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Reportage aus Zell am See

Arabisches Paradies in Österreichs Alpen

von Meret Baumann / 19.08.2016

In Zell am See liegen Trachtengeschäft und Shisha-Lounge gleich nebeneinander, der Ort lebt im Sommer von arabischen Gästen. Das bringt aber auch Probleme mit sich, wie NZZ-Korrespondentin Meret Baumann aus Zell am See berichtet.

Es sind Welten, die am Fuß des Kitzsteinhorns bei Kaprun aufeinandertreffen. In die Gondeln des „Gletscherjets“ zwängen sich Skifahrer in Winterausrüstung und mit Helm, Wanderer in Funktionskleidung und vor allem arabische Familien mit teilweise vollkommen verschleierten Frauen. Oben auf dem Gletscher-Plateau auf 3000 Metern Höhe liegt nach einem kurzen Kälteeinbruch Neuschnee, es ist wolkenverhangen, kühl und windig. Für die Araber sind das ideale Bedingungen: Schnee und Eis haben für sie einen exotischen Reiz, und so vergnügen sie sich in der „Ice Arena“ mit Schneeballschlachten und Schlitteln. Kinder kreischen vor Freude, während die Erwachsenen selbst auf dem fahrenden Schlitten alles mit dem Smartphone festhalten. Die warmen Jacken, für die sie in der Heimat keinerlei Verwendung finden, sind meist gemietet.

Lederhosen und Nikab

„Diese Frische mitten im Sommer“, schwärmt Tarik al-Daran, ein Arzt aus Saudiarabien. Er breitet die Arme aus und saugt mit geschlossenen Augen die Luft ein, während seine Frau im gefütterten Mantel über ihrem schwarzen Umhang Mühe hat, die im Schnee tobenden Kinder zu beaufsichtigen. Die Familie verbringt bereits zum dritten Mal einen Teil ihrer Sommerferien in Zell am See im Salzburgerland, und jedes Mal kommt sie auch aufs Kitzsteinhorn. Es gehört wie die Krimmler Wasserfälle und ein Shopping-Ausflug nach Wien oder Salzburg zum Standardprogramm der Touristen aus den Golfstaaten.

Seit über zehn Jahren nehmen Gäste aus dem arabischen Raum Kaprun und vor allem Zell am See in den Wochen nach dem Ramadan bis Ende August in Beschlag. In der Sommersaison des letzten Jahres machten sie nach Angaben der örtlichen Tourismusgesellschaft insgesamt fast einen Drittel der 800 000 Nächtigungen aus, wobei die meisten aus Saudiarabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten stammen. Dass Zell am See auf der sommerlichen Europareise so vieler Araber nicht fehlen darf, hat mehrere Gründe. Bereits in den sechziger Jahren verbrachten Mitglieder der Herrscherhäuser Saudiarabiens und der Emirate Ferien im nahen Bad Hofgastein und machten die Region damit in ihrer Heimat populär, wie der ägyptischstämmige Tourismusberater Hazem Hamza erklärt. Vor zwanzig Jahren begann die Tourismusgesellschaft dann ganz gezielt um arabische Gäste zu werben. Dazu kommt, dass die landschaftliche Idylle mit dem See, Bergen und Flüssen dem Paradies nahekommt, wie es im Koran beschrieben ist. Gewöhnt an Hitze und Wüste, suchten die Araber in den Ferien eher das Wasser und Natur als Kultur, sagt Hamza. „Sellamsi“ nennen sie Zell am See, was klingt wie ein Ort aus „Tausendundeiner Nacht“. Dass darin das Wort Salam (Friede) mitklingt, ist ein günstiger Zufall.

Im Juli und August sind Araber deshalb im Ortsbild von Zell am See allgegenwärtig. Vor allem an der Uferpromenade und um das traditionsreiche Grand Hotel wähnt man sich ohne Alpenkulisse in einer arabischen Stadt. Ein junges Paar aus Kuwait posiert für Fotos, es verbringt die Flitterwochen hier. Auf einer Parkbank sitzt eine Familie und schleckt Glace, die Frauen heben den Nikab leicht an, um das Eis zum Mund zu führen. Gruppen von Männern schlendern in westlicher Kleidung dem See entlang, die Frauen sind teilweise komplett verschleiert, aber teilweise auch in Jeans, langer Bluse und lockerem Turban unterwegs. Gemein sind ihnen teure Handtaschen und Sonnenbrillen.

