Christoph Zotter

Konkurs und Ermittlungen

Das rätselhafte Erbe des Rachat Alijew

von Christoph Zotter / 27.11.2015

Rachat Alijew hinterlässt einen Konkurs. Gleichzeitig werden 16 Menschen verdächtigt, über seine Firmen viel schmutziges Geld gewaschen zu haben. 

Ein paar Reisiggestecke stehen auf dem Steinboden, die Blumen sind vertrocknet. Eine Grabkerze hat der Wind umgeworfen. „In ewiger Liebe, ruhe in Frieden“, steht dort in goldenen Lettern auf weißem Marmor. Einen Meter darüber hängt sein Gesicht, für immer in den Stein graviert.

Hier liegt die Gruft von Rachat Alijew.
Credits: Christoph Zotter

Zentralfriedhof, Wien, Tor 2. Nur ein paar Meter vom Haupteingang entfernt liegt das Grab des kasachischen Oligarchen Rachat Alijew – unter den mehr als hundert Jahre alten Arkaden, einem der teuersten Plätze. Adelige liegen in den Gruften, die Elite der Monarchie. Auch wer zu Schubert, Beethoven oder Falco will, muss hier vorbei. An ihm, Rachat Alijew, vierter Bogen von der Straße weg, gestorben am 24.2.2015. Dunkle Wolken ziehen über rote Ziegelbögen.

Es ist eine ungewöhnliche Ruhestätte für einen ungewöhnlichen Mann. Die Justizwache fand ihn in seiner Zelle, wo er auf einen Mordprozess wartete – an einem Gürtel erhängt. Das ist neun Monate her. Am Dienstag gab der Alpenländische Kreditorenverband bekannt, dass Rachat Alijew rund elf Millionen Euro an Schulden hinterlassen hat. Seine Verlassenschaft ist im Konkurs. Dabei galt er als hunderte Millionen Euro schwer. Es ist eines der Rätsel, die Alijew aufgibt.

Gegen 16 Personen wird ermittelt

Masseverwalter Johannes Jaksch ist seit zwei Tagen mit dem Fall betraut. Er müsse sich noch einen Überblick verschaffen, sagt er. Er ist nicht der Einzige. Seit einem Jahr ermittelt die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft in dem Fall, den sie im Herbst 2014 von der Staatsanwaltschaft Wien geerbt hat. Es geht um den Verdacht der Geldwäsche (§ 165 StGB), den Verdacht der kriminellen Vereinigung (§ 278 StGB) und der kriminellen Organisation (§ 278a StGB).

Ein Archivfoto von Rachat Alijew
Credits: Reuters

Wäre er noch am Leben, der Hauptverdächtige hätte Rachat Alijew geheißen. Nun sind es 16 Menschen, die ihm geholfen haben, die in seinen Firmen mitgearbeitet haben, die um ihn herum gelebt oder von ihm bezahlt wurden. Sie sollen viele Millionen Euro aus dubiosen Quellen durch Europa verschoben haben. Wie viel, wohin und warum, will die Staatsanwaltschaft nicht sagen. Fest steht: Der 52-Jährige war ein reicher Mann: eine Yacht in Malta, eine Villa in Wien, viele Firmen.

Wien, Malta, das deutsche Krefeld – hier arbeiten Staatsanwälte daran, dem verstorbenen Kasachen seine letzten Geheimnisse zu entreißen. Die Behörden der Mittelmeerinsel hatten im Frühjahr des vergangenen Jahres das gesamte Vermögen Alijews und seiner zweiten Frau Elnara S. eingefroren. Sie beschuldigen die beiden, rund 100 Millionen Euro gewaschen zu haben. Das Geld könnte laut einem maltesischen Gericht aus kriminellen Geschäften stammen.

In Österreich begannen die Ermittlungen vor acht Jahren. Schon zwei Jahre zuvor soll das deutsche Innenministerium ein Fax nach Österreich geschickt haben. Darin hätten deutsche Ermittler den Verdacht geäußert, dass der Kasache über ein Metallwerk und eine Wiener Firma schmutziges Geld nach Europa tragen würde.

Das Haus von Sherlock Holmes

Das schreibt zumindest die britische NGO Global Witness, die seit 1993 über die korrupten Eliten der Welt recherchiert. Sie hat einen 24 Seiten langen Bericht veröffentlicht, der sich mit Rachat Alijew, seinem Sohn Nurali und deren Geschäften am Londoner Immobilienmarkt befasst. Vater und Sohn sollen über Strohmänner und die British Virgin Islands um 147 Millionen Pfund eingekauft haben.

Darunter das Haus an der Baker Street 221, die Adresse des bekannten Detektivs Sherlock Holmes in Arthur Conan Doyles Erzählungen und Romanen. Dazu kommen zwei Häuser in derselben Straße, in denen der bekannte Beatles Store und ein Elvis Presley Souvenir Shop liegen. „Mystery on Baker Street“, hat das englische Rechercheteam seine Arbeit getauft.

Es ist ein weiteres Stück in einem Puzzle, bei dem ein paar Teile zu fehlen scheinen. Denn Rachat Alijew war nicht nur Oligarch, Botschafter in Österreich, Träger des Silbernen Ehrenzeichens der Republik, Mitglied des Vereins der Freunde der Wiener Polizei und gern gesehener Investor. Er hatte auch den kasachischen Geheimdienst und die Finanzpolizei dirigiert. Er war mit der ältesten Tochter des Präsidenten verheiratet, hatte mit ihr drei Kinder.

