Lukas Wagner

Schwimmkurse für Flüchtlinge

Burkinis, Polizisten und Baderegeln auf Arabisch

von Elisalex Henckel / 11.06.2016

Wie sich Flüchtlinge und Bäder auf den Start der Sommersaison vorbereiten. Viele Flüchtlingskinder sind über das Mittelmeer gekommen. Schwimmkurse sollen helfen, ihre Angst vor Wasser zu überwinden. Andererseits lernen sie in diesen Kursen, wie das Zusammenleben in Österreich funktioniert.

Es war ein Montag im Mai, als Jingan zum ersten Mal das Jörgerbad betrat. Er marschierte am Brunnen im Eingang vorbei, durch das Wartezimmer, wo die Badeordnung hängt, hinauf in den ersten Stock, um sich umzuziehen.

Von der Galerie vor den Umkleidekabinen hat man einen ausgezeichneten Blick auf das türkise Becken, die orange gekachelten Arkaden rundherum und die gewölbte Decke, durch deren Riesenfenster Tageslicht in das älteste Hallenbad von Wien strömt. Aber Jingan hatte keine Augen für die Architektur, Jingan hatte vor allem Angst.

(Video: Lukas Wagner)

Jingan ist 15 Jahre alt, Kurde aus Syrien, ein höflicher Bursche mit akkurat gestutztem Undercut. Er sagt, die Angst vor dem Wasser sei der Grund gewesen, warum er zu Hause in Aleppo nicht schwimmen gelernt hat wie die meisten seiner Freunde. Ein Jahr nach seiner Flucht über das Mittelmeer hat er beschlossen, es doch zu versuchen, und sich für den Schwimmkurs angemeldet, den die Betreuer in seiner Flüchtlings-WG anbieten.

Den Jugendlichen das Schwimmen beizubringen, sei nur aber eines der Ziele des Kurses, sagt Bettina Koller vom Samariterbund. Sie leitet das Haus Mihan im neunten Bezirk, in dem Jingan mit 29 anderen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen lebt. Die Hälfte davon sind Mädchen. „Für uns war auch wichtig, dass die Jugendlichen lernen, welche Regeln bei uns gelten. Dass hier gemeinsam gebadet, gemeinsam Sport betrieben wird.“

Angst vor Flüchtlingen im Bad

Das Verhalten von Flüchtlingen in Schwimmbädern ist ein Thema, das in den vergangenen Monaten immer wieder für empörte Schlagzeilen gesorgt hat. „Immer mehr sexuelle Übergriffe durch Flüchtlinge, Gewalt, Morddrohungen“, schrieb etwa die Kronen Zeitung kurz vor dem Start der Sommersaison über eine Liste von sieben Vorfällen, die sich seit Herbst 2015 allein in Wiener Bädern ereignet haben. Die Personalvertreter der Bäderbediensteten forderten deshalb „Kontrollgänge durch uniformierte Sicherheitspersonen“.

Die Samariterbund-Wasserrettung ist eine von mehreren Organisationen in Wien, die Schwimmkurse für Flüchtlinge anbieten.
Credits: Lukas Wagner

Von den fünf Fällen, in denen Asylwerber eine Rolle spielten, ist einer tatsächlich sehr dramatisch: Im Dezember vergewaltigte ein 20-jähriger Asylwerber aus dem Irak einen zehnjährigen Buben im Theresienbad. Der Prozess gegen den Mann ist noch nicht abgeschlossen. Er hat die Tat vor Gericht aber bereits gestanden.

