Lukas Wagner

Video

Das „österreichische Kommando“ des IS

von Elisalex Henckel / 13.04.2016

In einem Salzburger Gefängnis sitzen seit Dezember ein Pakistani und ein Algerier ein, für die sich Ermittler aus ganz Europa interessieren. Die Männer sollen zum Netzwerk hinter den Anschlägen von Paris und Brüssel gehören. Die Verbindungen, die das vermuten lassen, sind zahlreich – Lukas Wagner hat sie in einem Video nachgezeichnet.

Die Aufregung ist auch vier Monate nach der Verhaftung der beiden Männer in einem Salzburger Flüchtlingsquartier noch nicht abgeebbt: „Terroristen in Puch stellen akute Gefahr da“, titelte vor kurzem die Kronen Zeitung. In der Justizanstalt Puch Urstein hoffe man deswegen auf eine rasche Abschiebung der Männer nach Frankreich oder Belgien.

Diese Hoffnung wurde jedoch schnell enttäuscht. Zumindest die französische Justiz habe bisher noch keinen Auslieferungsantrag gestellt, berichtete der Salzburger ORF. Der Grund dafür sei nicht bekannt.Die Staatsanwaltschaft Salzburg wollte sich dazu nicht äußern. Sie führt die Ermittlungen auf Grund der „sensiblen Thematik“ nach wie vor als „Verschlusssache“. Ihr Sprecher Robert Holzleitner hat bisher nur wenige Informationen über die Pucher Häftlinge bestätigt, für die sich Geheimdienste aus ganz Europa interessieren.

Einreise mit Stade-de-France-Bombern

Bei den Männern handelt es sich laut Angaben von Holzleitner um einen 28 Jahre alten Algerier und einen 34 Jahre alten Pakistani. Sie reisten am 3. Oktober mit einem Flüchtlingsboot nach Griechenland ein, mit an Bord waren zwei spätere Attentäter von Paris. Im Gegensatz zu ihnen wurden die Salzburger Beschuldigten wegen gefälschter syrischer Pässe 25 Tage angehalten. Ende November erreichten sie Salzburg, wurden dort in der früheren Asfinag-Halle untergebracht – und am 10. Dezember verhaftet.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Männer zum IS gehören, und prüft „im Hinblick auf die vorgenannte gemeinsame Reisetätigkeit“ einen „Zusammenhang mit den Anschlägen in Paris“. Justizminister Wolfgang Brandstetter (ÖVP) wies kurz vor Ostern darauf hin, dass auch die Attentate von Brüssel in den Ermittlungen eine Rolle spielten, schließlich werde hinter beiden Terrorattacken dasselbe Netzwerk vermutet.

In Puch-Urstein sitzen vier weitere Terrorverdächtige, die auf der Flüchtlingsroute nach Österreich einreisten. Zwei von ihnen wurden bereits im Herbst verhaftet. Gegen einen der beiden Syrer gibt es bereits eine Anklage wegen Mitgliedschaft beim syrischen Al-Kaida-Ableger Dschabhat Al-Nusra, gegen den anderen wird noch ermittelt. Sie haben nach derzeitigem Stand nichts mit den Anschlägen von Paris und Brüssel zu tun.

Bei den anderen beiden kann man das nicht ausschließen. Sie wurden am 18. Dezember aufgrund ihrer engen Kontakte zu den angeblichen Komplizen der Paris-Attentäter verhaftet. Es handelt sich um einen 25 Jahre alten Marokkaner und einen 40-jährigen Algerier. Gegen diese beiden Männer ermittelt die Staatsanwaltschaft im Rahmen desselben Verfahrens, das sie gegen den Pakistani und den Algerier führt. „Weiterführende inhaltliche Auskünfte“ erteilt die Behörde derzeit nicht.

„Le mystérieux commando autrichien“

Vor allem französische Journalisten haben aber deutlich mehr über „das mysteriöse österreichische Kommando“ des IS zutage gefördert, als die Staatsanwaltschaft bestätigt hat. Le Monde und Le Parisien identifizierten übereinstimmend die Reisegenossen der späteren Paris-Attentäter, die jeweils gleich mehrere Falschnamen benützt haben sollen: Der 28 Jahre alte Algerier habe sich unter anderem als Fozi B. ausgegeben, heiße aber Adel H. und sei seit Februar 2015 Mitglied des IS.