Kein Problem mit Regen

Das Städtchen mit gut 9000 Einwohnern hat sich auf die zahlungskräftige Kundschaft eingestellt. Gegenüber dem Bahnhof liegt das Geschäft der „Zillertaler Trachtenwelt“ zwischen dem Café Istanbul und einer Shisha-Lounge, eine Après-Ski-Bar informiert auf Arabisch über Gratis-WLAN, und im Swarovski-Laden, in dem eine junge Saudi gleich drei glitzernde Armbänder ersteht, liegen arabischsprachige Prospekte auf. Das Restaurant Ali Baba setzt ganz auf die Gäste vom Golf und bietet nur orientalische Speisen an. An diesem Nachmittag sind alle Plätze von Arabern besetzt, während im Lokal gegenüber zwar auch mit einer arabischen Karte geworben wird, aber vorwiegend Europäer Kaffee und Apfelstrudel zu sich nehmen. Das Geschäft mit arabischen Touristen ist einträglich, rund 250 Euro gaben etwa Saudi im Jahr 2014 durchschnittlich aus am Tag – deutlich mehr als andere Gäste. Zudem kümmert die Araber schlechtes Wetter nicht. Im Gegenteil: Sie mögen den in ihrer Heimat unbekannten Regen besonders und füllen die Terrassen der Restaurants oder mieten Boote auch dann, wenn andere Kunden ausbleiben.

Dennoch gewöhnte man sich im Salzburgerland nur zögerlich an den Umgang mit der fremden Kultur. Hoteliers klagten über Schmutz und beschädigtes Mobiliar, Restaurantbesitzer über die Unfreundlichkeit und Einheimische darüber, dass man von den Gästen zu wenig Anpassung verlange. Zudem kommt es immer wieder zu Verkehrschaos und Unfällen, weil arabische Touristen oder ihre Chauffeure mit den engen Strassenverhältnissen nicht vertraut sind. Aus diesen Gründen brachte die Tourismusgesellschaft vor drei Jahren eine Broschüre heraus, die Arabern bei der Ankunft ausgehändigt wurde. Sie wies unter anderem darauf hin, dass Müll in den Abfalleimer zu werfen sei, man sich im Auto anschnallen müsse und sich Österreicherinnen farbenfroh und modern kleideten, während Schwarz für Trauer stehe. Die arabischen Gäste stieß der Prospekt vor den Kopf, und er machte als „Knigge“ international negative Schlagzeilen. Die Broschüre wurde bald nicht mehr verbreitet.

Idee und Inhalt der Kampagne seien richtig gewesen, findet Hamza. Der Fehler war, dass man nur die arabischen Gäste angesprochen und ihnen implizit schlechtes Benehmen vorgeworfen habe. Hätte sich die Broschüre in verschiedenen Sprachen an alle Touristen gerichtet, wäre sie eher akzeptiert worden. Zudem habe die Abgabe des „Knigge“ bei der Ankunft viele Araber in ihrer Ehre verletzt, besser sei eine klare Hausordnung, die in der Privatsphäre des Zimmers aufliege. Hamza verfasste selbst solche Hausordnungen und berät regelmäßig Hoteliers und Geschäftsleute im Umgang mit den Gästen vom Golf. Dabei wirbt er um gegenseitiges Verständnis. Er erklärt etwa, warum man in dieser Region am Boden esse oder dass man sich vor jedem der fünf Gebete zu waschen habe, weshalb die Araber bisweilen die Badezimmer unter Wasser setzten und mehr Handtücher brauchten als andere Touristen.

„Wir profitieren alle“

Heute gebe es weniger Probleme, sagt Hamza, und vielleicht sei auch die missglückte Kampagne ein Grund dafür. Viele Betriebe haben auch Arabisch sprechendes Personal eingestellt, Receptionisten wissen, dass sie Frauen nicht die Hand geben sollen, Halal-Gerichte werden ausgewiesen, und in einigen Hotels sind Schwimmbäder zeitweise nur Frauen zugänglich. Es ist allerdings eine Gratwanderung, stören sich doch viele westliche Touristen auf der Suche nach österreichischer Alpen-Idylle an der Arabisierung des Städtchens. Einige Stammgäste kommen inzwischen bewusst während des Ramadans, wenn keine Araber in Zell am See sind.

Der Boom der Gäste vom Golf ermöglicht dem Wintersportort auch in der schwächeren Jahreszeit eine hohe Auslastung. Dies sichere Arbeitsplätze und die gute Infrastruktur, heißt es seitens der Tourismusgesellschaft. Diese Meinung teilen viele Einheimische. „Wir profitieren ja alle“, sagt die Filialleiterin einer Drogerie. Sie habe extrem viele arabische Kunden derzeit, oft füllten sie gleich einen ganzen Einkaufskorb mit Kosmetikartikeln. Das Geschäft weist deshalb auch auf Arabisch auf die Öffnungszeiten hin. Dem Crêpe-Verkäufer im Zentrum entfährt beim Anblick einer verschleierten Frau mit Handschuhen angesichts der Sommerhitze zwar eine spöttische Bemerkung. Persönlich möge er die vielen Araber hier nicht, für das Geschäft hingegen schon. Nur den Arabern selbst scheint es langsam zu viel zu werden. Noch liegen keine offiziellen Zahlen vor, aber es heißt, dieses Jahr sei erstmals mit einem Rückgang zu rechnen. Das liegt einerseits an der geopolitischen Lage. Andererseits störe manche Touristen vom Golf, dass es in „Sellamsi“ im Hochsommer zugehe wie in Saudiarabien, erzählt Hamza. Dabei wünschten viele Araber doch in den Ferien etwas Ruhe vor den Arabern, meint er lachend.


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