Die anderen Vorfälle sind nicht nur weniger folgenreich, sondern auch weniger eindeutig. So könnte man zusammenfassen, was Martin Kotinsky, der Sprecher der Wiener Bäder, zu der Liste sagt.Der Fall im Apostelbad vergangenen Oktober hätte sich leicht vermeiden lassen, sagt Bäder-Sprecher Martin Kotinsky. Damals seien zu viele Asylwerber auf einmal zum Duschen gebracht worden. Dabei sei es zu einem Streit zwischen einigen Wartenden und einem äyptischen Mitarbeiter des Bades gekommen. Die angebliche sexuelle Belästigung im Hallenbad Donaustadt hat Kotinsky nicht zu den Akten genommen, weil selbst die Mitarbeiter des Bades uneins darüber waren, ob die beschuldigten Asylwerber wirklich einem weiblichen Badegast „Ficki Ficki“ hinterhergerufen hätten. Die Spanner im Hallenbad Hütteldorf waren laut Kotinsky definitiv keine Flüchtlinge, dafür hätten sie zu gut Deutsch gekonnt. Im Amalienbad sei tatsächlich ein Asylwerber aggressiv geworden, weil er das Bad über das Restaurant verlassen habe – und dann am regulären Eingang nicht mehr hereingelassen worden sei. Ob es im März im Hallenbad wirklich zu einer sexuellen Belästigung einer Siebenjährigen gekommen sei, sei ungeklärt, sagt Kotinsky. Ein Schwimmlehrer habe beobachtet, dass ein Asylwerber unter Wasser auf sein (von einer Badehose bedecktes) Geschlechtsteil gezeigt habe, der Beschuldigte bestreitet das. Die Badegäste, die im März Mitarbeiterinnen des Amalienbads verbal attackierten, waren alkoholisierte Österreicher. Kotinsky bestreitet aber nicht, dass die Zahl der gemeldeten Vorfälle im Vergleich zum Vorjahr gestiegen ist. Er erzählt sogar unaufgefordert von zwei weiterenIm Hallenbad Hütteldorf habe ein weiblicher Badegast mit persischem Nachnamen geklagt, von afghanischen Flüchtlingen angestarrt worden zu sein, die hätten das jedoch bestritten – und vorgeschlagen, die Sache vor dem Bad zu besprechen, wodurch sich die Frau noch mehr bedroht gefühlt habe. Im Sommerbad Simmering habe eine Dame türkischer Herkunft einen albanischen Familienvater beschuldigt, ihr auf das Gesäß gegriffen zu haben. Der Mann sagte, er habe die Frau beim Schwimmen nicht gesehen – und sie allenfalls unabsichtlich berührt. Wenig später hätten sich die jeweiligen Begleiter der beiden in den Streit eingemischt, schließlich sei es zu einer Rauferei gekommen, die man nur noch mithilfe der Polizei beenden können habe. , die sich seit der Veröffentlichung in der Krone ereignet haben. Er führt dies aber nicht nur auf die höhere Zahl von Flüchtlingen zurück, sondern auch auf Fehlverhalten von länger hier ansässigen Migranten oder Österreichern – und vor allem auf die „extreme Sensibilisierung“ der Badegäste. Seine Sorge vor „Überreaktionen“ ist so groß, dass er die Schwimmbadbesucher explizit vor Versuchen warnt, etwaige Konflikte selbst zu lösen. Man möge, sagt Kotinsky, „Ruhe bewahren und sich an uns wenden“.

Im Ende April vorgestellten Sicherheitskonzept der zuständigen MA 44 sind keine uniformierten Wachleute vorgesehen, aber auf die Übersetzung der Badeordnung in sechs zusätzliche Sprachen (Französisch, Russisch, Albanisch, Arabisch, Persisch und Urdu) wollte man sich offenbar auch nicht beschränken. Daher werden künftig 40 „First Responder“ in den 22 Sommer- und Hallenbädern unterwegs sein. Dabei handelt es sich um zusätzliche Mitarbeiter, die für den Umgang mit Konfliktsituationen speziell geschult wurden. Außerdem haben die Bäder erneut darauf hingewiesen, dass Polizeibeamte, die an der Kasse ihre Dienstnummer bekannt geben, ohne zu bezahlen ins Schwimmbad dürfen, damit sie „im Ernstfall per Codewort ausgerufen“ werden können.

Wie groß die Aggressionen mitunter werden, konnte man gerade in Kärnten beobachten. Dort hat die Wasserrettung dem Kurier zufolge erst einen Shitstorm geerntet, weil sie kostenlose Schwimmkurse für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge angeboten hat, später haben unbekannte Täter auch noch das Fenster eines Einsatzfahrzeuges eingeschlagen.

Warum sind die alle so nackert?

Doch nicht nur auf der Seite der Alteingesessenen, auch auf der der Flüchtlinge gibt es Sorgen, die über Jingans Angst vor dem Wasser hinausgehen. Einmal hätten die Burschen auf der Donauinsel Frauen „oben ohne“ gesehen, erzählt Bettina Koller, die Heimleiterin vom Samariterbund. Sie habe ihnen daraufhin erklärt, dass dies in Österreich erlaubt – und keinesfalls als sexuelle Aufforderung zu werten sei. Dass die Regel „nicht anstarren und nicht angrapschen“ auch dann gelte, wenn eine Frau sehr viel Haut zeige.

Das Lernen hat also lange vor dem ersten Kontakt mit dem Wasser begonnen. Das bestätigt auch Michael Schmid von der Samariterbund-Wasserrettung, der seit drei Jahren Flüchtlingen Schwimmen beibringt. Die Mädchen hätten sich eigentlich ein Bad ohne Männer gewünscht, aber Zeiten, zu denen nur Frauen schwimmen dürfen, gibt es nur im Amalienbad, und dort auch erst wieder ab Herbst.

