APA/Erwin Scheriau

Gerüchte statt Fakten

Das Märchen von den Plünderungen in der Südsteiermark

von Georg Renner / 27.10.2015

„Die Stimmung ist ja längst gekippt“. So beginnt ein ziemlich deutlicher Kommentar des steirischen Krone-Chefredakteurs Christoph Biró in der Zeitung am vergangenen Sonntag, der zu Recht für einige Aufregung sorgt – nicht nur der Presserat verzeichnet bereits einige Dutzend Beschwerden, auch bei der Staatsanwaltschaft Graz ist inzwischen eine Sachverhaltsdarstellung eingegangen.
(Biró selbst hat sich inzwischen wegen seines Kommentars aus der Redaktion der Krone zurückgezogen, siehe dazu seine Stellungnahme weiter unten.)

Jetzt könnte man die Schlussfolgerungen, die Herr Biró da zieht, ja angesichts einer allgemein vorherrschenden Stimmung durchaus argumentieren – die Position, dass es Zeit sei, die Grenzen zu schließen, wird zum Beispiel in Deutschland inzwischen schon recht offen von höheren Kreisen in Polizei, Verfassungsschutz und Nachrichtendienst vertreten, wie die „Welt“ ebenfalls am Sonntag berichtet hat.

Problematisch ist der Krone-Kommentar aber auf einer anderen Ebene: Es gibt schlicht keinen Anhaltspunkt, dass die geschilderten Vorfälle auch wahr wären. Biró gibt in seinem Text keine Anhaltspunkte für seine Quellen, auf eine NZZ.at-Anfrage am Dienstag hat er nicht reagiert – und diejenigen, die es wissen müssten, dementieren heftig.

Polizei: Nein, nein, nein

So haben wir bei der steirischen Exekutive nachgefragt, ob es in der Steiermark in den letzten Tagen „äußerst aggressive sexuelle Übergriffe“ durch (syrische) Flüchtlinge gegeben hat; oder in den Notquartieren Probleme zwischen Geflüchteten und weiblichen Hilfskräften; oder gar „Horden, die Supermärkte stürmen“.
Die Antworten von Fritz Grundnig,  Pressesprecher der steirischen Landespolizeidirektion, lassen an Deutlichkeit wenig zu wünschen übrig:

Ihre Anfrage ist ganz einfach zu beantworten:
– Nein
– Nein
– Nein

Fritz Grundnig, Landespolizeidirektion Steiermark

In den Bezirken Leibnitz und Südoststeiermark, wo es derzeit zu Massenansammlungen von Flüchtlingen kommt, gebe es keine Anzeigen, die auf eine Täterschaft von Flüchtlingen schließen ließen, so Grundnig weiter.

ÖBB: „Unsinn“

Auch die ÖBB, die bisher kein Interesse an den Tag gelegt hatten, Berichte über von Flüchtlingen beschädigte Züge zu vertuschen, dementieren, dass Flüchtlinge Sitze aufgeschlitzt und ihre Notdurft verrichtet hätten:

Kurz gesagt: das ist Unsinn, sowas wie aufgeschlitzte Sitze gab es nicht. Lassen wir die Kirche im Dorf. Natürlich kommt es zu Verschmutzungen in den Zügen – so wie bei Sonderzügen zu Rockkonzerten oder Fußballspielen auch. Ganz normal. Das kennen wir, das lässt sich mit einfacher Reinigung beheben – und vor allem ist das immer so, wenn sehr viele Menschen unterwegs sind.

ÖBB-Konzernsprecher Michael Braun

Schon wahr, es würden seit Wochen Fotos aus verwüsteten Bussen und Zügen im Internet kursieren – woher diese kämen, lasse sich aber nicht feststellen, es handle sich nicht um ÖBB-Züge.

Supermärkte: Gerüchte allesamt falsch

Auch Supermarktketten bestreiten, dass es in der Region – oder sonstwo – zu Plünderungen gekommen sei.

Es gebe allerdings immer wieder Eintragungen auf Facebook und anderen sozialen Medien, in denen das Gegenteil behauptet werde, ergänzt Polizeisprecher Grundnig: Erst heute wäre demnach ein Spar-Markt in Leibnitz von 50 Flüchtlingen ausgeraubt worden: „Diese Eintragungen beziehen sich immer auf ‚zuverlässige‘ Quellen und es wird immer wieder behauptet, die Polizei halte diese Vorfälle geheim und habe sogar eine ‚Informationssperre‘ veranlasst. Wir können das nur immer wieder dementieren“, so Grundnig.

Die Mär vom Geheimhaltungskartell

Jetzt könnte man natürlich davon ausgehen, dass es da ein gewaltiges Meinungskartell gäbe, das mit aller Gewalt die Meldungen von Flüchtlingsgewalt unterdrücken will – dem spielt bis zu einem gewissen Grad in die Hände, dass Flüchtlinge weder als Täter- noch als Opfergruppe statistisch erfasst werden.

Tatsächlich kann man aber davon ausgehen, dass Verwüstungen, wie die Krone sie hier ohne Beleg von Quellen schildert (und wie sie jeder Journalist, der sich mit dem Thema befasst, von anonym bleiben wollenden Kontakten ohne Belege angedeutet bekommt), sich im Smartphone-Zeitalter schlicht nicht geheimhalten ließen. Eine Supermarkt-Plünderung mit 50 und mehr Beteiligten, von der es kein Video gäbe? Ein devastierter Zug, an dessen Reinigung dutzende Menschen beteiligt wären?
Wenn solche Dinge passieren, wären sie wohl leicht mit besseren Quellen als bloßem Hörensagen zu belegen – und müssten genau so berichtet werden.

Biró: „Augenmaß verloren“

Biró wird sich unterdessen „aus eigenen Stücken für einige Zeit aus der Redaktion zurückziehen“, wie die APA am Dienstagabend unter Berufung auf eine Stellungnahme der Krone berichtet.

Er selbst nimmt dazu der APA zufolge so Stellung:

Ich bin seit 39 Jahren Journalist. Ich habe gelernt, Fakten von Indizien zu unterscheiden und Beweise zu würdigen. Hintergrundinformationen zu bekommen zählt zum Handwerk. In meiner Kolumne vom Sonntag habe ich aber das Augenmaß verloren. Natürlich gibt es auch unter den Flüchtlingen schwarze Schafe und böse Vorfälle. Auch ich persönlich habe diesbezüglich eine Enttäuschung erlebt, nachdem meine Frau und ich in unserem Urlaub Syrern Deutschunterricht gegeben haben. Diese Enttäuschung hat wohl mitgespielt, dass ich die Zustände so überzeichnet habe. Das war ein Fehler, wie er mir in 39 Jahren noch nicht passiert ist. Fehler passieren? Ja, aber dieser ist besonders bedauerlich. Man muss bei diesem Thema ein ganz besonderes Fingerspitzengefühl haben. Und das habe ich vermissen lassen.

Christoph Biró, bisher Chefredakteur der „Krone“ Steiermark