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Interview mit einem V-Mann

„Beim Geheimdienst macht man sich die Hände schmutzig“

von Elisalex Henckel / 02.12.2015

Geht es nach der Regierung, soll der österreichische Verfassungsschutz bald auch ganz offiziell externe Informanten mit verdeckten Ermittlungen beauftragen dürfen. Deutsche Geheimdienste arbeiten schon lange mit sogenannten „Vertrauensleuten“. Einer von ihnen war der Ex-Dschihadist Irfan Peci. Im Gespräch mit NZZ.at erklärt er, warum technische Überwachung nicht ausreicht, wie das Flüchtlingschaos dem IS nützt und was er von den Todesnachrichten über Mohamed Mahmoud hält.

Irfan Peci ist erst 26 Jahre alt, aber die Volten in seiner Biographie reichen bereits für ein ganzes Leben: Der Sohn einer bosniakischen Familie aus Serbien kam 1991 als Flüchtling nach Deutschland und wuchs in der Oberpfalz auf. Nach der Verhaftung von Mohamed Mahmoud im September 2007 wurde er dessen Nachfolger als Chef der „Globalen Islamischen Medienfront“, dem deutschen Sprachrohr von Al-Kaida. Nach seiner eigenen Verhaftung zwei Jahre später ließ Peci sich vom deutschen Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) anwerben und diente ihm als V-Mann, bis er im Frühjahr 2011 durch Gerichtsverfahren gegen mehrere Dschihadisten enttarnt wurde.

Herr Peci, warum haben Sie 2009 die Seiten gewechselt?

Ich war in der Haft zu der Einsicht gekommen, dass meine bisherige Überzeugung falsch ist. Aber es hatte natürlich auch praktische Gründe. Hafterleichterung, zum Beispiel. Dazu kam der Wunsch nach Wiedergutmachung. Nach dem ich begriffen hatte, was ich angerichtet hatte, wollte ich etwas Positives bewirken.

Sie haben als V-Mann viel Geld verdient. Bis zu 3.000 Euro im Monat, schreiben Sie in Ihrem Buch.

Ja, das stimmt.

Wie muss man sich das vorstellen? Haben Sie Ihre Einkünfte versteuert?

Nein, das hat die Behörde übernommen. Ich bekam den Nettobetrag.

Was hatten Sie für ein Dienstverhältnis mit dem BfV?

Ich habe schon eine Art Arbeitsvertrag unterschrieben, bevor ich angefangen habe, aber ich war nicht angestellt. Also Kündigungsfristen, Versicherungen oder so etwas, das gab es nicht.

Was haben Ihre Führungsagenten unternommen, um sicher zu gehen, dass Sie Ihr Geld wert sind?

Man muss erst einmal Informationen liefern. Die werden dann zigmal geprüft und mit Informationen aus anderen Quellen, beispielsweise der technischen Überwachung, abgeglichen. Erst wenn die Analytiker beim Verfassungsschutz zu dem Schluss gekommen sind, dass die Informationen ihnen etwas bringen, fließt Geld.

Was hat das BfV getan, um zu verhindern, dass Sie kein doppeltes Spiel spielen?

Mit Loyalität ist es immer so eine Sache. Eine Garantie dafür hat man nie, aber mit Hilfe von anderen Quellen kann man schon sehen, wenn jemand was falsch darstellt oder verheimlicht. Dazu kommen die Bewertungen des V-Mann-Führers und technische Überwachungsmaßnahmen. Ich wurde damals auch abgehört.

Sie, als V-Mann?

Ja, das habe ich erst später erfahren, aber gewundert hat es mich nicht. Ich habe ja Einblicke bei ihnen bekommen und hätte theoretisch großen Schaden anrichten können, wenn ich Leute über bevorstehende Festnahmen oder so etwas informiert hätte.

Der Einsatz von V-Leuten ist auch in Deutschland nicht unumstritten. Kritiker argumentieren, dass der Staat dadurch immer wieder Straftaten gefördert hat. Sie selbst schreiben in Ihrem Buch, dass Sie wiederholt Geld vom BfV mit dessen Wissen an Al-Kaida-Leute weitergeleitet haben.

Irfan Peci hat seine Autobiographie gemeinsam mit den „Stern“-Journalisten Johannes Gunst und Oliver Schröm geschrieben. Das Buch heißt „Der Dschihadist. Terror made in Germany – Bericht aus einer dunklen Welt“ und ist im Heyne-Verlag erschienen.
Credits: Heyne-Verlag

Ja, das Geld ist an Al-Kaida geflossen, aber dadurch haben wir Einblicke gewonnen, mit deren Hilfe wir dann eine ganze Gruppe von Unterstützern in Berlin zerschlagen konnten. Es ist halt schwierig, ganz sauber zu bleiben, aber trotzdem effektiv zu arbeiten. Beim Geheimdienst macht man sich die Hände schmutzig. Das liegt in der Natur der Sache.

Ginge es eigentlich auch ohne V-Leute?

Nee, auf keinen Fall.

Warum nicht?

