APA/ROLAND SCHLAGER, APA/HANS PUNZ (Fotomontage)

Da war nichts

Meinung / von Michael Fleischhacker / 09.05.2016

Im digitalen Schrebergarten des politmedialen Komplexes regierte unmittelbar nach der überraschenden Rücktrittserklärung des Bundeskanzlers der Respekt: würdiger Abgang, so der Twitter-Tenor, am Ende habe Werner Faymann doch noch Größe gezeigt.

Eh nett. Aber warum eigentlich?

Ja, es war eine der besseren Reden unter denen, die man von Herrn Faymann während der vergangenen Jahre zu hören bekam. Das liegt erstens daran, dass die anderen ziemlich schlecht waren, und zweitens zeigt sich darin besonders deutlich das Problem, das der Mann, der zu lange an der Spitze der österreichischen Bundesregierung stand, hatte: Gut war er immer nur, wenn es um ihn selbst ging.

Was er in seiner Abschiedsrede gesagt hat, war weitgehend falsch. Denn ja, es stimmt, dass man, wenn man nicht mehr den vollen Rückhalt seiner Partei hat, Schwierigkeiten bekommt. Aber das hat Werner Faymann nicht gekümmert, solange es ihm mit der Hilfe seines Ausputzers, des „Softstalinisten“ Josef Ostermayer gelungen ist, die Kritiker einzulullen oder einzuschüchtern.

Was er über seine Großtaten während der vergangenen sieben Jahre Kanzlerschaft von der Bewältigung der Weltwirtschaftskrise durch den Wernerkeyensianismus bis zur Vermählung von Ordnung und Menschlichkeit in der Flüchtlingskrise durch Pfarrer Faymann sagte, war nicht nur unzutreffend, sondern fast schon ein wenig kokett angesichts der Tatsachen: Durch die Krise kamen wir durch eine Ausweitung der Schuldenlast, die die nächste Generation zu tragen hat. Und in der Flüchtlingskrise ist Faymann zunächst Angela Merkel hinterhergetrottet und dann Sebastian Kurz.

Verwahrlosung der politischen Kultur

Also noch einmal die Frage: Was sollte der Grund dafür sein, dass man einem Mann zum Ende seiner Amtszeit Respekt zollt, der durch diese Amtszeit einen wesentlichen Beitrag zur intellektuellen und moralischen Verwahrlosung der politischen Kultur geleistet hat? Werner Faymann und seinem Erfüllungsgehilfen Josef Ostermayer ist es zu verdanken, dass die schiefe Institutionenarchitektur, in der Parteien und Sozialpartner als viel zu dicke Säulen im Zentrum stehen, durch ein System struktureller Medienkorruption ergänzt wurde.

Dass Produkte wie Österreich oder Heute überhaupt existieren, wäre ohne den Sumpf, für dessen permanente Befeuchtung das Duo Faymann-Ostermayer steht, überhaupt nicht denkbar, und auch die Kronen Zeitung stünde ohne ihre frühe Einwilligung in die wechselseitige Abhängigkeitsbeziehung zur Firma Ostermann etwas anders da. Dass auch seriöse Blätter wie Standard und Presse ohne die Werbemillionen der öffentlichen Hand in gröberen Existenznöten wären, als sie es ohnehin sind, macht die Sache nicht besser, im Gegenteil: Scheinsicherheiten dieser Art führen immer zu Innovationsresistenz.

Nein, gegenüber dem gerade zurückgetretenen Bundeskanzler ist alles, was über den Respekt, den jeder Mensch verdient, weil er ein Mensch ist, hinausgeht, unangebracht. Dass sich einer zum Abschluss eine vernünftige Rede schreiben lässt, um noch einmal als Staatsmann dazustehen, ist keine extra zu würdigende Leistung.

Und sonst war da nichts.