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Nachtkritik: Im Zentrum

Bestellt? Abgeholt!

Meinung / von Michael Fleischhacker / 13.03.2016

So viel Werbung gab es schon lange nicht mehr für eine Diskussionssendung des ORF: „Im Zentrum“ mit Bundeskanzler Werner Faymann als einzigem Gast. Die Skandalisierungsversuche, die der Koalitionspartner im Vorfeld unternahm – Stichworte: „Bestellfernsehen“ und „Das will ich auch“ – müssen der Sendung, die seit jeher unter dem Proporz-Besetzungsprinzip leidet, nach menschlichem Ermessen Spitzenquoten beschert haben. Jetzt ist es vorbei und es stellen sich ein paar Fragen.

War es die Aufregung wert?

Nein, war es nicht. Wir haben ein handwerklich sauberes Interview mit einem Regierungschef gesehen, der die Gelegenheit nutzte, die österreichische Position in der Flüchtlingsfrage, die ihm während der vergangenen sechs Wochen vom Koalitionspartner aufgezwungen worden war, wiederzugeben. Diese Position ist ziemlich vernünftig, und es werden auch Skeptiker der Faymann’schen Regierungskunst nicht umhinkönnen zuzugeben, dass er im Fach Vereinfachung seine Lektion gelernt hat. Dass er von Beginn an im Verteidigungsmodus agiert hat, wird der Tatsache geschuldet sein, dass er seine relativ rezente 180-Grad-Wende in der Frage durch besonders energisches Auftreten überspielen wollte. Faymann war zu laut, ziemlich exakt auf die Weise zu laut, auf die Menschen zu laut sind, die wissen, dass sie schwindeln. Schlecht angezogen war er auch, aber das tut nichts zur Sache.

War es eine gute Idee, das Sendungskonzept für das Kanzler-Interview abzuändern?

Ja, war es. Denn der Hinweis auf die „Pressestunde“, in der man, wie Kritiker monierten, das Einzelinterview auch hätte führen können, ist ein mäßiger Witz. Diese Sonntagvormittagssendung findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, und es steht dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht nur zu, sondern ist eigentlich sogar seine Pflicht, die Befragung des Regierungschefs zum wichtigsten Thema der Gegenwart an einem Sendeplatz durchzuführen, der für einen breiten Kreis von Politikinteressierten attraktiv ist.

Hat die Sendung den Vorwurf des „Bestellfernsehens“ erhärtet?

Eher nein. Der Ärger des Koalitionspartners darüber, dass jetzt der Regierungschef erntet, was der Außenminister gesät hat, ist irgendwie zwar nachvollziehbar (das gilt im Übrigen, wie gern übersehen wird, auch für den Vizekanzler, der sich lange Zeit aus Bequemlichkeit dem Kanzler angeschlossen hatte). Aber Ingrid Thurnher hat durch die Rückblenden auf das, was der Außenminister schon im vergangenen August und dann immer wieder korrekt vorausgesagt hat, klar gemacht, dass da einer sitzt, der jetzt laut und aggressiv etwas vertritt, das er noch vor kurzem verurteilt hat, weil er sich mehr davon versprochen hat, sich an der mächtigen deutschen Regierungschefin anzulehnen als am gefährlichen jungen Außenminister.

Würden wir auch gern einmal den Vizekanzler allein „Im Zentrum“ sehen?

Unbedingt. Vom Unterhaltungswert würde Reinhold Mitterlehner vermutlich sogar mehr bringen als Werner Faymann. Er wird zwar nicht an der falschen Stelle laut, aber seine unorthodoxe Grammatik und Metaphorik geben deutlich mehr her als Faymanns unfreiwillige Einblicke in sein Coaching. Die Frage ist nur, ob sich die ÖVP das wirklich wünschen soll. Eine Stunde Mitterlehner live kann richtig Stimmen kosten. Es wäre klüger, ihn wie in den letzten Tagen in die Printmedien zu bringen, die sehen es als ihre Pflicht an, eine deutsche Fassung des Gesprächs herzustellen und zu veröffentlichen.

Gibt es ein Problem mit dem politischen Einfluss auf den ORF?

Ja, schon. Vor allem natürlich jetzt im Vorfeld der ORF-Generaldirektorenwahl. Die Empörung der ÖVP dürfte in erster Linie dazu dienen, den Preis für die Wiederwahl von Alexander Wrabetz in die Höhe zu treiben. Die Unverfrorenheit, mit der dem ORF da Willfährigkeit unterstellt wird, um sich ein paar Posten in der nächsten ORF-Führung rauszuschinden, klingt schon ziemlich eindeutig nach „Haltet den Dieb“. Allerdings musste der unvoreingenommene Zuseher auch stutzig werden angesichts der ins Dutzend gehenden Beteuerungen sowohl des Eingeladenen als auch der Moderatorin, dass sich bei der Solo-Vorstellung nicht um einen Wunsch des Regierungschefs, sondern um eine Einladung der ORF-Redaktion gehandelt habe. Souverän klingt anders.

Wissen wir nach der Sendung etwas, was wir vorher nicht gewusst haben?

Nein. Aber das ist kein Einzelfall.