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Arbeitslosigkeit

Alt, kaum qualifiziert – immer öfter arbeitslos

von Gerald Gartner / 01.02.2016

424.989 Menschen: Österreich hat die höchste Arbeitslosenzahl in der Geschichte der Zweiten Republik. Das trifft besonders Geringqualifizierte. Warum?

 

Wie ist es dazu gekommen?

Die Kurzfassung:

  • Die Anforderungen an Arbeitnehmer steigen seit Jahrzehnten.
  • Automatisierung ersetzt dank technologischer Fortschritte einfache Arbeitskräfte.
  • Schwache Konjunktur: Rationalisierungen treffen als Erstes wenig qualifiziertes Personal.
  • Geringqualifizierte arbeiten in körperlich anstrengenden Berufen und können wegen ihrer schlechter werdenden Gesundheit oft nicht mehr im gleichen Job weiterarbeiten.
  • Absolut gesehen hat ein großer Teil der österreichischen Bevölkerung nur Pflichtschul- oder Lehrabschluss.

Detaillierter:
Österreichs Beschäftigungsstruktur hat sich verschoben. Die Zahl der Arbeitsplätze für Menschen mit niedriger Qualifikation sinkt. Seit 2012 ist sie um 15 Prozent geschrumpft. „Das ist ein europaweiter Trend“, sagt Monika Köppl-Turyna, Ökonomin der Agenda Austria. Davon ausgenommen ist Osteuropa. Dort sind die Arbeitskosten niedrig, deshalb bleiben arbeitskräfteintensive Branchen dort.

Starke Konkurrenz im niedrig qualifizierten Bereich

Arbeiter aus Österreichs Nachbarstaaten übernehmen öfter Jobs heimischer Arbeiter. In den vergangenen vier Jahren hat sich die Zahl der Einpendler beispielsweise aus der Slowakei, aus Slowenien und speziell aus Ungarn vervielfacht.

Verdrängung durch Personen mit Migrationshintergrund ist per se kein neues Phänomen, die Dimensionen sind es aber. Mit 1. Mai 2011 sind die Übergangsfristen für die Arbeitsmarktöffnung für Arbeitskräfte aus allen EU-Staaten gefallen. Seither können Arbeitnehmer und Unternehmen Beschäftigungen im Land übernehmen – auch ohne Wohnsitz in Österreich. Viele dieser einpendelnden Menschen sind besser gebildet, jünger und mobiler als österreichische Arbeitnehmer, die für den Job infrage kommen würden. Wegen des höheren Lohnniveaus macht sich der Weg für sie bezahlt. Ergo: 1.000 neue Arbeitsplätze in Österreich heißen also nicht, dass 1.000 neue Arbeitsplätze für österreichische Arbeitslose geschaffen werden.

Die Lage wird sich in den kommenden Jahren nicht entspannen, sondern verschärfen. Tausende Flüchtlinge werden in den Arbeitsmarkt zu integrieren sein. Es wird von etwa 50.000 anerkannten Flüchtlingen ausgegangen. Sie werden zumindest zu Beginn mit den hiesigen Geringqualifizierten konkurrieren.

Wenig Bildung, mehr Schmerzen

Maurer, Fabriksarbeiter, Dachdecker: Wer beispielsweise in einem dieser Berufe tätig ist, leidet im Alter häufig an körperlichen Abnutzungserscheinungen. Häufig sind die Schmerzen so stark, dass der gleiche Beruf nicht wieder aufgenommen werden kann. Die Kombination aus höherem Alter, geringer Qualifikation und gesundheitlicher Einschränkung ist keine besonders gute Ausgangssituation, um einen neuen Beruf zu erlernen und zu bekommen. Schlechter gebildete Personen arbeiten häufiger in einem körperlich forderndem Beruf. 2013 waren etwa sieben Prozent der ausbezahlten Pension der Pensionsversicherungsanstalt der Invalidität des Antragstellers geschuldet.

Das alles passiert in einer Zeit, in der die Zahl der verfügbaren Jobs für Geringqualifizierte ohnehin stagniert oder fällt, die Konjunktur auf sich warten lässt und mehr unqualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen.

offenestellen

Standortnachteile wegen hoher Kosten

Vor allem die energieintensive Industrie klagt über Standortnachteile. Eine Studie von Industriellenvereinigung und voestalpine kommt zum Schluss, dass Unternehmen aus Deutschland und Österreich daher verstärkt im Ausland investieren. Die Arbeitskosten in Deutschland lägen bei 36,20 Euro pro Stunde (2013), in Österreich waren es 33,20 Euro. Beide Länder liegen über dem EU-Schnitt von 24,40 Euro, und die Arbeitskosten stiegen stärker als die Produktivität.

Neu entstehende Berufsbilder für schlecht ausgebildete Arbeitskräfte sind Mangelware. Zuwächse in Gastronomie, Zustelldiensten oder im Gesundheitsbereich können den Rückgang nicht ausgleichen.

