Helmut Fohringer/APA

Randnotiz

Das Verkehrsministerium sucht Orientierung

Meinung / von Moritz Moser / 02.03.2016

Das Verkehrsministerium sucht ein Orientierungssystem, um sich im eigenen Gebäude zurechtzufinden. Nebenbei will man die Genehmigung von Orangensafteinsätzen revolutionieren.

Das BAG Radetzkystraße, Sitz des Verkehrsministeriums
Credits: BMVIT

Im Eingangsbereich des Bundesamtsgebäudes Radetzkystraße, in dem das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) residiert, begrüßt eine kopf- und gemächtlose Statue die Besucher. Das sogenannte „Oktoneum“ beherbergt auch das Gesundheitsressort. Ein Finanzamt, das früher ebenfalls dort waltete, ist mittlerweile nach Wien-Mitte gezogen, die Post im Erdgeschoß hat im Rahmen der Filialnetzoptimierung zugesperrt.

Das Gebäude, dessen Architektur laut Ministeriumshomepage „Tradition, Ästhetik, Funktion, Engagement, Monumentalität, Technologie, Innovation und Ökonomie“ symbolisieren soll, besteht aus drei ineinander verschachtelten Achtecken. Die Stockwerke, mit Ausnahme derjenigen, in denen die Sektionschefs und der Minister residieren und die deshalb die etwas freundlicher gestrichen und mit Polstermöbeln ausgestattet wurden, sehen gleich aus. Die Türen der Beamten unterscheiden sich nur durch die dort angebrachten Schilder, in den Gängen und Büros dominiert der architektonische Geist der 80er, gepaart mit einer bürokratischen Uniformität, die für Unübersichtlichkeit sorgt. Selbst wer dort arbeitet, verläuft sich hin und wieder im Gewirr des achteckigen Beamtenlabyrinths.

Doris Bures’ Extralift

Um das Gebäude übersichtlicher zu machen, will das BMVIT deshalb ein System zur „Orientierung & Raumbuchung im Ministerium“ einführen. Dafür wurde nun, drei Jahrzehnte nach der Fertigstellung, ein eigener Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Der späte Sinneswandel mag etwas mit der Tatsache zu tun haben, dass seit wenigen Jahren auch die Minister selbst von der Radetzkystraße aus regieren. Das Büro des Ressortchefs war zuvor im wesentlich repräsentativeren Ministeriumsgebäude am Stubenring untergebracht, bis die Bundesregierung die räumliche Zusammenführung der Ministerien beschloss.

Bevor die damalige Ministerin Doris Bures in das weniger ansehnliche Haus mit den Bundesländerwappen an der Fassade einzog, mussten deshalb die im ganzen Gebäude vorherrschenden grünen Fensterarmaturen in ihrem Büro umgestrichen werden. Außerdem wurde für sie ein eigener Eingang mit separatem Lift geschaffen. Generationen von Gesundheitsministern waren mit den einfachen Beamten in denselben Aufzügen gefahren. Nachfolger Alois Stöger verzichtete daher auch wieder auf die logistische Sonderbehandlung.

Grundriss des BAG Radetzkystraße
Credits: BMVIT

Auch der Rest des Ministeriums zog aus den genannten Kostengründen aus der Innenstadt in die Radetzkystraße, seither steht das Gebäude in der Renngasse leer. Ansonsten blieb alles beim Alten. Die öffentlich zugänglichen Toiletten im Parterre leuchten noch immer neonblau, damit sich Drogensüchtige dort keine Spritzen setzen können. In den Wintermonaten gibt es für die Mitarbeiter Gratisäpfel der Güteklasse II. Jährlich findet ein spontaner Feueralarm statt, dessen genauer Termin schon vorher über die Buschtrommeln bekannt wird. Die Kantine serviert freitags, wie in allen Ministerien, Süßspeisen und Fisch.

Orangensaftgenehmigungsverfahren

Auch die Raumreservierung für Sitzungen ist nach wie vor kompliziert. Man muss die zuständige Stelle per Mail kontaktieren. Mineralwasser wird bereitgestellt, Extras wie Orangensaft müssen per elektronischem Akt und mit entsprechender Begründung angefordert werden. Deshalb soll das neue System auch dafür sorgen, dass die Besprechungszimmer des Hauses „von den hierfür berechtigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern komfortabel und inkl. des erforderlichen Caterings gebucht werden“ können, was auch die „Genehmigung des Caterings“ beinhalten soll.

Deneben soll sich die Orientierung im unübersichtlichen Tempel der Bundesverwaltung verbessern. Geplant wurde der Wirrwarr von Peter Czernin, der auch das Marriott Hotel am Ring zu verantworten hat. Das Haus wurde auf umfangreichen Parteienverkehr ausgelegt, den es aber im BMVIT kaum gibt. Der Architekt soll, so ein Beamtenmythos, der Meinung gewesen sein, dass das ganze Gebäude als Finanzamt dienen werde, und habe deshalb zu breite Gänge und übermäßig viele Wartezonen und Toiletten eingeplant.

Von außen wirkt der grün-braune Profanbau mit seinen Säulen, auf denen die Wappen der Bundesländer angebracht sind, etwas ansehnlicher als von innen. Das mag auch der Grund sein, warum ein Beamter einst einen verirrten Japaner im Inneren des Gebäudes auflas. Er hatte das Ministerium für das nahe gelegene Hundertwasserhaus gehalten.

Dass das Verkehrsressort nun seine Beamten und die wenigen Gäste von solchen Verirrungen abhalten will, ist löblich, aber seltsam. Zum einen ist die Bundesimmobiliengesellschaft für die Gebäudeverwaltung zuständig, zum anderen werken dort auch die Beamten des Gesundheitsministeriums. Dass diese auch von der neuen Orientierungshilfe profitieren, ist den Kollegen vom BMVIT allerdings nicht sehr wichtig. Die „Verwendbarkeit des Lösung für alle Mieter des Hauses“ macht lediglich zwölf Prozent der Gesamtbewertung der eingebrachten Vorschläge aus.

Dafür winkt dem Gewinner des Ideenwettbewerbes bei Kosten von unter 100.000 Euro ein lukrativer Sofortvertrag mit dem Ministerium. Man darf gespannt sein, wer den Zuschlag erhalten wird.