Elisalex Henckel

Islamische Kindergärten und Schulen

Der Arbeitsplatz von „Schwester Fatima“ – und Ebu Tejma

von Elisalex Henckel / 04.03.2016

Diese Woche wurde eine 18-jährige Tschetschenin wegen Mitgliedschaft bei der Terrorgruppe IS zu sechs Monaten bedingter Haft verurteilt. Nach ihrer gescheiterten Ausreise nach Syrien hatte sie in einem islamischen Kindergarten im 20. Bezirk angeheuert. Der Betreiber der Einrichtung hat bis 2012 den radikal-islamischen Prediger Mirsad O. alias Ebu Tejma beschäftigt.

Das Mädchen war 17, als es nach Syrien aufbrach. Gemeinsam mit drei anderen Frauen stieg es am 4. Juli 2014 in das Auto des Schleppers Yunus F. Für die junge Tschetschenin, die Gleichgesinnte „Schwester Fatima“ nannten, endete die Reise schon nach vier oder fünf Stunden. Sie wurde an der Grenze zwischen Ungarn und Rumänien aufgehalten – und nach Österreich zurückgeschickt.

Eineinhalb Jahre später stand FatimaDa die junge Frau zum Tatzeitpunkt minderjährig war, kommt NZZ.at der Bitte ihres Anwalts nach, ihren richtigen Namen nicht zu nennen. wegen dieses Ausflugs in Wien vor Gericht. Sie erschien ohne Kopftuch, in einem rosaroten Kostüm und sagte, sie hätte nur in die Türkei gewollt, um einen Mann zu heiraten, den sie nur aus dem Internet kannte. Aber das Gericht glaubte ihr nicht und verurteilte sie am Dienstag zu einer bedingten Haftstrafe von sechs Monaten.

„Wir haben nicht den Eindruck, dass es sich bei ihr um eine gefährliche Schläferin handelt, die sich auf dem Stephansplatz in die Luft sprengen wird“, sagte der Richter zur Begründung des milden Urteils. Außerdem wolle er der jungen Frau nicht ihre beruflichen Chancen nehmen. Fatima hatte vor Gericht darauf hingewiesen, dass sie inzwischen einen Job gefunden habe – in einem islamischen Kindergarten.

18-Jährige entlassen, Problem erledigt?

„Trotz Schuldspruch: IS-Terrorhelferin arbeitet in Islam-Kindergarten“, titelte daraufhin die Krone. Einen Tag später verkündete das Büro der zuständigen Wiener Stadträtin Sonja Wehsely (SPÖ), die MA 11 habe den betroffenen Kindergarten kontrolliert. Und der Betreiber habe sich nach der Kontrolle „von der Mitarbeiterin getrennt“. Die 18-Jährige, der das Gericht nicht die Zukunft verbauen wollte, ist also ihren Job los.

Problem erledigt? Nicht ganz. Der Betreiber ist nämlich selbst kein ganz unbeschriebenes Blatt.

Aber der Reihe nach: Das Gebäude im 20. Bezirk, in dem sich der Kindergarten befindet, gehört zu gleichen Teilen zwei Vereinen: Einer trägt denselben Namen wie der Kindergarten, der andere betrieb am selben Standort bis 2012 mehrere Schulen. Obmann beider Vereine ist ein Herr mit ägyptischen Wurzeln und einem Doktortitel: El-Sayed A.-M. Wie eng die Vereine miteinander verwoben sind, lässt sich auch aus einer Stellenanzeige ablesen, mit der A.-M. vergangenen Dezember nach Kindergärtnerinnen suchte: Als E-Mail-Adresse gab er jene der seit fast vier Jahren geschlossenen Schulen an.

Radikalen Prediger eingestellt

An einer dieser Schulen heuerte 2008 ein in Saudi-Arabien ausgebildeter Prediger an, der derzeit wegen Anstiftung zu terroristischem Mord in Graz vor Gericht steht. Mirsad O. alias Ebu Tejma habe vier Jahre lang Kindern Religionsunterricht geben dürfen, obwohl seine „salafistisch-wahabitische Orientierung“ nicht zu übersehen gewesen sei, empörte sich der Staatsanwalt vergangene Woche in Graz. Bereits während dieser Zeit habe O. ein „berufliches Naheverhältnis“ zu „radikal islamistischen Predigern“ wie Nedzad B. und Kontakte zum verurteilten Terroristen Mohamed Mahmoud gepflegt – und trotzdem ein Gehalt vom Stadtschulrat bezogen.

