Herrnböck

Reportage aus Leibnitz

Angst kaufen Waffen auf

von Julia Herrnböck / 29.10.2015

Als „erschütternd“ beschreiben die Bewohner von Leibnitz und Umgebung den Menschenzug, der sich vergangene Woche erschöpft durch ihren Ort geschleppt hat. Geblieben ist ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Staat. Und die Lust, sich zu bewaffnen. 

Die Frau im Waffengeschäft druckst herum. „Was kann ich denn ohne Schein kaufen?“, fragt sie betont nebensächlich. „Alles, was Sie hinter mir sehen“, sagt die Verkäuferin mit einer ausladenden Armbewegung.

Hinter ihr an der Wand reihen sich etwa drei Dutzend Gewehre. „Die bekommen Sie alle ohne Waffenschein.“ Es handelt sich um Flinten und Büchsen. Wer mindestens 18 Jahre alt und nicht vorbestraft ist, kann sie in Österreich einfach kaufen und nach einer dreitägigen „Abkühlphase“ mit nach Hause nehmen. Die Frau ist verdutzt. Sie lässt sich zwei Modelle zeigen, streicht zaghaft über den Schaft. „Bei den zwei Läufen haben Sie zwei Schuss, da sind Sie auf der sicheren Seite“, erklärt ihr die Verkäuferin. – „Im Notfall kann ich mich auch mit der billigeren wehren, oder?“, will die Frau wissen. Ein einfacheres Modell kostet rund 350 Euro, die hochwertigen Flinten kosten bis zu 2.000 Euro und mehr.

Pfefferspray verkauft sich gut in der Südsteiermark. Schrotflinten aber auch.
Credits: Herrnböck

Die Frau geht ohne Gewehr nach Hause. Das Geschäft in dem Leibnitzer Waffenladen läuft aber auch ohne sie gut. Seit die Flüchtlinge vermehrt über die Südsteiermark nach Österreich kommen, horten die Menschen im Ort Pfefferspray, Gasdruckmaschinen und Gummigeschosse.

Der Nächste in der Schlange ist ein junger Mann im Jogginganzug, der nicht nur zum Schauen kommt. Er kauft eine Flinte und Munition. „Zum Sportschießen“, betont er. Aber ja, Angst habe er jetzt auch.

Die fremden Menschen, die seit Monaten hier ankommen, ängstigten vielleicht manche Bewohner, doch in Summe war die Menge überschaubar. Bis zum vergangenen Freitag.

Die Nachricht, dass tausende Menschen die Grenzzäune durchbrochen hätten und die Polizei der Masse machtlos gegenüberstehe, hat für Schrecken gesorgt. Gerüchte über geplünderte Supermärkte und Gewalt an jungen Frauen taten ihr Übriges. Oben drübergestreut: die „Lügenpresse“, die nicht schreibt, was tatsächlich passiert. Die Polizei? „Maulsperre“, sagt eine Kundin im Waffengeschäft.

„Sie legen sich überall hin“

Einige Bewohner stehen immer noch unter Schock vom vergangenen Freitag. Schockiert haben sie nicht die Flüchtlinge, sondern das Versagen des Staates.

S. ist ein junger Mann aus der Nähe von Wildon. Gegen Zusicherung seiner Anonymität ist er bereit zu erzählen, wie er und seine Familie die Situation erleben. Am Freitagabend rief ihn eine Nachbarin aufgebracht an. Er saß gerade in einer Fortbildung in Graz. Ein kilometerlanger Zug durchfrorener Menschen sei auf dem Weg zu ihrer Ortschaft. Die Menschen, die sich in dieser Nacht auf der B 67 Richtung Norden schleppten, seien erschöpft. „Sie legen sich überall hin“, sagte die Nachbarin. Erschütternd sei der Anblick gewesen, sagt S.

Er ruft seine Freundin an und schickt sie zu ihren Eltern. Sie ist schwanger, S. will nicht, dass sie alleine auf dem Hof bleibt. Die ersten Gerüchte machen die Runde, angeblich soll man kein Licht einschalten und nicht außer Haus gehen. S. kommt kaum mit dem Auto durch. „Die ganze Straße war voll, und die Polizei hat sie nur eskortiert, weil sie überfordert war.“ Die Feuerwehr weiß nicht weiter, Mitglieder des Jägerbataillons Steiermark waren für eine Übung zu Wochenbeginn abgezogen worden, erzählen einige Männer in Leibnitz und Spielfeld. Laut einem Oberst hatte das keinen Einfluss auf die Ereignisse der Nacht. Die Menschen in der Region haben es dennoch so abgespeichert.

