Auf die ungesunden Glieder der Gesellschaft kommt Bewegung zu (oder auch nicht)

von Moritz Gottsauner / 25.02.2015

Gesunde Schüler braucht das Land und dazu sind Sport und Bewegung nötig. Der Nationalrat beschließt heute die tägliche Turnstunde – oder das, was davon übrig geblieben ist. Sie gilt längst nicht mehr für alle, muss keine Stunde sein und turnen, ja, das ist auch irgendwie optional.

Es ist 2012 und der Nationalrat hat sich entschlossen: An Österreichs Schulen soll täglich eine Stunde geturnt werden. Der Antrag ist einstimmig angenommen. Jetzt ist die Bildungsministerin an der Reihe, damals noch Claudia Schmied, ein Gesetz auf den Tisch zu legen. Die Materie ist unumstritten. Österreichs Schüler verbringen viel Zeit sitzend in Klassenzimmern und immer mehr vor Bildschirmen – so wie vermutlich auch der Rest der Bevölkerung – und dadurch nimmt ihre körperliche Gesundheit, die Konzentrationsfähigkeit, die Geschicklichkeit ab. Was aber heute im Nationalrat beschlossen wird, hat mit dem ursprünglichen Vorhaben nicht mehr viel gemein. Die kurze Geschichte einer Gesetzesverdünnung in den Wässern der Realität.

Titel
Bundes-Schulaufsichtsgesetz, Schulorganisationsgesetz u.a., Änderung

Ausgangslage
Im Jahr 2012 blamierte sich Österreich bei den olympischen Sommerspielen in London, die heimischen Athleten gewannen keine einzige Medaille. Selbst Afghanistan, seit Jahren in einem Quasi-Bürgerkrieg, eroberte Bronze im Taekwondo. Sommersportfunktionäre und Verbände starteten daraufhin eine Kampagne für die tägliche Turnstunde an Österreichs Schulen. 150.000 Bürger unterzeichneten eine Petition dazu. Je nach Lehrplan und Schulform verbringen Schüler hierzulande in der Regel zwei bis drei Stunden pro Woche in Turnsälen.

Die Forderung fiel auf fruchtbaren Boden, schließlich will jeder gesunde Kinder. Und ein paar Olympiasieger mehr können auch nicht schaden. So kam es im Nationalrat zum einstimmigen EntschließungsantragDer Entschließungsantrag ist ein Mittel des Nationalrats, seinen Willen auszudrücken. Es kann etwa ein Ministerium aufgefordert werden, ein Gesetz zu einem gewissen Thema vorzulegen. Diese Anträge sind allerdings nicht bindend..

Vorhaben
Das Ministerium ging ans Werk. Heute, zwei Jahre später, unter Gabriele Heinisch-Hosek als Bildungsministerin, wird im Nationalrat ein Gesetz beschlossen. In seiner alten wie neuen Form definiert es seinen eigenen Sinn und Zweck zunächst einmal recht altmodisch:

Die jungen Menschen sollen zu gesunden und gesundheitsbewussten, arbeitstüchtigen, pflichttreuen und verantwortungsbewussten Gliedern der Gesellschaft und Bürgern der demokratischen und bundesstaatlichen Republik Österreich herangebildet werden.

Was danach kommt, entspricht nur nicht mehr wirklich dem, was die Abgeordneten so einträchtig gefordert hatten. Denn recht bald waren Experten des Bildungsministeriums zu dem Schluss gekommen, dass das Vorhaben an die 300 Millionen Euro kosten würde, weil Turnsäle gebaut und zusätzliche Turnlehrer angestellt werden müssten. Das waren für das Ministerium 300 Millionen Gründe, sich eine Alternative zu überlegen.

Konkret bedeutet das: Aus der täglichen Turnstunde für alle wurde eine Bewegungseinheit im Ausmaß von fünf Einheiten pro Woche für Schüler in Ganztagsschulen. Sie können auch geblockt angeboten werden. Ob eine „Einheit“ tatsächlich auch 50 Minuten dauern muss, ist unklar. Den Schulen soll außerdem ermöglicht werden, Personal von Sportvereinen in der Umgebung zu rekrutieren.