A.-M. wollte sich weder zu seiner Ex-Kindergärtnerin Fatima noch zu seinem Ex-Religionslehrer Mirsad O. äußern. Er habe mit diesen Einstellungen nichts zu tun, sagte er auf Anfrage von NZZ.at, die Direktorin des Kindergartens hatte kurz zuvor das Gegenteil behauptet: Um Personalangelegenheiten kümmere sich immer „der Chef“.

Es spricht auch sonst wenig dafür, dass A.-M. die radikale Ideologie, die sein Religionslehrer vertrat, als Problem ansah – obwohl ihm selbst der Ruf vorauseilt, nicht besonders religiös zu sein. Mirsad O. behauptetet sogar, dass der Ägypter ihm einen Job im Kindergarten angeboten habe, als er den Betrieb der Schule, an der O. bis dahin unterrichtet hatte, im Jahr 2012 einstellte. Er habe dies jedoch abgelehnt – und sich lieber ganz auf seine Aktivitäten als Prediger konzentriert.

Stadtschulrat erzwang Schulschließung

Eine weitere Schule musste A.-M. im selben Jahr auf Anordnung des Stadtschulrates schließen. Die Gründe dafür wollte Matias Meissner, der Sprecher der Behörde, mit Verweis auf die Amtsverschwiegenheit nicht nennen: „Was wir sagen können, ist, dass die Schließung keine religiösen (salafistischen) Gründe hatte.“

Das bedeutet also: Abgesehen von den mangelnden Berührungsängsten mit extremistischen Ideologen gab es noch andere Probleme, die sogar dazu führten, dass der Stadtschulrat die Schließung einer Schule erzwang. Warum jemand, an dessen Zuverlässigkeit die Schulbehörde so große Zweifel hatte, dass sie zu dieser schwersten ihr zur Verfügung stehenden Sanktionen griff, weiterhin einen Kindergarten betreiben durfte, ist jedoch nach wie vor unklar.

Die Sprecherin der zuständigen Stadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) ließ eine entsprechende Anfrage von NZZ.at unbeantwortet. Sie verriet auch nicht, ob A.-M. zu jenen Betreibern gehört, gegen die aktuell „Widerrufsverfahren“ geführt werden. 

Was aus Fatima wird, ist ebenfalls völlig ungewiss. Ihr Anwalt Martin Mahrer beharrt darauf, dass sie „fundamentalistische Organisationen gleich welcher Religion“ ablehne. Sie selbst erzählte der Kronen Zeitung in einem (vor dem Urteil gedrehten und inzwischen gelöschten) Video-Interview, dass sie zwei Pläne für die Zukunft habe: arbeiten – und das Kind zu erziehen, das sie erwarte. Bleibt zu hoffen, dass Zweiteres ausreicht, um sie vor dem Rückfall zu bewahren.

Update:

Die Stadt Wien sieht offenbar immer noch keinen Grund, an A.-M.s Eignung als Kindergartenbetreiber zu zweifeln. „Die MAG ELF handelt im Rahmen ihrer rechtlichen Möglichkeiten“, schrieb Katharina Ebhart-Kubicek, Sprecherin von Stadträtin Sonja Wehsely (SPÖ), zur Begründung. „Insofern: wenn sich ein Kindergartenbetreiber an die Regeln hält und alle Auflagen erfüllt und der Verfassungsschutz keine Mitteilung macht – wie in diesem konkreten Fall – dann gibt es für die MAG ELF keine Rechtsbasis, für einen Bewilligungsentzug.“

Ebhart-Kubicek teilte außerdem mit, dass die 18-Jährige ihrem Arbeitgeber verschwiegen habe, dass gegen sie ein Strafverfahren laufe. Dies sei auch aus einer Strafregisterbescheinigung nicht zu entnehmen gewesen, da sie keine Informationen über laufende Verfahren liefere.

Wichtiger ist jedoch, worauf Fatimas Verteidiger Martin Mahrer in der Presse verwies: Seine Mandantin wurde nach dem Jugendstrafrecht und nicht zu mehr als sechs Monaten verurteilt. Damit wird auch das Urteil in der Strafregisterbescheinigung nicht aufscheinen.