Adrian Baer / NZZ

Politisch inkorrekter Zwischenruf

Bierzelt-Skandal in Tirol

von Ivo Mijnssen / 04.10.2016

Mit einem leichtsinnigen Kommentar über die Abtrennung Südtirols hat eine Marschmusikerin Empörung ausgelöst. Die Posse zeigt, dass Österreich weiterhin um die verlorene Region trauert.

Tirols Patrioten sind in Aufruhr: Ein Mitglied des Mühlviertler Musikvereins Sankt Gotthard hatte bei einem Auftritt „Gott sei Dank!“ gerufen – und dies nach der Textzeile „von dir gerissen wurde Südtirol“ in der inoffiziellen Landeshymne „Dem Land Tirol die Treue“. Damit habe die Musikerin das Andenken der Kämpfer für die Einheit Tirols beschmutzt, monierten die Schützenvereinigungen, die mit mehr als 17.000 Mitgliedern einiges politisches Gewicht haben. Der Musikverein musste sich entschuldigen, die Musikerin wurde „ordentlich zusammengestaucht“, wie der Kapellmeister klarstellte.

Auch wenn die Provinzposse reichlich skurril anmutet, hat sie einen ernsthaften Hintergrund. Der Text des Marsches handelt von der Trennung Tirols nach dem Ersten Weltkrieg, als Südtirol Italien zugeschlagen wurde. Die weitere Geschichte der deutschsprachigen Region war von Vertreibungen, Besetzungen und einer Welle rechtsradikalen Terrors geprägt. Heute ist das Thema Südtirol zwar weniger explosiv, kochte aber während der Kontroverse um die Grenzkontrollen am Brennerpass wieder hoch. Die rechtspopulistischen Freiheitlichen bewirtschaften das Thema regelmässig: Ihr Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer fordert eine Abstimmung über die Zugehörigkeit. Heinz-Christian Strache betont immer wieder, auch der „südliche Landesteil“ gehöre zu Tirol – bevorzugt dann, wenn an einer Parteiveranstaltung eine Blasmusik „Dem Land Tirol die Treue“ zum Besten gibt.

Dass der Marsch in den letzten zehn Jahren einen beispiellosen Popularitätsschub erlebt hat, erstaunt also nicht, da auch viele junge Österreicher die Abtrennung Südtirols als Ungerechtigkeit empfinden. Gleichzeitig sind Deutschtümelei und Revanchegelüste nicht allen Fans vorzuwerfen: Vielmehr ist der Marsch zu einem festen Bestandteil der globalisierten Bierzelt-„Kultur“ geworden. Genauso unpolitisch ist der Zwischenruf „Gott sei Dank!“, den landauf, landab jedes Wochenende Hunderte grölen; als Alternative hat sich übrigens ein ähnlich undifferenziertes „scheissegal“ eingebürgert. Die Kritik der Patrioten geht im Bierrausch unter.