Bildungsreform

Bildung ist ein Lebewesen, kein Gegenstand

Meinung / von Michael Fleischhacker / 17.11.2015

Bildung zu messen ist wirklich nicht leicht. Sagen die Ergebnisse der Pisa-Tests, in denen Antworten unterschiedlicher Kinder und Jugendlicher aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten auf standardisierte Fragen verrechnet werden, wirklich etwas über das Lebewesen aus, zu dem wir „Bildung“ sagen? Denn sie, die Bildung, ist wohl eher ein Lebewesen, das aus dem Geist der Selbstreflexion geboren wird, wächst und sucht und in Sackgassen gerät und überraschend ins Offene, seine Gestalt verändert und der sich ändernden Umwelt anpasst, als dass sie ein „Gegenstand“ wäre, den man immer dort hinstellt, wo er einem gerade selbst am besten gefällt.

Das Hauptargument, das man für diese Art von Bildungsmessung ins Treffen führt, heißt „Vergleichbarkeit“. Aber worin besteht eigentlich der Eigenwert von Vergleichbarkeit? Was genau lerne ich aus dem Wissen um den Umstand, dass bestimmte Aufgaben von den Kindern ostchinesischer Küstenbewohner besser gelöst werden als von einem Jugendlichen in St. Johann im Pongau? Sollten wir in den westlichen Bundesländern Österreichs ein ähnliches Drill-System installieren wie in Shanghai? Funktioniert Bildung vielleicht überhaupt in staatskapitalistischen Einparteiendiktaturen besser als in mitteleuropäischen Postdemokratien?

Pragmatische Messung

Man könnte Bildung natürlich auch ganz pragmatisch messen. An den Ergebnissen. Sagen wir einmal, dass eine der nobleren Messmethoden darin bestünde, das, was die Spitzenrepräsentanten der Republik im Zusammenhang mit der Bildungsreform von sich geben, auf sinnerfassendes Sprechen zu untersuchen.

„Das Thema, das uns in der Regierung lange auseinanderdividiert hat“, sagte Bundeskanzler Werner Faymann nach dem Ministerrat, „ist nun gemeinsam politisch auf den Weg gebracht worden.“ Und das ist wichtig, denn: „Bildung ist die Schlüsselfrage für die Zukunft der Schule und damit für unsere Zukunft.“ Einer der Gründe dafür, dass dem allgemeinen Eindruck nach eine Bildungsreform dringend geboten wäre, ist, dass zu viele 15-Jährige nicht sinnerfassend lesen können. Es wurde bereits in mehreren Studien darauf hingewiesen, dass frühere Jahrgänge mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben.

Trockener Humor

Andererseits verfügen frühere Jahrgänge über einen trockenen Humor, den man heutzutage nicht mehr so leicht findet. O-Ton Werner Faymann laut Bundespressedienst: „Bei der lange zwischen Bund und Ländern diskutierten Frage der Verwaltung hat man einen sinnvollen Kompromiss, nämlich die gemeinsam eingerichteten Bildungsdirektionen, gefunden. Die Verrechnung der Lehrergehälter wird über das Bundesrechenzentrum abgewickelt.“ Mehr können sie für ihre Bildungsreform nicht tun.

„Gemeinsam eingerichtete Bildungsdirektion“ bedeutet übrigens im Klartext, dass es sich beim Bildungsdirektor um einen Bundesbeamten handelt, der auf Vorschlag des Landeshauptmanns bestellt wird. Man spart allerdings durch dieses Kompromissgebilde angeblich insgesamt sechs Millionen Euro bei den Verwaltungskosten ein, das sollte man würdigen.

Beachtliche Leistung

Was die präsentierten Ergebnisse und ihre erste vorsichtige Bewertung betrifft, gibt es grundsätzlich zwei Zugänge. Erstens: Wenn man weiß, dass die in erster Linie föderalistisch geführten Verhandlungen ein wenig anämisch geworden waren und durch eine Kompetenzinfusion seitens der Sozialpartner wieder kreislaufstabilisiert werden mussten, ist bereits die Tatsache, dass ein Papier vorliegt, das sich nicht auf die alphabetisch geordnete Liste aller Kommissionsteilnehmer beschränkt, beachtlich.

Nicht zufällig wurde das einzig wirklich sinnvolle Ergebnis dort erzielt, wo es zwischen Ländern und Bund schon jetzt keinen politischen und  finanziellen Interessenkonflikt gibt: Beim zweiten Kindergartenjahr und in der Übergangsphase zur Volksschule. Da finden sich auch etliche lesenswerte pädagogische Ansätze, deren konkrete Umsetzung man sich nur wünschen kann. Finster wird es dort, wo die gegenwärtige Situation besonders problematisch ist, im Bereich der Sekundarstufe. Da gibt es kleine, sehr kleine  Schritte in Richtung Schulautonomie, schulorganisatorische Minimalkonsense und ziemlich ausgefeilte Regeln für mögliche Gesamtschul-Modellregionen. Der eine Kompromiss soll die Konservativen und Liberalen zufriedenstellen, der andere die Linken. Die Schule war in Österreich schon immer so etwas wie eine ideologische Bedürfnisbefriedigungsanstalt für Erwachsene auf Kosten der Kinder.

Bundesbildungsrealverfassung

Und so bleibt es auch. Man hat sich viel mit Bund und Ländern, Lehrern und Gewerkschaften, praktisch nicht mit Schülern beschäftigt. Von einer Bildungsreform, die diesen Namen auch nur in Ansätzen verdient, ist das, was da präsentiert wurde, ungefähr so weit entfernt wie der Kalif des Islamischen Staates von der Direktwahl durch das britische Unterhaus. Das Papier, das jetzt vorliegt, ist, wenn man so will, eine Art Bundesbildungsrealverfassung: Wir reden nicht nur nicht über Inhalte, wir versuchen auch, die wenigen schulorganisatorischen Weichenstellungen, die wichtig wären, um wenigstens in Zukunft eine inhaltliche Diskussion zu führen, so weit unkenntlich zu machen, dass das Risiko einer tatsächlichen Reform weiterhin so gering wie möglich gehalten werden kann.

Die Bildungsreformkommission hatte, anders kann man das nicht verstehen, im Kern die Aufgabe, noch einmal deutlich zu machen, wie dringend eine Bildungsreform nötig wäre. Diese Aufgabe hat sie mit Bravour erfüllt.