Georg Hochmuth

Österreich in Europa

Bei Abschiebungen ist Österreich Europameister. Wo noch?

Meinung / von Moritz Gottsauner / 26.03.2016

Die Innenministerin hält Österreich für den Europameister im Abschieben von Migranten. Das ist ungewöhnlich. Denn im europäischen Vergleich liegt Österreich meistens im oberen Mittelfeld – aber selten an der Spitze. Wir haben uns angesehen, wo Österreich wirklich hervorsticht.

Video: Lukas Wagner
Mitarbeit: Bence Jünnemann

Etwas mehr als zwei Monate sind es noch bis zum Anpfiff der Fußballeuropameisterschaft in Frankreich. Geht es nach den Wettquoten, wird Österreich eher nicht den Titel holen. Wer jetzt zehn Euro auf die Truppe um David Alaba setzt, kann sich im Fall des Titelgewinns über stolze 300 Euro freuen. Für sechs Team sehen Wettanbieter höhere Gewinnchancen. Aber die Quoten waren erstens schon viel schlechter. Und zweitens ist die beste Nationalmannschaft seit Jahrzehnten zweifellos für Überraschungen gut. Man darf träumen.

In der Zwischenzeit bewegte Österreich vergangene Woche ein realer Europameistertitel. „Österreich ist Europameister bei Charterabschiebungen“, sagte die Innenministerin Johanna Mikl-Leitner in der ORF-Pressestunde stolz. Es stimmt, dass Österreich öfter als andere Länder die Organisation von Abschiebe-Flügen übernimmt. Tatsache ist aber ebenso, dass die meisten Personen mit negativem Asylbescheid gar nicht abgeschoben werden können. Die Marketing-Rhetorik der Fußball-Europameisterschaft hat also die Abschiebepolitik erfasst, die ein Wettbewerb geworden zu sein scheint, die Antithese des „Jogo bonito“.

Es drängt sich die Frage auf: Wo ist Österreich wirklich Europameister? Klar, im Skifahren ist das Land eine Macht. Anderes lässt sich schwer messen, etwa die Zahl der insgesamt verzehrten Schnitzel. Aber es gibt sie, die Kategorien abseits des Sports und des Unzählbaren, wo Österreich an der Spitze steht. Im Folgenden eine Auswahl, von Förderungen bis zum Panini-Pickerl-Sammeln.


Credits: APA/HERBERT PFARRHOFER

Bierkonsum-Kaiser

Es ist eines der ersten Dinge, die dem gelernten Österreicher in den Sinn kommen, wenn es um nationale Spitzenleistungen geht: Bierkonsum. Tatsächlich lag der Pro-Kopf-Verbrauch im Jahr 2014 bei stattlichen 105 Litern, noch vor Deutschland mit 99,5 Litern. Das reicht zwar nur für den zweiten Platz. Man könnte aber argumentieren, dass Tschechien mit seinen 135 Litern außer Konkurrenz laufen sollte.

Ärzte-Hochburg

Es ist keine Neuigkeit, aber übermäßiger Alkoholkonsum ist gesundheitsgefährdend. Praktisch also, dass Österreich nicht nur die zweitdichtesten Biertrinker, sondern auch die zweitgrößte Ärztedichte in Europa vorweisen kann. Auf 10.000 Einwohner kamen hierzulande im Jahr 2013 rund 48 Ärzte. Ob ein Zusammenhang zum Bierkonsum besteht? Eher nicht. Hier gilt wohl die Maxime: Korrelation bedeutet nicht gleich Kausalität. In Spanien kommen rund 50 Ärzte auf 10.000 Einwohner, das ist der Höchstwert in der EU.

Mobbing-Champion

Kinder können gemein zueinander sein, ganz besonders in der Schule. Glaubt man aber einer Studie der OECD, wird im Pflichtschulalter nirgends mehr gemobbt als in Österreich. 2010 sollen mehr als 21 Prozent der Buben zwischen 11 und 15 Jahren von einer Form von körperlicher oder psychischer Gewalt betroffen gewesen sein. In Deutschland waren es nur halb so viele, in Schweden überhaupt nur vier Prozent.

Verbraucherpreis-König

Was Preissteigerungen betrifft, muss sich Österreich den Platz an der Spitze in der Eurozone nicht teilen. 0,8 Prozent betrug die Inflationsrate im Jahr 2015. Zum Vergleich: In Deutschland lag sie bei o,1 Prozent. Dazu trugen nicht nur höhere Steuern und Abgaben auf Produkte bei, sondern auch die Geldflut der EZB, die den Immobilienmarkt anheizt. Schlechte Nachrichten für Mieter – und Sparer.

Vize-Fördereuropameister

Wenn in Österreich etwas so flüssig läuft wie der Bierkonsum, dann wohl das Fördern und Subventionieren. Tätigkeiten oder Nicht-Tätigkeiten, die nicht in irgendeiner Form vom Staat gefördert werden, muss man mit der Lupe suchen. 2013 erreichten die Geldtransfers in Österreich eine Höhe von 27,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Nur Frankreich fördert mit 31,8 Prozent eifriger.

Geheimstaatsmeister

Informationsfreiheitsgesetze garantieren Bürgern mittlerweile in weiten Teilen der Welt umfassende Einsichtsrechte in das Tun oder Nichttun ihrer Regierungen. Der Trend geht zu mehr Transparenz. Aber eine kleine Gruppe europäischer Staaten stemmt sich seit Jahren dagegen. In ihrer Mitte: Österreich. Laut einer Untersuchung des kanadischen Centre for Law and Democracy ist das Recht auf Information in keinem der 89 untersuchten Länder so gering ausgeprägt wie hierzulande, Amtsgeheimnis sei Dank. Die geplante Abschaffung des Amtsgeheimnisses lässt derweil weiter auf sich warten.

Lehrlingseuropameister

Das duale Ausbildungssystem mit Lehre und Berufsschule ist ein Charakteristikum der deutschsprachigen Länder. Wie sich herausgestellt hat, kommen die besten Auszubildenden Europas aus Österreich. 2014 holten österreichische Lehrlinge gleich 16 Medaillen beim europaweiten Wettbewerb „Euroskills“. Das sagt natürlich nichts über das Niveau in der breiten Masse. Aber immerhin, ein Europameistertitel.


Credits: APA-FOTO: ROLAND SCHLAGER

Paninipickerl-Potentat

In der Redaktion wurde diese Woche bereits das erste Panini-Pickerl-Heft für die Euro 2016 gesichtet. Auch heuer wird das Fieber wieder ausbrechen, und erwachsene Menschen werden wie anno dazumal in der 10-Uhr-Pause um Pickerl feilschen, als gäbe es nach dem EM-Finale kein Morgen. Falls Sie jemals das Gefühl hatten, dass die Sticker bei uns besonders populär sein müssen – sie hatten recht. Laut Auskunft von Panini sind die Österreicher gemessen an der Einwohnerzahl die eifrigsten Sammler Europas. Gemeinsam mit den Schweizern, was man nicht unbedingt dazusagen muss.

Und, nicht zu vergessen: Seit vergangener Woche halten Österreicher den Rekord im Dauer-Fernsehen. 92 Stunden sind es geworden.

Haben Sie weitere Vorschläge für Meistertitel made in Austria? Posten Sie sie doch in den Kommentaren.