Lilly Panholzer /ALLDSGN

Analyse der Regierungsumbildung

Change Management für eine Bundesregierung

Meinung / von Julia Herrnböck / 18.05.2016

Der Abgang Faymanns und der Antritt Kerns als neuer Kanzler bedeuten endlich ein Ende der Blockadepolitik, die Rot und Schwarz viele Jahre lang betrieben haben. Nicht alles ist möglich, aber vieles. Schön wäre, wenn die SPÖ ihre Selbstfindung  wieder mehr nach innen verlagert und die ÖVP jetzt auch ihren Teil dazu beiträgt, dass in diesem Land inhaltlich gearbeitet wird. Die große Phase der Veränderung birgt für alle Chancen – und kennt ein großes Risiko: Neuwahlen.

Der härteste Teil einer Veränderung ist der Stillstand. Der Moment, in dem allen klar ist, dass es so nicht weitergehen kann und doch alle erstarren. Als „Valley of Tears“ oder „Tal der Tränen“ wird diese Phase bezeichnet. Österreich hat das Tal der Tränen durchtaucht. Hoffentlich. Sonst wird es noch einmal wehtun. Denn Veränderung schmerzt und ist vor allem eins: ein Führungsthema. Mit der Angelobung von Christian Kern als neuer Bundeskanzler und den neuen Köpfen im Regierungsteam beginnt Phase zwei, der eigentliche Teil der Arbeit.

Jede Transformation wird von einer Veränderung eingeleitet. Das trifft auf Personen ebenso zu wie auf Organisationen oder eben eine Regierung. Jetzt hat die Verwandlung begonnen. Ob sie bis zum Ende vollzogen wird, lässt sich zumindest an ein paar Faktoren aus der Organisationsentwicklung ableiten. Es gibt für diese Change-Prozesse zwar keine Patentlösung, wie sie im Einzelfall geführt werden sollen, wohl aber existieren allgemeine Erkenntnisse, in welchen Phasen sie verlaufen und welche Risiken ein solches Vorhaben zum Kippen bringen können.

Veränderung birgt Chancen für (fast) alle

Das ist das Gute: Veränderungsprozesse lassen sich planen, und zwar inhaltlich wie auch vom zeitlichen Ablauf. Der Erfolg dieser Regierung liegt nicht nur an ihrem neuen Kopf Christian Kern und der SPÖ, die sich zur Veränderung gezwungen sah, sondern auch an seinem Gegenspieler Reinhold Mitterlehner und der ÖVP. Werden Neuwahlen provoziert, ist der kostbare Moment verschenkt, dass sich wirklich etwas nachhaltig an der politischen  Kultur ändern kann.

Ein solcher Veränderungsprozess verläuft nach Kurt Lewin in drei groben Abschnitten: Auftauphase (unfreezing), Bewegungsphase (moving), Einfrierphase (freezing). Es gibt auch andere bedeutende Modelle, etwa von John P. Kotter, der später als Lewin mehr die Rahmenbedinungen einbezieht, aber grundsätzlich lassen sich ein paar Gedanken aus der Theorie auf die derzeitige Situation der Bundesregierung umlegen. Viele Monate lang wurde innerhalb der Regierung – vor allem innerhalb der SPÖ-Spitze – um die Einsicht gerungen, dass etwas grundlegend schiefläuft. Diese quälende Entwicklung gipfelte in den Ergebnissen des ersten Durchgangs der Präsidentschaftswahl und in dem darauffolgenden Pfeifkonzert am 1. Mai.

Unfreeze: Der Druck führte von der Basis bis ganz nach oben, ein sogenannter Bottum-up-Veränderungsprozess. Wenn die Führung jetzt nicht dagegenhält, sondern dem Schwung nachgibt, ist die erste Hürde geschafft. Werner Faymann hat mit seinem Abgang die eine Initialzündung gestartet, damit diese bis zum Stillstand ineinander verkeilte Führung endlich wieder in Bewegung kommen kann – für diesen Schritt kann man ihm dankbar sein, ganz ohne Häme. Den Übergang zur Phase der Bewegung markiert das Ins-Spiel-Bringen neuer Akteure wie Gerhard Zeiler und eben Christian Kern, aber auch die vielen Namen, die in den vergangenen Tagen für neue Posten kolportiert wurden.

