Anfälligkeit der österreichischen Wirtschaft für externe Schocks ist aber symptomatisch für eine langjährige Vernachlässigung des Standorts. 

Österreichs Wirtschaft wirkt eindeutig angeschlagen. In den letzten vier Jahren lag das BIP-Wachstum unter einem Prozent. Anfang des Jahres hingegen lag die Inflation bei 1,4 Prozent und war somit stärker als in der restlichen Eurozone – bis auf Belgien. Gleichzeitig stieg auch die Arbeitslosigkeit im Februar auf rekordhohe 12 Prozent.Die Arbeitslosenquote ohne Schulungsteilnehmer liegt bei 10,4 Prozent. In einer ökonomisch derart angespannten Lage löst der andauernde Zustrom von Flüchtlingen bei manchen ein mulmiges Gefühl aus. Die Nationalbank und der Fiskalrat versuchten solche Sorgen mit zwangsläufig über den Daumen gepeilten Schätzungen über den Konjunktureffekt von Asylwerbern zu entkräften. Demnach würden die knapp einhunderttausend Neuankömmlinge die Wirtschaftsleistung um rund 0,3 Prozentpunkte im laufenden Jahr erhöhen. Eine neue Studie des Wifo zeigt hingegen die negativen Auswirkungen der Migration auf Arbeitslosigkeit und Löhne in Österreich.

Eines vorweg: Die Ergebnisse schließen einander nicht aus. Die Konjunkturprognosen berücksichtigen schlichtweg die zusätzlichen Ausgaben für die Betreuung der Asylwerber, die der Staat vorerst indirekt über Schulden finanziert – ein keynesianischer Stimulus mit der Grundbetreuung.

In der Wifo-Studie spielt die Flüchtlingsmigration nur eine untergeordnete Rolle, da sie sich auf die vergangenen vier Jahre konzentriert, in denen erst wenige der Asylwerber in den Arbeitsmarkt eingetreten waren.

Zu wenig Stellen

Bereits in der Vergangenheit war die wachsende Migration aus EU-Staaten ein wesentlicher Faktor, warum die Arbeitslosigkeit in Österreich trotz höherer Beschäftigung seit Jahren kontinuierlich stieg. Die anderen Faktoren sind einerseits die älteren Arbeitnehmer aus geburtenstarken Jahrgängen, die nicht mehr so leicht in die Frühpension geschickt werden können, und andererseits Frauen, die weiterhin ihr Arbeitspensum ausbauen. Die steigende Arbeitslosigkeit hemmt wiederum das Wachstum.

Die Logik ist einfach: Übersteigt das Angebot an Arbeitskräften die offenen Stellen, wächst die Konkurrenz am Arbeitsmarkt und Unternehmen sparen bei Lohnerhöhungen. Niedrigere Realeinkommen senken wiederum die Konsumnachfrage, worunter das Wachstum leidet. Umgekehrt würden derzeit die Unternehmen trotz geringer Lohnkosten nicht mehr produzieren, da sie sich primär an der Nachfrage orientieren, sagt Studienautor Stefan Schiman vom Wifo.

Werden die Asylwerber, die nun sukzessive eine Arbeitsbewilligung erhalten, die Lage drastisch verschlimmern?

Die Arbeitslosigkeit wird wahrscheinlich weitersteigen, da die meisten Flüchtlinge gering qualifiziert sind und die neuen Stellen nicht füllen können. Jene, die als Facharbeiter konkurrenzfähig sind, stehen aber am ehesten im Wettbewerb mit EU-Bürgern aus den Nachbarländern. Allerdings hat diese Gruppe eher die Möglichkeit, sich in der Heimat oder in einem anderen Mitgliedsland nach Arbeit umzusehen, sollten die Aussichten in Österreich sich verdüstern – eine Option, die den Flüchtlingen kaum offensteht.

Die OeNB erwartet daher, dass die steigende Zahl der Asylwerber zum Teil durch geringere Binnenmigration aus dem Schengenraum kompensiert wird.

Die positive Nachricht muss daher lauten, dass sich die Konkurrenzsituation auf dem Arbeitsmarkt gewissermaßen zum Teil selbst reguliert und daher der Druck auf die Löhne nicht endlos wächst. Darüber hinaus bietet ein stetes Anschwellen von minderqualifizierten Arbeitskräften kaum einen Hebel für Unternehmen, bei künftigen Lohnverhandlungen knausrig zu bleiben.

Immigration muss keine Angst machen

Dass die Migration auch Ökonomen nervös macht, ist zwar nicht unbegründet, aber symptomatisch für die Anfälligkeit des Standorts auf externe Schocks.

Zwar stimmt es, dass sich in Deutschland, wo die Migration in den vergangenen Jahren geringer ausfiel als in Österreich, Wirtschaftswachstum, Reallöhne und Arbeitslosigkeit besser entwickelten als in Österreich. Aber auch Länder mit mehr Migration wie Schweden und die Schweiz erzielten höhere Wachstumsraten seit der Finanzkrise.

Was die Schweiz und Schweden jedoch eint: Beide Länder sind die einzigen, die in allen Kategorien bei fünf führenden Standortrankings Plätze unter den den Top 10 besetzen, wie eine Studie von Deloitte diese Woche gezeigt hat. Österreich wurde hingegen ein schlechtes Zeugnis ausgestellt, vor allem was Kosten und Regulierung betrifft.

Hätte Österreich ähnliche Rahmenbedingungen, wie sie vergleichbare kleine, wohlhabende und exportorientierte Volkswirtschaften in Europa geschaffen haben, müsste sich niemand wegen der Immigration um die Wirtschaft Sorgen machen.


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