Guenter R. Artinger/APA

Erfahrungsbericht

Das AMS will es so

Meinung / von Moritz Moser / 03.02.2016

Wer arbeitslos wird und bleibt kommt früher oder später in eine AMS-Schulung, die mehr oder weniger gut auf den Wiedereinstieg ins Berufsleben vorbereitet. Für Akademiker gibt es mittlerweile ein eigenes Angebot. Ich durfte es im Jahr 2014 zehn Wochen lang kennenlernen.

Am Anfang stehen soziometrische Übungen. Wie groß ist die Begeisterung, im „AkademikerInnenzentrum“ zu sein, will die Trainerin wissen. Der Geschichtelehrer aus Osteuropa steht ganz vorne. Er musste beim AMS dafür kämpfen, hier sein zu dürfen. Die studierte Malerin hat sich mit etlichen anderen hinten an die Wand gelehnt. Sie hätte gerne eine Fortbildung im Bereich Mediengestaltung gemacht, aber diese Kurse werden seit kurzem nicht mehr bezahlt. Deshalb wird sie jetzt, wie wir alle, in zehn Wochen zum „Business Assistant“ ausgebildet, das lässt sich das AMS 6.000 Euro pro Person kosten.

Der Administrator kommt und erklärt uns, dass es jeweils in der ersten Stunde keine Lehrveranstaltungen gibt, wir müssen nur da sein. Das nennt sich AKI-Zeit und steht für „Aktivierung individuell“. Getan werden muss nichts, das AMS verlangt nur die Anwesenheit. Am Freitag gibt es gleich vier Stunden AKI. Außerdem erfahren wir, dass wir glücklich sein dürfen, dass im Raum zehn Computer für 13 Personen da sind. Das AMS hat in der Ausschreibung eigentlich keine Computer verlangt.

Dafür schließt die Tür nicht. Am Dienstag oder Donnerstag werde das repariert, sagt der Administrator, und geht. Wir lernen, wie man als Gruppe Beschlüsse fasst. Man muss miteinander reden und zuhören, das sei wichtig, sagt die Trainerin. Wir sollen gleich an einem praktischen Beispiel üben. Es wird beschlossen, die Mittagspause, die 70 Minuten dauert, um eine halbe Stunde zu verkürzen, um dafür 30 Minuten früher gehen zu können. Einige haben Kinder und wissen nicht, wie sie die sonst rechtzeitig von der Schule abholen sollen. Sehr gut, meint die Trainerin, aber leider geht das nicht. Wir müssen bis 16 Uhr da sein, das AMS will es so.

Eine neue Trainerin erklärt uns, wie man Ich-Botschaften formuliert, um gewaltfrei kommunizieren zu können. Dann lernen wir, Situationen zu beschreiben und unsere Gefühle dazu auszudrücken. Praktische Beispiele sind erwünscht, gerne auch aus dem Familienleben, sagt die Trainerin. Einer nach dem anderen geht nach vorne, um einen gewaltfreien Dialog zu einem Problem aus seiner Vergangenheit nachzuspielen. Ein Chef ohne Manieren und ein Exmann samt Unterhaltsstreit bekommen ihr gewaltfreies Fett weg. Den beiden Politikwissenschaftlern, die sich während des Seelenstriptease fragende Blicke zuwerfen, wird negative nonverbale Kommunikation attestiert. Andere Trainer seien da nicht so tolerant, sagt die Trainerin.

Dann müssen wir unsere fünf wichtigsten Eigenschaften auf Zettel schreiben und an eine Pinnwand heften. Die Sozialanthropologin verwendet einen falschen Stift. Bitte, wenn sie es so haben wolle: Die Trainerin nagelt entnervt die Zettel an die Wand. Im übrigen sollen wir uns nicht über sie beim AMS beschweren, sagt sie. Das hätte schon mal wer gemacht und das komme nicht gut an.

Aus einer schlecht kopierten Broschüre lernen wir schließlich etwas über WeQ, das Pendant zu IQ. Drei Gruppen werden gebildet, von denen je eine ein Drittel des Textes zusammenfassen muss, ohne die anderen Teile zu kennen. Wir erfahren, dass WeQ viele tausend Frauen in Nepal alphabetisiert hat und ein „Megatrend … in Inseldimensionen“ ist, das soll uns bei der Arbeitssuche helfen. Außerdem, so heißt es weiter, müsse man erkennen, dass jeder Mensch ein „Bergwerk, reich an Edelsteinen“ sei. Ich finde den Satz etwas esoterisch, was die Trainerin nicht goutiert. Edelsteine, so meint sie im Hinausgehen, seien schließlich echt. Es ist Donnerstag, und die Türe geht immer noch nicht zu.

 

Dieser Text ist auch im Wiener Creative Mornings Magazin #7 erschienen