Karikatur 1919

Nationalflagge

Als Österreich Neuseeland war

von Moritz Moser / 24.03.2016

Die neuseeländische Bevölkerung hat die Einführung einer neuen Flagge abgelehnt. Als Österreich 1918 vor einer ähnlichen Situation stand, entschied die Politik, ohne das Volk zu fragen.

Das provisorische deutschösterreichische Wappen geht auf Karl Renner zurück, kann sich allerdings, wie die alternativen Flaggenentwürfe in Neuseeland, nicht durchsetzen.

Die neuseeländische Flagge sieht der australischen sehr ähnlich. Beide zeigen das Kreuz des Südens, ein Sternzeichen auf einem sogenannten „Blue Ensign“, der britischen Dienstflagge zur See. Dass die neuseeländischen Sterne rot auf weißem Grund sind, sieht man auf die Entfernung nicht immer gut. Außerdem grüßt aus der Gösch, dem linken oberen Eck der Flagge, der britische Union Jack. Mit dieser Reminiszenz auf die Kolonialvergangenheit wollen nicht alle Neuseeländer leben. Das Land hat deshalb eine Unzahl inoffizieller Flaggen, von denen eine vom Österreicher Friedensreich Hundertwasser entworfen wurde.

Der Versuch von Premierminister John Key, die Flagge per Referendum ändern zu lassen, ist nun danebengegangen. Andere Länder haben sich von vornherein gegen ein Plebiszit entschieden. Kanada führte seine Ahornflagge ebenso mit Parlamentsbeschluss ein wie Österreich nach dem ersten Weltkrieg sein rot-weiß-rotes Banner.

Karl Renners Stadttor

Vor dem Haupttor der Hofburg weht eine rot-weiß-rote Fahne. Das Rathaus in Graz ist rot-weiß-rot und schwarz-rot-gelb beflaggt. Das Wiener Rathaus ist rot-weiß-rot beflaggt, der Bürgermeister lässt jedoch ‚zur Beruhigung‘ auch noch eine rote Flagge hissen.

Peter Diem

Den Parteien in der Konstituierenden Nationalversammlung fällt es nicht leicht, sich auf eine Flagge und ein Wappen zu einigen. Wie polarisiert die Gesellschaft zum damaligen Zeitpunkt ist, hat sich schon bei der Ausrufung der Republik am 12. November 1918 gezeigt: Als man vor dem Parlament die rot-weiß-rote Flagge hissen will, reißen Linksrevolutionäre den weißen Streifen heraus und ziehen die roten Fetzen hoch.

Das neue Wappen wird bald zum Ziel von Karikaturen, die den Zustand der jungen Republik beklagen.

Da die Mehrheit der Politiker den Anschluss an die Weimarer Republik befürwortet, will man zunächst auch die schwarz-rot-goldenen Farben der Revolution von 1848 einführen. Das erste Wappen der Republik stammt, wie die erste Hymne, aus der Feder von Karl Renner. Das von goldenen Ähren umkränzte schwarze Stadttor mit roten Hämmern erfreut sich allerdings keiner großen Popularität. Es gleiche eher einem Firmenlogo, wird bekrittelt. Insbesondere die Konservativen wollen ein Wappen mit dem traditionellen Adler.

Als die Staatsregierung der Nationalversammlung am 9. Mai 1919 ein neues Wappen vorlegt, greift man daher nicht nur auf den altvertrauten Raubvogel, sondern auch auf die Farben der Babenberger zurück, die bereits vor den ruinösen Habsburgern in Österreich geherrscht haben. Auf deutschnationalen Pathos kann der Berichterstatter freilich nicht verzichten, als er den Bundesadler dem Parlament vorstellt:

Der Adler ist das Sinnbild der Staatlichkeit und der Staatsgewalt, das Brustschild, das er trägt, weist die Farben Rot-Weiß-Rot auf; das sind die Farben der alten Ostmark, auf deren Boden unsere deutschösterreichische Republik entstanden ist.

Die Darstellung des Adlers sei, so der christlichsoziale Abgeordnete Ramek, zudem heraldisch „einwandfrei und das Wappen ist sicherlich in einer Form gewählt, welche die Gefahr ausschließt, daß es mit irgendwelchen gewerblichen oder kaufmännischen Schutzmarken verwechselt werden könnte“. Die Nationalversammlung beschließt Wappen und Siegel schließlich ohne weitere Debatte und einstimmig. Bei Volksabstimmungen kommt so etwas eher nicht vor. Die Neuseeländer lehnten den neuen Flaggenentwurf aber immerhin mit 57 Prozent der Stimmen ab.