Österreich entschädigt heute 25 Contergan-Geschädigte, die in Deutschland nichts bekommen

von Moritz Gottsauner / 23.04.2015

Nach fast 60 Jahren erfahren österreichische Geschädigte des Contergan-Skandals heute mit einem eigenen Rentengesetz späte Gerechtigkeit. Viele Fälle waren bis vor wenigen Jahren noch nicht einmal erfasst.

Das Ende der Fünfzigerjahre millionenfach verkaufte Beruhigungsmittel Contergan hat traurige Pharmazie-Geschichte geschrieben: Schwangere Frauen, die es einnahmen, brachten tote oder fehlgebildete Babys zur Welt. Weltweit waren es etwa 10.000 Menschen, die mit Behinderungen geboren wurden. Alleine in Deutschland leben heute noch 2.400. Dazu kommt eine beträchtliche Zahl von Totgeburten. Die damaligen Zulassungsverfahren für Arzneimittel waren zwar weniger umfassend als die heutigen. Trotzdem versagte ein System im großen Stil.

Österreich kam noch vergleichsweise glimpflich davon. Anders als in Deutschland war das Medikament mit dem kritischen Wirkstoff Thalidomid in Österreich rezeptpflichtig. Das ist vor allem der couragierten Pharmakologin Ingeborg Eichler zu verdanken, die 1958 in der Rezeptpflichtkommission als einziges Mitglied ein Veto gegen das hierzulande als „Softenon“ vertriebene Mittel einlegte (Mehr zu Ingeborg Eichler). Die Zahl der Geschädigten war in Österreich deshalb ungleich geringer. Trotzdem dürften noch rund 45 Menschen in Österreich von Fehlbildungen betroffen sein. Der Nationalrat hat heute ein Gesetz beschlossen, das ihnen eine Rente als Entschädigung ermöglicht.

Titel
Conterganhilfeleistungsgesetz – CHlG

Ausgangslage. Entschädigungen für Contergan-Geschädigte waren nie wirklich Thema in Österreich. Das beginnt schon damit, dass niemand wusste, wie viele hierzulande überhaupt leben. In Deutschland zahlt seit 1972 die Conterganstiftung Entschädigungen und Renten aus. Sie speist sich aus Mitteln der Herstellerfirma Grünenthal und der Bundesrepublik Deutschland. Zwölf österreichische Betroffene waren dort registriert. Zwischen 1983 und 2009 war es aber nicht mehr möglich, neue Ansprüche geltend zu machen.

In diese Zeit fällt die Beschwerde einer Geschädigten bei der Volksanwaltschaft im Jahr 2007. Die Frau machte auf die missliche Lage der österreichischen Betroffenen in Österreich aufmerksam, die nicht von der Conterganstiftung betreut werden. Viele hätten von der Möglichkeit einer Entschädigung und Rente gar nichts mitbekommen. Es wurde klar, dass die Zahl der Contergan-Geschädigten jahrzehntelang unterschätzt wurde.

Das Gesundheitsministerium entschied sich in der Folge dazu, eine einmalige Entschädigung anzubieten. Nur hieß sie nicht so – mangels Rechtsanspruch. Den Zulassungsbehörden sei nämlich nach damaligen Maßstäben nichts vorzuwerfen gewesen. Deshalb nannte man die Entschädigung kurzerhand „humanitäre Geste“. 2,8 Millionen Euro standen zur Verfügung.

Das Ministerium stand nun vor der Frage, wer überhaupt als Contergan-Fall gelten kann, und wer nicht. Zunächst wurden Ärzte über Inserate gebeten, mögliche Geschädigte in ihrem Patientenkreis über das Vorhaben zu informieren. Eine medizinische Kommission unter der Leitung des Genetikers Markus Hengstschläger wurde eingesetzt, um die Fälle unter die Lupe zu nehmen. Von 69 Verdachtsfällen wurden 45 akzeptiert. Sie erhielten jeweils 62.222 Euro. Von diesen wiederum kamen 20 in der Deutschen Conterganstiftung unter. Die restlichen 25 sind nun laut dem neuen Rentengesetz anspruchsberechtigt.

Warum die 25 nicht aus Deutschland Geld erhalten? Zunächst einmal müssen Geburtsjahrgang und die Art der Fehlbildung auf Contergan zurückführen. Hier gibt es Auffassungsunterschiede zwischen den deutschen Experten und der österreichischen Kommission. Die 25 wurden in Deutschland schlichtweg nicht als Contergan-Geschädigte akzeptiert, in Österreich aber schon.

Anstoß
Die „Selbsthilfegruppe der Contergan- und Thalidomidgeschädigten Österreichs“ hat sich ab 2012 intensiv für eine Rentenzahlung eingesetzt. Vertreter der Gruppe haben damals in persönlichen Gesprächen mit Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) darauf bestanden. „Wir haben ihm gesagt, eine Gleichstellung mit den Impfgeschädigten wäre gerecht. Das haben wir mit Charme und Hartnäckigkeit erreicht“, sagt die Sprecherin Michaela Moik.

Vorhaben
Jedem Betroffenen soll ab Juli eine monatliche Rente von 425,8 Euro zustehen, zusätzlich zu bereits bestehenden Beihilfen, so sie nicht bereits von der deutschen Conterganstiftung Zuwendungen erhalten.

Angesprochene
Die 25 von Contergan Betroffenen. Laut Gesundheitsministerium hat sich seit der 2010 beschlossenen Einmalzahlung niemand mehr gemeldet.

Bruchstellen
In Deutschland ist die Rentenzahlung nach der Schwere der Behinderung gestaffelt. In Österreich nicht. Schon in früheren Gesprächen mit Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) anlässlich der einmaligen humanitären Geste äußerten die Mitglieder deshalb die Sorge, dass es unter den geschädigten zu Neid kommen könnte. „Wir sind der Meinung, man kann nicht einem, dem zwei Finger fehlen, dasselbe geben, wie jemandem, dem zwei Arme fehlen“, sagt Moik. Darauf wurde damals keine Rücksicht genommen und auch die neue Rente ist für alle gleich. Man halte aber weiterhin zusammen, sagt Moik. Nach bald 60 Jahren sind Betroffene froh, überhaupt etwas zu erhalten.

Besser spät als nie, als gelernter Österreicher weiß man das. Sie wollen, dass man aufhört, aber wir hören sicher nicht auf.

Die Grünen fordern, dass auch frühere Jahrgänge als 1956 als Geschädigte in das Gesetz aufgenommen werden, auch wenn Contergan damals noch nicht auf dem Markt war und auch noch nicht als Muster vertrieben wurde. Der Wirkstoff Thalidomid sei aber schon früher im Umlauf gewesen und habe Fehlbildungen verursacht. Der Antrag der Grünen fand keine Mehrheit.

Stimmung
Der Beschluss im Sozialausschuss und im Plenum erfolgte einstimmig.

Korrektur:
Laut einer früheren Version dieses Artikels haben die Geschädigten-Vertreter ihre Bedenken bezüglich der finanziellen Gleichbehandlung unterschiedlicher Schweregrade von Behinderungen im Gespräch mit Sozialminister Hundstorfer kundgetan. Tatsächlich haben sie das Thema mit Gesundheitsminister Alois Stöger einige Jahre früher anlässlich der Einmalzahlung besprochen.