Bei dem Pakistani, der sich auch Faisal A. genannt habe, handle es sich um Muhammad U., einen Sprengstoffexperten, der zuvor unter anderem für die südasiatische Dschihadistengruppe Laschkar-e-Taiba gearbeitet habe. In diesem Zusammenhang habe er auch an den Anschlägen von Mumbai im November 2008 mitgewirkt, schrieb die Sunday Times in ihrer jüngsten Ausgabe unter der Überschrift: „,Mumbai Bomber‘ schleicht sich für IS-Komplott in die EU ein“.

Die Staatsanwaltschaft Salzburg sah sich auf Grund des Times-Artikels veranlasst, ihre zweite und bisher letzte Pressemitteilung in dem Verfahren zu veröffentlichen: Die Identität des Pakistanis könne derzeit „nicht als gesichert gelten“, hieß es am Montag. Die Staatsanwaltschaft warte (auch) in dieser Frage seit Dezember 2015 auf Informationen aus Pakistan.

Am Dienstag berichteten dann die Salzburger Nachrichten, aus den Akten zu dem Fall gehe hervor, dass die beiden Männer vom IS „quasi einen Marschbefehl erhalten“ hätten, um Terrorakte zu verüben. Justiz-Sprecher Robert Holzleitner lehnte einen Kommentar dazu ab und bekräftigte lediglich, dass die Beschuldigten, anders als oft berichtet, keineswegs gestanden hätten, „konkrete Anschläge in Europa“ geplant zu haben.

Verbindungen zu Attentätern und ihren Helfern

Zu zahlreichen anderen, übereinstimmenden Berichten französischer Medien wollte Holzleitner überhaupt nichts sagen. Dabei geht es vor allem um weitere Verbindungen zwischen den Salzburger Häftlingen und dem Netzwerk, das Ermittler für die Anschläge von Paris und Brüssel verantwortlich machen: Die in Salzburg inhaftierten Männer hatten telefonischen Kontakt zu Ahmed D., einem 26 Jahre alten Belgier mit marokkanischen Wurzeln. D. wiederum soll Saleh Abdeslam dabei geholfen haben, die Attentate von Paris logistisch vorzubereiten – möglicherweise als Verbindungsglied zwischen Syrien und Europa. Er wurde am 16. November 2015 in Antalya verhaftet.

Vom Telefon des 28-jährigen Algeriers Adel H. soll außerdem eine türkische Telefonnummer angewählt worden sein, die auch auf einem Zettel stand, den man in der Hose eines der Stade-de-France-Attentäters gefunden hatte. Laut Polizei gehörte die Nummer einem IS-Mann, der für den Transport von europäischen IS-Kämpfern zuständig ist.

Die weitere Auswertung der Telefongespräche des Pakistanis und des Algeriers führte demnach in das direkte Umfeld von Abdelhamid Abaaoud, dem Drahtzieher der Paris-Attentate. Die Männer hatten ein Safe House angerufen, in dem sich Abaaoud während des Anschlags von Verviers im Januar 2015 versteckte. Nachdem dieser gescheitert war, konnte Abaaoud entkommen, die Polizei konnte in dem Safe House aber einen seiner Vertrauten verhaften: dem Belgier Omar D. Auch bei ihm fand man die türkische Nummer, die für die enge Verbindung zwischen den Paris-Attentätern und den Salzburger Häftlingen spricht.

Unklar ist nach wie vor außerdem, worin die Aufgabe des „österreichischen Kommandos“ bestand. Die französische Polizei arbeitet laut Le Monde mit verschiedenen Hypothesen: Möglicherweise hätten der Pakistani und der Algerier  im 18. Pariser Bezirk zuschlagen sollen. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass sie für einen Anschlag in einem ganz anderen europäischen Land vorgesehen waren.