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Terrorismus in Österreich

Der dritte Mann des Kalifen

von Elisalex Henckel / 05.09.2016

Das „österreichische Kommando des IS“ war offenbar größer als bisher bekannt: Zwei Reisegenossen der Stade-de-France-Attentäter haben laut CNN Ende 2015 in Salzburg auf einen dritten Komplizen gewartet, um mit ihm weitere Anschläge zu begehen. Abid T. wurde dem Bericht nach im Juli in Brüssel verhaftet und vor kurzem nach Österreich ausgeliefert.

Es ist schon seit längerem bekannt, dass Beamte der Landespolizeidirektion Salzburg am 10. Dezember 2015 in einem Flüchtlingsquartier an der Münchner Bundesstraße zwei Männer verhaftet haben, für die sich Terrorexperten aus aller Welt interessieren: Der Pakistaner Muhammad U. und der Algerier Adel H. waren am 3. Oktober 2015 gemeinsam mit zwei späteren Stade-de-France-Bombern über Griechenland nach Europa eingereist.

Ermittler kamen bald zu dem Schluss, dass sie ebenfalls an den Anschlägen von Paris hätten teilnehmen sollen, aber die Stadt nicht mehr rechtzeitig erreichten, weil sie aufgrund gefälschter syrischer Pässe fast einen Monat lang in Griechenland festgehalten wurden (mehr dazu in unserem Video). Bislang nicht öffentlich bekannt war jedoch, warum Muhammad U. und Adel H. sich vor ihrer Verhaftung bereits mehrere Wochen in Salzburg aufhielten.

Eine Erklärung dafür lieferte am Montag ein Reporter-Team von CNN: Als der Pakistaner und der Algerier am Tag nach den Attentaten in der Stadt an der Salzach eintrafen, hätten sie ihre Reise unterbrochen, um dort auf einen dritten IS-Mann zu warten. Nach Informationen des US-Senders handelt es sich um einen Marokkaner namens Abid T. Er soll ausgerechnet an dem Tag, an dem seine auf ihn wartenden Komplizen festgenommen wurden, in deren Flüchtlingsquartier angekommen seien: Laut CNN entwischte er zwar den Sicherheitskräften, sie stellten aber sein Handy sicher, das er neben dem Bett des Algeriers zum Aufladen angesteckt hatte.

Das Trio von Salzburg

In diesem Telefon hätten die Ermittler nicht nur die Telefonnummer des Algeriers Adel H. gefunden, sondern auch eine, die zur Terrorzelle von Abdelhamid Abaaoud führte, dem mutmaßlichen Drahtzieher der Attentate von Paris, dazu Bilder von IS-Kämpfern vor ihrer schwarz-weißen Flagge. Die Ermittler, auf deren Unterlagen sich die Reporter von CNN Investigations berufen, seien sich sicher: Der Marokkaner, der Algerier und der Pakistaner hätten gemeinsam an IS-Operationen gearbeitet und mögliche Angriffe geplant.

Die Ermittlungsunterlagen zu Abid T. bestätigen laut CNN, dass er unter seinem Namen ein immer noch öffentlich einsehbares Facebook-Konto eröffnet hat.
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Während Muhammad U. und Adel H., von französischen Medien oft das „österreichische Kommando des IS“ genannt, in einem Salzburger Gefängnis auf ihre (im Juli erfolgte) Auslieferung an Frankreich warteten, gelang es Abid T. offenbar bis nach Belgien weiterzureisen und dort mehrere Monate lang unerkannt zu leben. Im Februar 2015 eröffnete er sogar ein von den Ermittlern inzwischen verifiziertes Facebook-Konto (siehe Beitragsbild), das zahlreiche Bilder von Abid T. enthält: Zu sehen ist ein junger Mann mit kurzen dunklen Haaren, mal glatt rasiert, mal trägt er einen gestutzten Bart.

Im Hinblick auf die terroristischen Verbindungen, die ihm die Ermittler laut CNN vorwerfen, fällt eigentlich nur ein Bild auf: Es zeigt ein schmales schwarzes Schwert, darüber steht auf Arabisch (laut einer Übersetzung der französischen Zeitung L’Express): „Wenn der Regen nicht aufhört, ist die Straße noch nicht zu Ende.“

Zurück in Österreich

Die belgische Justiz teilte CNN mit, der Marokkaner sei erst im Juli in Brüssel verhaftet worden – und warte nun auf seine Auslieferung nach Österreich. Tatsächlich dürfte die Auslieferung bereits stattgefunden haben. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Salzburg, Robert Holzleitner, wollte sich zur Person Abid T. nicht äußern. Auf Anfrage von NZZ.at sagte er jedoch, dass „ein Terrorverdächtiger, auf den die Staatsanwaltschaft Salzburg im Zuge ihrer Ermittlungen gestoßen ist, aufgrund eines europäischen Haftbefehls der Staatsanwaltschaft Salzburg von Belgien an Österreich übergeben wurde“. Der Mann befinde sich seit 25. August wieder im Lande, sagte Holzinger. Gegen ihn werde wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung ermittelt.

Zwei weitere mutmaßliche Kontaktleute von Muhammad U. und Adel H. befinden sich ebenfalls noch in Salzburg in Haft: Sie wurden zehn Tage nach den Reisegenossen der Paris-Attentäter in einer Flüchtlingsunterkunft festgenommen. Laut Auskunft der Staatsanwaltschaft vom Februar handelt es sich um einen 25 Jahre alten Marokkaner und einen 40-jährigen Algerier. Auch hier gebe es noch keine Anklage, sagte Holzinger. Derzeit werde „an der Finalisierung des Ermittlungsverfahrens gearbeitet“. Wann mit einem Ergebnis zu rechnen sei, lasse sich aber noch nicht sagen.