Herbert Neubauer/APA

Gesundheitssystem

Das österreichische Gesundheitssystem fährt gegen die Wand

Meinung / von Moritz Moser / 08.08.2016

Das österreichische Gesundheitssystem wird stillschweigend abgebaut. Anstelle einer Grundsatzdiskussion gibt es Leistungskürzungen in kleinen Schritten.

Der Druck auf das österreichische Gesundheitssystem ist enorm: Immer mehr alte Menschen, immer aufwendigere und teurere Behandlungsmethoden und Geräte, Kostendruck bei Ärzten und Pflege. Die Politik scheut sich jedoch vor einer ehrlichen Debatte. Stattdessen wird regelmäßig über die Symptome gestritten. Etwa über die Versorgung der Bevölkerung mit CTs und MRTs, eine Disziplin, in der Österreich Weltmeister ist. Oder wie zuletzt das Wahlarztsystem, als der SPÖ-Gesundheitssprecher forderte, deren Rechnungen nicht mehr durch die Kassen zu refundieren.

Verwaltungswahnsinn

Die meisten Spitäler werden von den Ländern geführt, müssen aber von den Gemeinden mitgetragen werden. An Universitätskliniken finanziert auch der Bund mit, dessen Mittel oft nur vorgeblich in die Forschung fließen. Tatsächlich arbeitet das Personal in der für die Wissenschaft reservierten Zeit oft genug im Spitalsbetrieb weiter.

Die 19 Krankenkassen im Hauptverband dümpeln währenddessen in einer unkontrollierten Pseudoautonomie dahin. Und dann sind da noch die 17 Kranken- und Unfallversicherungsanstalten für Landes- und Gemeindebedienstete.

Die Ärzte werden von der Ärztekammer und ihren neun Landesorganisationen vertreten, für die Zahnärzte gibt es dieselbe Struktur seit 2006 noch einmal separat.

Von diesen Strukturen verwaltet, versorgen etwa 19.700 niedergelassene Ärzte und 277 Krankenanstalten die Österreicher mit Gesundheit.

Medizinische Lebenslüge

Hepatitis-C-Patienten werden nur geheilt, wenn sie schwere Schäden vorweisen können. Fachuntersuchungen wickeln die Patienten, die es sich leisten können, ohnehin längst über Wahlärzte ab.

Trotz des fatalen Gesamtzustandes gibt es keine Grundsatzdiskussion. Am Gesundheitssystem wird stillschweigend gespart. Wartezeiten werden länger, Leistungen weniger.

Die europarechtlich geforderte Stundenverkürzung bei den Spitalsärzten wurde zehn Jahre lang hinausgezögert und durch Huschpfuschaktionen in letzter Minute eher verschlimmert als abgefedert. Der Wiener Krankenanstaltenverbund kürzt sein Budget mittlerweile an allen Ecken und Enden, weil er offenbar in einer echten Finanzierungskrise steckt.

In einer Situation, in der jeder weiß, dass er die bestmögliche Behandlung nur über zusätzliche Zahlungen erhält, warnen manche Politiker noch vor der Zwei-Klassen-Medizin. Wie ein Feueralarm, der losgeht, wenn das Haus bereits in Schutt und Asche liegt.

Dass es keine Ungleichbehandlung zwischen Pflichtversicherten und den fianziell Bessergestellten gibt, ist längst zur Lebenslüge der österreichischen Gesundheitsversorgung geworden.

System vor dem Kollaps

Die heimische Gesundheitspolitik verteilt sich auf zu viele Schultern. Von den Köpfen, die dazwischenliegen, will indes keiner Verantwortung übernehmen. Die Schuld liegt beim jeweils anderen. Die Politik lässt lieber das Spitalspersonal am Rand menschlicher Belastungsgrenzen die eigenen Fehler ausbaden, während sie der Bevölkerung erzählt, die Wirklichkeit sei viel weniger wirklich als wahrgenommen.

Die Wahrheit ist: Österreich kann sich sein derzeitiges Gesundheitssystem mit dieser Verwaltung und Kompetenzverteilung nicht mehr leisten. Ein paar Posten von wohlversorgten Schwiegersöhnen und Ministerenkeln im Hauptverband zu streichen, wird nicht mehr reichen. Die Katastrophe ist so weit fortgeschritten, dass es sogar sinnvoller wäre, Sozialversicherung und Spitalswesen in die alleinige Zuständigkeit der Länder zu übergeben.

Die Gesundheitsversorgung steht näher am Kollaps, als sich die Politik das eingestehen will. Auch die ältesten Landärzte, geplagtesten Kassenmediziner, überarbeitetsten Spitalsärzte und Krankenpfleger können irgendwann nicht mehr. Die Wand ist in Sichtweite – Zeit, vom Gaspedal zu gehen.