Und was kann das Arbeitsmarktservice dagegen tun?

  1. Vermittlung
    Im besten Fall werden Arbeitskräfte, wenn sie ihren Job aufgegeben oder verloren haben, an den nächsten Unternehmer vermittelt. Im Vorjahr hatte das AMS etwa eine Million „Kundenkontakte“, also ausgeschriebene Jobs, via AMS weitervermittelt. Arbeitnehmer mit geringerer Qualifikation können auch in verwandten, aber nicht unmittelbar gleichen Branchen Fuß fassen. Beispielsweise ein Maurer, der im Baumarkt als Fachverkäufer untergebracht wird.
  2. Weiterbilden
    Gibt es für einen Arbeitnehmer in seinem alten Berufsfeld keine Perspektive, kann er umgeschult werden. „Das ist aber nur sehr begrenzt möglich“, sagt Marius Wilk, der das Büro des AMS-Vorstandes leitet. In der Tat gab es Kürzungen beim Schulungsprogramm.
  3. Beschäftigungsförderung
    Die Zahl der arbeitslosen Personen, die von der Beschäftigungsförderung des AMS profitiert haben, ist jüngst gesunken. Von 2014 auf 2015 hat sich die Zahl um 28 Prozent verringert, von 87.957 auf 63.385 geförderte Stellen. Das beinhaltet Förderungen der
  • EingliederungshilfeStellen für Arbeitnehmer über 45 Jahre oder potenziell Langzeitarbeitslose werden vom AMS subventioniert.
  • Gemeinnützige BeschäftigungsprojekteÄltere Langzeitarbeitslose und Menschen mit Behinderung werden in soziale Projekte eingebunden und beschäftigt.
  • KombilohnbeihilfeEin Arbeitsverhältnis von Personen, die länger als ein halbes Jahr arbeitslos sind, wird bis zu einem Jahr mit maximal 950 Euro monatlich gefördert. Die Förderung kann auf maximal drei Jahre ausgedehnt werden. Das soll ältere Arbeitnehmer, deren Gehalt nicht viel mehr als die Notstandshilfe wäre, zum Arbeiten motivieren.

Das Arbeitsmarktservice übernimmt also einen Teil der Lohnkosten und verschafft so Personen mit schlechten Einstiegschancen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Bewerbern.

Problematisch ist auch, dass immer mehr Menschen Gefahr laufen, die Verbindung zum Arbeitsmarkt zu verlieren. „Hier sehen wir Verfestigungstendenzen“, sagt Helmut Mahringer, Ökonomom am Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO). Manche Langzeitbeschäftigunglose wären selbst bei besserer Konjunktur nur schwer am Arbeitsmarkt vermittelbar. Es kommt zur Hysterese: Menschen verlieren an Qualifikation, und die erfolglose Arbeitsuche kann demotivierend wirken. Hier kann Arbeitsmarktpolitik mit gezielten Unterstützungsmaßnahmen einsetzen, denn mit langfristiger Ausgrenzung aus dem Erwerbssystem besteht die Gefahr, dass betroffene Arbeitslose nicht mehr in den Arbeitsmarkt integrierbar sind.

Interaktive Grafik: Fabian Lang.
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Hinweise zu den Daten Warum keine relative Betrachtungsweise in der interaktiven Grafik?Weil die Daten dafür nicht in der benötigten Tiefe vorhanden sind. Die nationale Arbeitslosenquote berechnet sich aus der Zahl der beim AMS vorgemerkten Arbeitslosen und den beim Hauptverband der Sozialversicherungsträger geführten unselbstständigen Beschäftigten. Die Zahl der Hauptverbandes fehlte für die Analyse. Wir haben insgesamt mit 72 Kategorien gearbeitet. Sie sind gegliedert nach Geschlecht, Herkunft, Alter, Bildungsgrad. Warum sind das Quartalszahlen der Arbeitslosen seit 2004?Die Grafik würde sonst leider zu lange auf Ihrem Endgerät laden. Sie würden die Geduld verlieren und nicht weiterlesen. Das wäre schade. Deshalb haben wir die Datenmenge von Monatsdaten auf Quartale zusammenfasst. Dafür haben wir den Durchschnitt herangezogen. Das führt dazu, dass die Saisonalität der Arbeitslosigkeit in bestimmten Gruppen nicht so stark sichtbar ist. Was verbirgt sich hinter dem Label „höhere Ausbildung“?Im violetten Farbton sind mittlere Ausbildung (Abschluss an einer Handelsschulen), höhere Ausbildung (abgeschlossene Matura) und akademische Ausbildung (Universitätsabschluss) zusammengefasst. Welche Bildungsabschlüsse sind bei der Grafik zu den offenen Stellen für Geringqualifizierte inkludiert?(Lehre+) Meisterprüfung, Teilintegrative Lehrausbidung, Lehre und offenen Stellen, die keine abgeschlossene Schule benötigen.