Schmid und seine Kollegen haben ihnen deshalb erklärt, wo man im zwölften Bezirk Burkinis bekommt. So haben sich auch zwei Somalierinnen, die in der WG sonst noch zurückgezogener leben als die arabischen und afghanischen Mädchen, dazu entschlossen, schwimmen zu lernen. Jetzt üben sie gerade, mit Schwimmnudeln aus Schaumstoff im Nacken, im seichteren Teil des Beckens das Rückenschwimmen.

Eine somalische Schwimmschülerin trainiert im Burkini Rückenschwimmen.
Credits: Lukas Wagner

Ihre Anleitungen bekommen sie von einer weiblichen Kollegin Schmids. Im Unterschied zu den Burschen, die ganz bewusst auch von Frauen unterrichtet werden, habe man den Mädchen keinen männlichen Lehrer zumuten wollen, sagt Schmid. Das wäre dann doch zu heikel gewesen. Die Mädchen stehen so schon unglaublich unter Druck, sagt auch Heimleiterin Koller. Viele Eltern würden per Videoanruf aus der Heimat regelmäßig kontrollieren, ob sie auch weiterhin ihr Kopftuch trügen.

Abgesehen von der Badekleidung einiger Mädchen unterscheide sich der Flüchtlingskurs kaum von anderen, die er abhalte, sagt Michael Schmid. Sprachprobleme gebe es manchmal, vor allem mit den Mädchen – und seit dieser Woche mache sich der Ramadan bemerkbar. Wer den ganzen Tag nicht esse und trinke, dem fehle es halt an Kraft.

Ein Mädchen ohne Burkini

Hawraa fastet auch, aber an Energie scheint es ihr deswegen nicht zu mangeln. Sie wäre vermutlich sogar mit einem männlichen Lehrer klargekommen. Ihr Kopftuch hat die 16 Jahre alte Irakerin jedenfalls abgelegt, kurz nachdem sie in Österreich angekommen ist.

Sie hat es selbst dann nicht wieder umgebunden, als ihre Brüder irgendwann aus anderen Flüchtlingsquartieren zu Besuch kamen und so lautstark protestierten, dass selbst die resolute Heimleiterin Bettina Koller es für ratsam hielt, einen männlichen Kollegen dazuzuholen.

Hawraa aus dem Irak hat ihr Kopftuch abgelegt, als sie in Österreich angekommen ist. Wenn ihr Deutsch gut genug ist, möchte sie gerne eine Ausbildung zur Verkäuferin machen.
Credits: Lukas Wagner

Eine Zeit lang hatte Koller Sorgen, dass Hawraa über die Stränge schlägt. Sie stieg nachts aus dem Fenster, um sich mit Freunden im Park zu treffen, erst nach ein paar eindringlichen Gesprächen über die Risiken der neuen Freiheit ist sie ruhiger geworden. Ihr Deutsch ist immer noch schlechter als das von Jingan, obwohl sie auch schon zehn Monate in Österreich ist, aber dafür scheint sie keine Angst zu kennen.

Sie habe gleich gesagt, dass sie keinen Burkini brauche, erzählt Bettina Koller. Gemeinsam mit einer Betreuerin hat Hawraa dann einen Badeanzug auf der Mariahilfer Straße gekauft. Er ist schwarz-weiß gemustert, mit einem Röckchen dran, das den Hintern bedeckt. Ein europäisches Mädchen fände ihn vermutlich altmodisch, aber die Burschen aus dem Haus Mihan waren schockiert, als sie Hawraa erstmals darin sahen, sagt Bettina Koller.

Der Badeanzug ist ihre Sache

Von dieser Aufregung lassen sich Hawraa und die Burschen einen Monat später nichts mehr anmerken. Warum sie sich für diesen Badeanzug entschieden habe? Einfach so, sagt Hawraa und zuckt mit den Achseln. Ob es Probleme mit den Burschen gab? Nein, nein.

In dem Moment schaltet sich Jingan ein, der zuvor nur übersetzt hat. „Man kann ihr nicht sagen, mach es so oder so“, sagt er. „Der Badeanzug ist ihre Sache.“

Jingan hat neben den Mädchen im Seichten trainiert. So richtig schwimmen kann er noch nicht, aber mithilfe eines Bretts kommt er schon ganz gut vorwärts. Drei Einheiten hat er noch, bevor der Kurs endet. Danach will er mit seinen Freunden weiterüben, die drüben im Tiefen bei Michael Schmid kraulen und köpfeln.

Irgendwann will er dann auch springen. Nur halt nicht vom Beckenrand. So viel hat er im Jörgerbad bereits gelernt.