Angesprochene
Österreichs Schülerinnen und Schüler in Ganztagsschulen, Schuldirektoren, Turnlehrer, Pädagogen in Sportvereinen.

Bruchstellen
Zunächst gilt die Bewegungseinheit nur für Ganztagsschulen, was grundsätzlich schon für Kritik gesorgt hat. In anderen Pflichtschulen bleibt alles beim Alten. In jedem Fall aber stellt die tägliche Bewegungseinheit die Schulen vor Herausforderungen. Turnsäle sind im Allgemeinen oft schon knapp gebucht und der Bau neuer Säle und Sportanlagen ist der Politik zu teuer. Um die zusätzlichen Stunden unterzubringen, müssten die Direktoren kreativ werden. Das ist auch der Grund, warum die Turnstunde nun Bewegungseinheit heißt. Der Begriff erlaubt den Schulen, auch Bewegungsprogramme anzubieten, die nicht unbedingt der klassischen Vorstellung von Sport entsprechen. Das können auch Aktivitäten sein, für die es keinen Turnsaal braucht. Spiele und Sportübungen im Freien oder im Pausenhof etwa.

„Wenn die Bewegungseinheit eine Stunde dauern würde, wäre das optimal“, sagt Harald Walser, ehemals Direktor eines Gymnasiums in Vorarlberg, der für die Grünen im Unterrichtssausschuss das Wort geführt hat. „Aber das Wort Stunde taucht nirgends mehr auf. Das ist eine klassische österreichische Reform, bei der man nur so tut als ob, als ob es eine tägliche Turnstunde gäbe.“ Trotzdem werden die Grünen dafür stimmen. „Wir müssen schauen, dass sich die Kinder mehr bewegen. Dazu gibt jetzt schon Möglichkeiten, aber durch die neue Regelung dringt es stärker ins Bewusstsein.“

Noch mehr Bruchstellen
An der Turnstunden-Frage hängt auch der Streit um die sogenannte verschränkte Schulform. Dazu muss man wissen, dass es in Österreich zwei verschiedene Ganztags-Schulformen gibt, die unverschränkte und die verschränkte. Erstere funktioniert auf eher klassische Weise: Der Unterricht findet am Vormittag statt, Lern- und Freizeit am Nachmittag. Die Eltern können festlegen, in welchem Ausmaß ihr Kind auch den Nachmittagsteil besucht. Anders ist es bei der verschränkten Form. Unterrichts-, Lern- und Freizeiteinheiten finden über den gesamten Schultag durchmischt statt, weswegen Schüler bis zum Schluss anwesend sein müssen.

Die Freiheitlichen sind Verfechter der unverschränkten Schulform. Sie sehen durch das neue Gesetz die Wahlfreiheit der Eltern in Gefahr. Wenn Bewegungseinheiten auch am Nachmittag stattfinden, was alleine aus praktischen Gründen wohl der Fall sein wird, müssten Schüler eben auch am Nachmittag anwesend sein, argumentieren die Freiheitlichen. „Für die Eltern ist die Wahlfreiheit nicht gegeben“, sagt Anneliese Kitzmüller (FPÖ). „Es steht nicht dezidiert im Gesetz, aber die Ministerin hat gesagt, dass die Verschänkung das Ziel ist.“ Im Ausschuss konterte Gabriele Heinisch-Hosek, dass es auch in Zukunft möglich sein solle, die Kinder von Nachmittagsaktivitäten abzumelden. Die FPÖ wird heute trotzdem gegen das Gesetz stimmen.

Abstimmung im Ausschuss
 SPÖ  Dafür
 ÖVP  Dafür
 FPÖ  Dagegen
 Grüne  Dafür
 Team Stronach  Dafür
 NEOS  Dafür