Weil sich die terroristischen Gruppen total abgeschottet haben. Seit Snowden wissen ja alle ziemlich genau, wie technische Überwachung funktioniert. Die sogenannte „Berliner Gruppe“, über die ich als V-Mann viele Informationen gesammelt habe, traf sich deswegen gerne zum Grillen an einem Weiher. Diejenigen, die etwas Wichtiges zu besprechen hatten, schwammen gemeinsam in die Mitte des Weihers. So wurden zum Beispiel Informationen über bevorstehende Ausreisen weitergegeben. Nur aus technischen Quellen hätte der Verfassungsschutz nie davon erfahren. Aber selbst wenn – wir können nicht alle Gefährder ständig überwachen, dafür sind es einfach zu viele. Also brauchen wir Leute im Inneren der Gruppen, die rechtzeitig Alarm schlagen.

Warum kommt es dann trotzdem zu Anschlägen wie jenen in Paris? 

Die Öffentlichkeit erfährt immer nur von den wenigen Angriffen, die geglückt sind – und nicht von den vielen, die verhindert werden konnten. Das ist das Los der Geheimdienste. Aber ich glaube schon, dass sie die Auswirkungen des Flüchtlingschaos’ unterschätzt haben. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der IS und Al-Kaida versuchen würden, das für sich zu nützen.

Wie meinen Sie das? Alle bisher identifizierten Attentäter waren entweder belgische oder französische Staatsbürger.

Ja, aber soweit ich weiß, ist die Identität von zweien nicht bekannt. Nur, dass mindestens einer über eine klassische Flüchtlingsroute nach Europa eingereist ist. Mich hat es jedenfalls sehr erstaunt, dass der BND-Chef und andere hochrangige Terrorexperten so schnell Entwarnung gegeben haben, dass Terroristen als Flüchtlinge getarnt nach Europa kommen könnten. Vermutlich hatten sie zu große Angst, sich unbeliebt zu machen.

Man könnte das auch anders sehen: Vielleicht wollten sie nicht behaupten, dass sich Terroristen unter Flüchtlinge mischen, solange sie keine belastbaren Hinweise dafür hatten. Oder nicht davon ablenken, dass weder die Paris-Attentäter vom Januar noch jener von Kopenhagen aus dem Ausland gekommen waren, sondern sie alle in den betroffenen Ländern aufgewachsen waren.

Das bestreite ich ja nicht. Noch geht es auch nicht um die Frage, ob es belastbare Hinweise gegen Flüchtlinge gibt, sondern darum, dass Terroristen durch das entstandene Chaos leichter unbemerkt einreisen können. Dass dieser Umstand geleugnet wurde, stört mich.

Was müsste passieren, um Anschläge wie jene von Paris in Zukunft zu verhindern?

Wir müssten viel mehr in die Prävention und in die Deradikalisierung investieren, um so viele wie möglich in die Gesellschaft zurückzuholen, so dass nur noch die übrig bleiben, die wirklich nicht mit sich reden lassen. Und auf diesen harten Kern sollten sich dann die Sicherheitsbehörden konzentrieren. Momentan haben wir einfach keine Übersicht, wer einfach nur redet und wer es ernst meint. Um alle zu überwachen, sind es jedenfalls zu viele. Außerdem müssen wir mehr gegen die Propaganda machen. Sie aufgreifen, als nichtislamisch entlarven, also den Leuten bewusst machen, dass sie nicht ins Paradies kommen, wenn sie sich dem IS anschließen. Diese Arbeit können und müssen die Muslime selbst am effektivsten machen.

Was kann man der Propaganda entgegensetzen?

Eine sehr fundierte Auseinandersetzung mit den religiösen Schriften, auf die sich die Dschihadisten beziehen, wäre besonders wichtig. Aber man sollte auch den Geschichten der Heimkehrer mehr Raum geben. Es gibt schon viele Gruppen wie etwa das „Netzwerk Sozialer Zusammenhalt“, die tolle Arbeit leisten, aber die müssten noch viel, viel stärker unterstützt werden.

Stimmt es, dass Sie Morddrohungen von Mohamed Mahmoud bekommen haben?

Ja, er und andere würden mich gerne tot sehen, aber ich lasse mich davon nicht einschüchtern.

Jetzt gerade kursieren wieder Berichte, dass er tot ist. Glauben Sie das?

Kann gut sein. Einige seiner Mitkämpfer haben das berichtet. Wenn, wäre es jedenfalls ein ziemlich typisches Schicksal für einen Europäer. Solange sie weit weg sind von der Front, posieren sie mit den Köpfen von Enthaupteten, aber auf dem Schlachtfeld überleben sie selten lange. Dazu fehlt ihnen einfach die Erfahrung. Und die Härte.

Und was wurde aus Denis Cuspert alias Deso Dogg?

So weit ich weiß, ist er noch am Leben. Aber genau weiß man das nie.

Warum tauchen eigentlich ständig Todesmeldungen von Dschihadisten auf, die sich dann als falsch erweisen?

Manchmal sind es Irrtümer, manchmal wollen sich irgendwelche Leute einfach wichtig machen. Manchmal ist es auch bewusste Desinformation. Die Frau des Paris-Attentäters Abdelhamid Abbaoud wurde etwa vor den Anschlägen angerufen und dabei über den angeblichen Tod ihres Mannes informiert. Die wissen natürlich, dass sie von der Polizei abgehört wird. Die hoffen, dass ihre Leute so von irgendwelchen Listen gestrichen werden. Abgehakt werden. Nicht mehr auf dem Radar der Behörden sind, wenn sie plötzlich irgendwo auftauchen und einen Anschlag verüben.