Extremismus

Das zweite Leben einer radikalen Moschee

von Elisalex Henckel / 19.05.2016

Sie galt als eines der Hauptquartiere österreichischer Dschihadisten. Vor drei Wochen wurde die Moschee hinter dem Wiener Praterstern geschlossen. Imam Adem D. will jedoch schon neue Räume für seine Gläubigen gefunden haben.

Erst vor einem Monat stand wieder ein junger Mann wegen des Vorwurfs vor Gericht, er habe sich der Terrormiliz Islamischer Staat anschließen wollen. Der 18-Jährige bestritt das, aber die Richter glaubten ihm nicht, sondern verurteilten ihn zu 21 Monaten Haft, sieben davon bedingt.

Auf die Frage des Richters, was er von Terroranschlägen auf Zivilisten halte, sei der Angeklagte ausgewichen, notierte damals die Kronen Zeitung. Sie wunderte sich nicht über das Fehlen einer klaren Absage an die Gewalt. „Da mag das Umfeld schuld sein“, hieß es im Bericht. „Denn er war Stammgast in der Altun-Alem-Moschee.“

Eine Kellermoschee in der Venediger Au

Der 18-Jährige ist tatsächlich nur einer von vielen Besuchern des Gebetshauses, die irgendwann wegen Terrorvorwürfen vor Gericht landeten. Laut Erkenntnissen der Ermittler, über die im November 2015 die Presse berichtete, war knapp ein Viertel aller ausgereisten Kämpfer zuvor in der Moschee hinterm Wiener Praterstern zu Gast gewesen.

Die Gebetsräume im Souterrain eines Gründerzeithauses in der Venediger Au stehen jedoch inzwischen leer. Darauf hat der Standard vor kurzem hingewiesen. Sogar der Schriftzug mit dem Namen der Moschee über der Tür sei verschwunden, hieß es im Bericht.

Eine entscheidende Frage blieb jedoch unbeantwortet: Wie kam es eigentlich zu dieser „Auflösung“ der Altun-Alem-Moschee – mehr als ein Jahr, nachdem ihr Aushängeschild, der radikale Prediger Mirsad O. alias Ebu Tejma, im Rahmen einer großangelegten Razzia verhaftet wurde?

Geld und Kämpfer für Syrien

Verfassungsschützer haben die Moschee schon seit Jahren im Visier. Im Herbst 2013 sorgte sie erstmals auch medial für Aufsehen. Damals traf ihr Imam Adem D. mit vier weiteren salafistischen Predigern zusammen, um Spenden für Glaubensbrüder in Syrien zu sammeln.

Spätestens nach einem Jahr kam der Verdacht auf, dass es keineswegs nur um Geld ging. Der Name der Moschee fiel im Zusammenhang mit Wiener Teenagern wie Samra K., Sabina S. oder Firas H., die ihre Ausreise in das Herrschaftsgebiet des IS inzwischen alle mit dem Leben bezahlt haben sollen. Osman K., der im Sommer 2014 als erster Österreicher wegen terroristischer Aktivitäten in Syrien verurteilt wurde, war ebenfalls ein regelmäßiger Besucher der Altun-Alem-Moschee.

Der radikale Prediger Mirsad O. alias Ebu Tejma war einst das Aushängeschild der Altun-Alem-Moschee. Jetzt muss er sich in Graz vor Gericht verantworten, weil er seinen Mitangeklagten zum Morden in Syrien angestachelt haben soll.

Im November 2014 wurde schließlich auch Mirsad O. alias Ebu Tejma verhaftet, der hier bis zum Sommer gepredigt hat: Der gebürtige Serbe muss sich seit Februar in Graz vor Gericht verantworten, weil er im Dienste des IS radikalisiert und rekrutiert sowie seinen tschetschenischen Mitangeklagten zum Mord an syrischen Zivilisten angestiftet haben soll.

Die Polizei war es nicht

Haben die Behörden nun auch die Moschee geschlossen, in der er jahrelang für die Dschihadisten geworben haben soll? Nein, sagt ein Sprecher der Wiener Polizei, nachdem das Innenministerium sich für nicht zuständig erklärt hat. „Die Polizei nimmt Hassprediger fest, aber sie schließt keine Gebetsräume. Das wäre ja gegen die Religionsfreiheit. “

Die zuständige Hausverwaltung Brichard bestätigt lediglich, dass das Mietverhältnis beendet wurde, verrät aber nicht, wer wem aus welchem Grund gekündigt hat. „Das ist alles über den Anwalt gelaufen.“

Der Einzige, der eine Erklärung für das Ende der Moschee in der Venediger Au hat, ist Adem D., der Imam. Der Vermieter sei gestorben, sagt er auf Anfrage von NZZ.at. Der Erbe wolle die Räume zurück, deshalb sei die Moschee geschlossen worden. Die Gläubigen seien einstweilen auf verschiedene Moscheen ausgewichen, eine davon sei das Islamische Zentrum in Floridsdorf.

Lieber Al-Kaida als IS

Adem D. und sein Vorzeigeprediger Mirsad O. alias Ebu Tejma sollen sich im Sommer 2014 zerstritten haben, woraufhin O. laut Staatsanwaltschaft Graz in die Brigittenauer Baitul-Mamur-Moschee wechselte. Der Imam bestreitet das nicht, will sich aber nichts zum Hintergrund des Zerwürfnisses sagen: Das sei „eine lange Geschichte“, über die er nicht mehr sprechen könne.

Glaubt man dem Grazer Ankläger von Mirsad O. lag es nicht etwa daran, dass Ebu Tejma in der Venediger Au junge Leute radikalisiert haben soll, sondern dass er für die falsche Miliz warb. Adem D. sei „eher der terroristischen Vereinigung Jabhat al Nusra zugeneigt“ gewesen, heißt es in der Anklage, also der syrischen Filiale von Al Kaida, während Mirsad O. – wie erwähnt – den IS unterstützt habe.

Tatsächlich ist auch Adem D. schon unter Verdacht geraten, für dschihadistische Gruppen rekrutiert zu haben. Der private US-amerikanische Sicherheitsdienst Stratfor wies außerdem darauf hin, dass der Mann, der 2011 die US-Botschaft in Sarajewo angriff, Kontakte zum Kreis um Adem D. gehabt habe.

Neue Räume soll es schon geben

Laut Auskunft der Staatsanwaltschaften in Wien und Graz wird aber derzeit nicht gegen den Imam ermittelt. Adem D. selbst nennt die Vorwürfe „Lügen“. Sie entsprächen genauso wenig der Wahrheit wie eine Krone-Meldung vom April: Die Zeitung hatte berichtet, D. sei auf Grund eines serbischen Haftbefehls in der Türkei festgenommen worden, dabei hatte er zum fraglichen Zeitpunkt im Verfahren gegen Mirsad O. ausgesagt.

Geht es nach Adem D., wird er bald wieder einer Moschee vorstehen. Neue Räume habe er bereits gefunden, sagt er. Wo könne er nicht verraten, ganz fix sei die Sache noch nicht. Der Verein, mit dem er das Gotteshaus betreiben will, ist derzeit noch an der alten Adresse in der Venediger Au gemeldet.