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17 Thesen zum Nun-doch-nicht-Ende von Servus TV

Meinung / von Georg Renner / 04.05.2016

Update am Mittwoch, 16.50 Uhr: Das angekündigte Ende von Servus TV ist zurückgenommen worden, wie der Sender am Mittwochabend in folgender Aussendung verlauten hat lassen, alle Kündigungen wurden zurückgenommen. Besonders die Punkte 13 bis 16 meiner gestern Abend verfassten Anmerkungen scheinen mir weiter von besonderer Relevanz zu sein.

Mittwochnachmittag trafen sich die Verantwortlichen von Arbeiterkammer, Gewerkschaft und Red Bull. Basierend auf gegenseitiger Akzeptanz und Respekt sowie dem Verständnis der jeweiligen Positionen und Standpunkte kam es zu einem konstruktiven Gespräch betreffend Servus TV. Nicht überraschend für einen Betrieb, der für seine hohen sozialen Standards bekannt ist, lehnt die überwiegende Mehrheit der Mitarbeiter einen Betriebsrat ab. Im Gespräch mit AK und ÖGB wurde diese Haltung der Belegschaft respektiert und damit bestehende Vorbehalte beseitigt. Die Fortsetzung der partei-politischen unabhängigen Linie wird von allen Beteiligten begrüßt. Red Bull führt daher den Sender weiter, und die Kündigungen werden zurückgenommen.

Die Verantwortlichen glauben, dass sie dadurch eine gute Basis und Strategie gefunden haben, um die jeweiligen Ziele – die überwiegend gemeinsame und im Weiteren ähnliche Ziele sind – zu erreichen.

Hier der ursprüngliche Kommentar vom Dienstagabend:

Dietrich Mateschitz, der erfolgreichste Unternehmer Österreichs, hat entschieden: Irgendwann im Laufe des Sommers wird der Red-Bull-Fernsehsender Servus TV den Betrieb einstellen, 264 Mitarbeiter sind bereits beim AMS angemeldet. Wie das zu sehen ist, wird in den sozialen Medien intensiv diskutiert: Vom gierigen Turbokapitalisten bis zum selbstlosen Märtyrer reichen die Bilder, die da von Mateschitz gezeichnet werden.

Dazu einige kurze Anmerkungen:

  1. Mit Servus TV hat Dietrich Mateschitz gezeigt, dass auch private Sender in der Breite hohe Qualität abseits von Modelshows und Reality-Soaps liefern können.
  2. Er hat aber auch bewiesen, dass sich selbige Qualität aus dem österreichischen Markt ohne öffentliche (Gebühren-)Mittel nicht finanzieren lässt.
  3. Der Hauptgrund dafür: Die Sendungen von Servus TV wurden vom Publikum nicht in ausreichendem Ausmaß nachgefragt, um daraus auch nur ansatzweise kostendeckende Werbeerlöse erzielen zu können. 2015 verzeichnete der Sender einen Marktanteil von gerade einmal 1,7 Prozent am österreichischen Fernsehmarkt.
  4. Ein weiterer Grund: Der ORF, der Sendungen ebenfalls unbestritten hohen Niveaus dank Gebührenfinanzierung ohne Rücksicht auf den Markt produzieren kann und einem privaten High-Quality-Sender so das Publikum streitig macht. Zuletzt verzeichnete der – streckenweise vergleichbar programmierte – Qualitätskanal ORF 3, gegründet drei Jahre nach Servus TV, etwa denselben Marktanteil wie die Salzburger.
  5. Der Großteil der Sendungen auf Servus TV – von den Naturdokus „Terra Mater“ über die Politdiskussion „Talk im Hangar“ bis zu den Österreich-Impressionen „Heimatleuchten“ – zahlt praktisch nichts auf das Marketing-Konto des Energy-Drink-Herstellers und seiner blau-silbernen Extremsportwelt ein.
  6. All das dürfte dem Marketingprofi Mateschitz und seinem Team weitgehend klar gewesen sein, als sie Servus TV aus der Taufe hoben. Dass sie es trotzdem taten und den Sender Jahr für Jahr mit weiteren Finanzspritzen im hohen zweistelligen Millionenbereich am Leben erhielten und ausbauten, spricht dafür, dass es hier immer mehr um Mäzenatentum gegangen ist als um ein Unternehmen, das eines Tages Profit abwerfen würde.
  7. Gut möglich ist aber, dass der Finanzbedarf von Programm und Infrastruktur dann doch in einem Ausmaß höher war, das den daraus resultierenden Verlust für Red Bull – und da besonders für die thailändische Yoovidhya-Familie, die 51 Prozent an dem Konzern hält (gegenüber Mateschitz’ 49) – auf Dauer untragbar macht.
  8. Wenn ein Unternehmer nach sieben Jahren dauernder Investitionen feststellt, dass ein Ende mit Schrecken einer Verschwendung ohne Ende vorzuziehen ist, ist das sein gutes Recht. Wenn er darüber hinaus noch Miteigentümer hat, für die er als Manager arbeitet, ist es sogar seine Pflicht (Stichwort: Untreue), ein hoffnungslos verlustträchtiges Projekt zu beenden.
  9. Ein unternehmerisches Scheitern sollte in einer Gesellschaft kein Grund für Häme oder gar Hassbotschaften („die Gier ist ein Hund“) sein – schon gar nicht vonseiten der öffentlich finanzierten Konkurrenz.
  10. Geradezu absurd mutet an, wenn Servus TV an diesem Punkt von manchen als „Opfer des Kapitalismus“ dargestellt wird. Ohne den erfolgreichen Kapitalismus des Red-Bull-Konzerns hätte es den Sender, sein großartiges Programm und die mit ihm verbundenen Arbeitsplätze in den vergangenen sieben Jahren gar nicht erst gegeben.
  11. Das heißt natürlich nicht, dass Mateschitz und sein Stab in der Sache über jede Kritik erhaben wären. So wirkt die Schließung bzw. deren Ankündigung immer mehr wie eine Spontanaktion, nicht wie eine professionell durchgeplante Maßnahme, wie man sie von einem Weltkonzern erwarten würde.
  12. Dass beispielsweise noch vor wenigen Wochen neue Mitarbeiter gesucht, ein neuer Senderchef bestellt und, wie der Kurier berichtet, Mateschitz selbst versichert haben soll, dass kein Job gefährdet sei, erweckt eher den Eindruck eines Schnellschusses.
  13. Schlichtweg bizarr wirkt das von Mateschitz selbst gegenüber den Salzburger Nachrichten bestätigte Argument, eine anonyme Abstimmung über die Errichtung eines Betriebsrates habe die Entscheidung zur Schließung ausgelöst.
  14. Die Gründung eines Betriebsrates in einem 260-Mitarbeiter-Betrieb ist ein Recht der Belegschaft (genauso wie sich dagegen zu entscheiden, wozu die Mitarbeiter offenbar tendierten). Wer darauf mit der Schließung des Betriebs reagiert, dem ist jedes Gespür für Proportion abhanden gekommen.
  15. Die Vermutung, dass über einen Betriebsrat zwangsläufig Einfluss von Gewerkschaft und Partei auf die Redaktion entstehen müsste, wird schon durch zahlreiche Medien (auch Privatsender übrigens) Lügen gestraft, die einen Betriebsrat haben – ohne dass im Programm stündlich die Internationale abgesungen würde.
  16. Am Ende bleibt: Dass ein Mäzen, der auch anderen Eigentümern als sich selbst Rechenschaft schuldet, eine nicht nachhaltige Unternehmung einstellt, die es ohne seine Initiative nicht gegeben hätte, ist legitim. Das mit der Möglichkeit zu begründen, dass legitime Arbeitnehmerrechte ausgeübt werden könnten, ist kleingeistig.
  17. Dass der für Medien zuständige Kanzleramtsminister noch am offenen Servus-Grab mit mehr Förderungen für (die verbleibenden) Privatsender winkt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Dass genau jener durch Staatshandeln verzerrte Markt, dem Servus TV zum Opfer gefallen ist, durch noch mehr Verzerrung korrigiert werden könnte, bringt das medienpolitische Missverständnis der Regierung Faymann auf den Punkt.

Offenlegung: NZZ.at-Chefredakteur Michael Fleischhacker moderiert regelmäßig die Servus-TV-Diskussion „Talk im Hangar“.