Move: In der aktuellen Phase der Bewegung, die offiziell mit dem Antritt von Kern als neuem Kanzler begonnen hat, ist am meisten Energie vorhanden: Die Kräfte formieren sich neu, alte Blockaden können sich lösen. Und zwar nur hier. Erst wenn dieser Prozess vollzogen ist, jeder seinen neuen Platz bezogen hat und neue Regeln aufgestellt sind, verhärtet das System wieder. Das gilt für Familien, Teams, Konzerne und eben Regierungen. Ausschlaggebend ist die Kommunikation, welche „Story“ wird erzählt? Kern und/oder sein Team haben das Prinzip erkannt, wie Veränderung von Beginn an positiv verkauft werden kann: neue Akteure, die keine Parteisoldaten sind und Erfahrung außerhalb der Politik mitbringen. Auch seine Antrittsrede am Dienstag folgte diesem Credo. Kern hat eine Geschichte der Veränderung erzählt.

Es ist aber auch die Phase der Blockierer. Der neue Parteichef wird mit dieser Spezies sowohl innerhalb der eigenen Reihen zu kämpfen haben wie auch beim Regierungspartner, der natürlich an der Seite eines angezählten Kanzlers Faymann besser dastand als heute, nachdem Kern alle Rosen gestreut haben. Bisher konnte die ÖVP erste Reihe fußfrei zusehen, wie sich die SPÖ zerpflückte, jetzt steht sie selbst unter Zugzwang.

Total-Blockierer müssen gehen

Mitterlehner ist nun der wichtigste Partner für Kern, die beide die kritischen Stakeholder davon überzeugen müssen, einen neuen Kurs einzunehmen. Der ÖVP wird vermutlich die FPÖ in den kommenden Monaten öfter Mal ins Ohr flüstern, dass man gemeinsame Sache machen könnte. Doch werden vor dem Ende dieser Bewegungsphase Neuwahlen ausgerufen, war alles umsonst, und Österreich beginnt wieder bei null. Auch die ÖVP kann jetzt profitieren: Machen die beiden ihre Sache richtig gut, werden Rot wie Schwarz bei den nächsten regulären Wahlen vermutlich mit Stimmenzuwachs belohnt. Die ÖVP würde als verantwortungsvolle Partei wahrgenommen, die der Versuchung widerstehen konnte, zum reinen Machterhalt – den Kern ja beenden will – Politik betrieben zu haben. Die aktuelle Situation ist auch  für die ÖVP ein (kultureller) Systemwechsel. Ein altes Sprichwort im Change Management besagt: Wer sich nicht verändert, der wird verändert.

Wichtig für beide Parteien ist es,  in der kommenden Zeit auf Zweifler und Blockierer zuzugehen, Bedenken für die neue Vorgehensweise nicht achtlos fortzuwischen, aber auch zu erkennen, wer den neuen Weg aus Prinzip nicht beschreiten wird. Unbeugsam gegen den Wandel gerichtete Kräfte müssen gehen, das ist eine unumstößliche Regel im Veränderungsmanagement. Lewin glaubte daran, lieber die Veränderungsgegner zu verringern als weiter neue Befürworter hinzuzuholen. Mitterlehner und Kern haben das Momentum und können jetzt diejenigen austauschen, die immer dagegen sind.

Re-Freeze: Denn irgendwann schließen sich diese Fenster wieder, und die Transformation muss in die Abschlussphase eintreten, in der sich alle wieder auf ihren neuen Positionen einfinden und dort „einfrieren“. Die neue Struktur ist implementiert, das System kommt wieder zur Ruhe. Noch ist es nicht so weit, es steht noch eine unbekannte Größe in Form der Bundespräsidentschaftswahlen an. Erst wenn die Ruhephase sein darf, wird man die geplanten Vorhaben und die Strategie umsetzen können und Erfolge sehen können. Wenn sich das Gefüge nicht stabilisiert, mit all seinen neuen Werten und Zielen, war es auch kein erfolgreicher Veränderungsprozess – was auf rund zwei Drittel dieser Vorhaben zutrifft.

Wer Österreich und seine politische Kultur kennt, ahnt es. Dass Vizekanzler Reinhold Mitterlehner behauptet, er sehe „keinen Anlass für Neuwahlen“ und es bis 2018 dabei belassen will, ist schwer vorstellbar. Gerade die ÖVP stiftet gerne Unruhe, um von ihren internen Querelen abzulenken. Es ist das alte Schüssel-Drama, dass sie Steigbügelhalter für die FPÖ wäre, nur um selbst in der Regierung bleiben zu können. Und doch ist es möglich, dass uns auch Mitterlehner überrascht.