Ein Staat, der nicht in der Lage ist, seine Grenzen zu schützen: Diese Vorstellung ist ein Albtraum für einen Ort, der nur 25 Kilometer von der slowenischen Grenze entfernt liegt.

Der Spar in Leibnitz wurde nicht, wie in der Kronen Zeitung behauptet, geplündert. Trotzdem hält sich das Gerücht.
Credits: Herrnböck

Passiert ist an diesem Abend nichts. Zumindest gibt es keine Anzeigen oder Belege für Straftaten. Auch Karin Krenn, Filialleiterin des Spar in Leibnitz, der laut Krone-Leitartikel ausgeraubt wurde, schüttelt irritiert den Kopf. „Nein, ist hier nicht vorgekommen.“

Doch etwas ist geschehen, etwas, was gefährlicher ist als die Plünderung eines Warenlagers: Viele Menschen in Spielfeld, Leibnitz und anderen Ortschaften haben ihr Vertrauen in den Staat verloren. Einige fühlen sich sogar betrogen. „Keiner weiß, was auf uns zukommt“, sagt die Verkäuferin im Waffengeschäft. „Unsere Politiker sind nicht fähig, sich zu dieser Krise zu bekennen.“ Die umstehenden Kunden im Geschäft stimmen ihr zu.

Ein Klima der Unsicherheit, das den Nährboden für Angst bildet. Angst macht nicht nur manipulierbar, sie lässt Menschen unwahrscheinliche Dinge glauben: Im Nachbarort Obervogau seien drei junge Mädchen vergewaltigt worden, erzählen sich die Kunden. „Alle drei sind schwanger“, fügt eine Frau im Flüsterton hinzu. Keiner widerspricht. Sie bekommt Unterstützung von dem jungen Mann, der eben seine Flinte gekauft hat. „Die Wahrheit steht sowieso nur auf Facebook“, meint er.

Haarsträubende Gerüchte

Das mit den Vergewaltigungen stimme nicht, relativiert S. später im Kaffeehaus. Er kann mit der Hysterie nichts anfangen und hält die Geschichte für einen Verkaufstrick im Waffenladen. Aber auch S. macht sich Sorgen: Seit einigen Monaten leben rund 140 Flüchtlinge in seinem Ort, junge Frauen würden von ihnen am Badeteich mit obszönen Gesten begrüßt, erzählt er. Seine Freundin dürfe dort nicht mehr joggen. Und ja, er und seine Freunde hätten den Frauen Pfefferspray besorgt. „Ich weiß, bis jetzt ist nichts passiert, aber es ist einfach zu viel für einen Ort mit tausend Einwohnern.“

Unten in Spielfeld, an der Grenze zu Slowenien, warten in der Nacht auf Donnerstag erneut hunderte Menschen auf ihre Weiterreise. Blaulichter flackern an den Einfahrtsschneisen, die Menschen stehen zusammengepfercht in der kalten Nacht. Zwischendurch heißt es von der Feuerwehr, Flüchtlinge hätten erneut die Absperrung durchbrochen und seien zu Fuß auf dem Weg Richtung Norden unterwegs. Die Bewohner in Leibnitz und Umgebung halten für einen Moment die Luft an, dann kommt Entwarnung. Die Einteilung in Reisebusse passiert schleppend, aber geordnet. Dieses Mal sind Polizei und Bundesheer weit stärker vertreten als vor fünf Tagen.

„Ich verstehe meine Kunden“, sagt die Verkäuferin im Waffengeschäft. „Ich habe drei Kinder und selber Angst.“ Der nächste Kunde kommt zur Tür herein, er will Munition für sein Luftdruckgewehr. Die Geschichten, die sich die Anrainer erzählen, mögen haarsträubend sein. Die Angst vor dem Ungewissen, dem Unkontrollierbaren, ist aber real. Genauso wie die Waffen.

Korrektur: In der ersten Version dieses Beitrags stand: „Diese Vorstellung ist ein Albtraum für einen Ort, der nur 25 Kilometer vom ehemaligen Eisernen Vorhang entfernt liegt.“ Der Eiserne Vorhang verlief natürlich nicht an der slowenisch-österreichischen Grenze.