Doch Diktator Nursultan Nasarbajew und sein Schwiegersohn stritten. Danach investierte jeder von ihnen Millionen, um den anderen zu vernichten. Sie versuchten, Journalisten, Anwälte und Zeugen zu manipulieren, fälschten Dokumente. Welches Puzzlestück gehört dazu, welches nicht, wer kann das sagen?

Die Stadt Wien nahm Millionen

Folgt man dem Global-Witness-Bericht, hatte Rachat Alijew in den neunziger Jahren angefangen, ein Vermögen zu erpressen. Ein gelernter Mediziner als brutaler Apparatschik. Weil ihm der Nebenjob als Businessmann nicht gestattet gewesen sei, habe er schon damals mit Strohmännern arbeiten müssen.

Im Jahr 2005 sollen ihn seine Geschäfte in Europa auf den Radar deutscher Ermittler gebracht haben. Also zwei Jahre, bevor er mit Nursultan Nasarbajew brach. Zwei Jahre, bevor der ganze Anwaltskrieg losging, bevor die vielen Finten gelegt wurden. Der Beweis dafür sei jenes Fax, das Global Witness gefunden hat.

Weder die deutschen noch die österreichischen Behörden wollen dessen Echtheit bestätigen. Sie sammeln lieber schweigend Indizien. Kommen sie zu dem Schluss, dass die Beweise für eine Klage reichen, werden wohl auch einige Österreicher die Luft anhalten. Allen voran die Vertreter der Stadt Wien, die laut Kurier aus dem Firmengeflecht des Kasachen rund sieben Millionen Euro für ihr Prestigeprojekt Media Quarter Marx erhalten haben. In anderen Worten: Gibt es eine Anklage, steht die Frage im Raum, ob über die Stadt Wien kasachisches Geld gewaschen wurde.

Noch ist unklar, ob es so weit kommt. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung. Fest steht aber, dass der derzeit mit einem Weisungsrecht ausgestattete Justizminister den Fall an den sogenannten Weisenrat weiterleiten würde,Ab 1. Jänner 2016 ändert sich hier die Rechtslage, das Weisungsrecht wird weiter eingeschränkt, der Weisenrat umgebaut. Wie genau sich der Justizminister verhalten würde, hängt also davon ab, ob und wann es zu einer Anklage kommt. Grundsätzlich hat er laut seiner Sprecherin aber vor, sich gänzlich aus dem Verfahren herauszuhalten. sagt seine Sprecherin. Wolfgang Brandstetter war früher Rechtsvertreter von Rachat Alijew.

Der verstorbene Ex-Mandant verfolgt ihn seit seinem ersten Amtstag. Da wurde bekannt, dass der Niederösterreicher den Kasachen in einem Haus in seinem Heimatort Eggenburg untergebracht hatte, das ihm über eine Firma gehörte. Außerdem diente er als Kontrollorgan („Protektor“) in einer Liechtensteiner Stiftung, die Alijew begünstigen sollte.

Der Geist, der alle einholt

Brandstetter könne sich zu ehemaligen Fällen und Mandanten nicht äußern, weil er sonst die Verschwiegenheitspflicht brechen würde, sagt seine Sprecherin. Rechtlich scheint es ohnehin keine Probleme zu geben. Gegen den Justizminister „wurde und wird“ nicht ermittelt, sagt die Staatsanwaltschaft. Unangenehm ist das alles aber allemal.

Das in Stein gravierte Gesicht
Credits: Christoph Zotter

„Ein Justizminister, dessen Name in einem Firmenkonstrukt auftaucht, das der Geldwäsche gedient haben könnte, das ist politisch pikant“, schrieb die Süddeutsche Zeitung bereits im Frühjahr 2014. Es ist der Geist des Rachat Alijew, der nun alle einzuholen droht, die einmal mit ihm Geschäfte gemacht haben.

Der gerichtlich bestellte Masseverwalter muss sich erstmal darum kümmern, den Konkurs abzuwickeln. Dabei war der verstorbene Alijew einer der reichsten Männer der kasachischen Elite. Die Vermögen seiner drei Kinder aus erster Ehe werden auf mehrere hundert Millionen Euro geschätzt. Seine Ex-Frau Dariga Nasarbajewa ist die Tochter eines Mannes, der rund sieben Milliarden Euro für sich und seinen Clan aus dem Land gebracht haben soll. Gegen die Witwe Elnara S. und 15 weitere ehemalige Gefährten wird ermittelt, weil sie zu einem kriminellen Netzwerk gehören sollen, das ebenfalls über Jahre hinweg hohe Millionenbeträge herumgeschoben hat. Yachten, Penthäuser, schnelle Autos.

Aktenzeichen 5 S/147 15z. So wird das Vermächtnis des Rachat Alijew von der österreichischen Justiz geführt. Die letzte Wohnadresse: Wickenburggasse 18–20, Wien, die Zelle, in der er tot gefunden wurde. 33.000 Euro hat er hinterlassen. Abzüglich der elf Millionen an Schulden. Eine Pleite nach dem Tod.

Zumindest die Gruft in den alten Arkaden wird ihm bleiben. Das aus weißem Marmor gehauene Gesicht des Rachat Alijew strahlt an fahl werdenden Grabsteinen seiner Nachbarn vorbei in den dunklen Novembertag. Die Miete für Jahrzehnte am Wiener Zentralfriedhof wurde im Voraus überwiesen.

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