Der Gentest

von Moritz Moser / 06.02.2015

Die Kritik am Aufnahmeverfahren des Außenministeriums reißt nicht ab. Österreichische Diplomaten würden ausschließlich nach Qualitätskriterien ausgewählt, sagt das Ressort. Betroffene berichten von familiären Bevorzugungen und fragwürdigen Prüfungen.

Eine Stunde vor Mitternacht klingelt das Telefon, ein österreichischer Diplomat möchte seine Meinung und seine Erfahrungen teilen. Es geht um das PréalableDas Préalable teilt sich in drei Verfahren für den höheren und gehobenen Dienst sowie für den Fachdienst im Außenministerium. In diesem Artikel wird das A-Préalable behandelt, also das Aufnahmeverfahren für den höheren auswärtigen Dienst, das sich an Akademiker richtet., das Aufnahmeverfahren des Außenministeriums. Es ist einer von vielen Anrufen in diesen Tagen. Mails kommen auch, dutzendweise. Viele haben etwas zu sagen, alle wollen anonym bleiben. Er arbeite gern im diplomatischen Dienst, sagt der Mann am anderen Ende der Leitung. Er telefoniert mit der Freisprecheinrichtung und möchte das Gespräch auf Englisch führen. Die Furcht, erkannt zu werden, ist bei einigen Interviewpartnern groß.

Möglicherweise transparent

Das Préalable ist ein faires und transparentes Verfahren zur Aufnahme in den auswärtigen Dienst der Republik Österreich, sagt das Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres. Das wiederholen auch viele hochrangige Diplomaten, die anrufen oder schreiben. Junge Mitarbeiter melden sich kaum, Gespräche gibt es in dieser Altersgruppe fast nur mit denen, die das Préalable nicht bestanden haben. Es wäre einfach, sie als enttäuschte und verbitterte Stimmen abzutun, die sich ihr eigenes Scheitern nicht eingestehen können. Es wäre einfach, wenn da nicht die selbstkritischen Stimmen wären, die aber auch das BMEIA und seinen Test nicht schonen.

Unkonventionelle Leute werden ausgesiebt. Das kann schon passieren, wenn jemand eine zu bunte Krawatte trägt.

Zweimal, erzählt einer von jenen, die sich vergeblich um die Aufnahme bemüht haben, sei er angetreten. Einmal habe er nicht genug gelernt, das gebe er zu. Die Motivation habe gefehlt. Beim zweiten Mal habe er sich monatelang vorbereitet. Beim österreichischen Préalable sei er nicht genommen worden, kurz darauf beim Concours der Europäischen Union schon. Einem Kollegen sei es genauso gegangen. Der Concours gilt als anspruchsvolle Prüfungssituation. Schriftliche und mündliche Übungen wechseln sich ab, ein Assessment Center gibt es auch. Es gibt hochrangige österreichische Diplomaten, die ihn nicht bestanden haben. Die Testabläufe sind verschieden, Menschen können auch gute und schlechte Tage haben, sagen BMEIA und Botschafter.

Im Vergleich mit anderen Ministerien, das wird immer wieder betont, sei das Préalable ein Vorzeigeinstrument. Andere Häuser wären dankbar für so ein Verfahren, sagt eine Diplomatin. Wie werde denn in den übrigen Ressorts vorgegangen? Dort wird jede Stelle ausgeschrieben. Am Ende, so wird oft genug beklagt, erhält sie derjenige, dem man sie von vornherein geben wollte. Und beim Préalable?

Es bleibt in der Familie

Etwa 20 bis 30 Prozent der zu vergebenden Plätze würden dynastisch besetzt, sagt der Mann am Telefon in seinem nasal-österreichischen, aber ausdrucksstarken Englisch. Viele Namen fallen in den Gesprächen, wenn es um die starken Familienbande im Außenministerium geht. Die Diplomaten Thomas Mayr-HartingDie Mayr-Hartings sind ein ehemals ritterliches Adelsgeschlecht. Auch einen Leopold Mayr-Harting sah das BMEIA als Gedenkdiener., EU-Delegationsleiter bei der UNO in New York, und Sohn Clemens Mayr-Harting, zweiter Sekretär bei der Ständigen Vertretung Österreichs bei der EU, werden genannt. Der Name einer Familie fällt besonders häufig: Saupe. Einen Botschafter und eine Botschafterin a.D. kann das Diplomatengeschlecht vorweisen. In wenigen Jahren habe die Familie fünf Mitglieder in den auswärtigen Dienst gebracht, heißt es, darunter die beiden Söhne und die Tochter des Paares. Auch der Name Peterlik fällt immer wieder: Vater Karl war Diplomat, Sohn Johannes ist es auch. Derzeit ist er als Kabinettschef der Familienministerin tätig.

Die Verwandtschaftsbeziehungen sind freilich nicht immer leicht nachzuvollziehen: Das BMEIA stellt im Gegensatz zu anderen Ministerien keine vollständige Mitarbeiterliste online. Durch Heirat ändern sich die Namen. Saupe-Berchtold, Hennig: Dass hinter vielen Namen oft eine Familie steht, wissen nur wenige.

Senior oder Junior?

Familienbeziehungen gebe es auch in anderen Berufszweigen, sagt das Außenministerium. Ärzte, Rechtsanwälte: Kinder würden oft denselben Beruf ergreifen wie die Eltern. Es ist ein Mantra, das von vielen wiederholt wird: Internationales Flair, Mehrsprachigkeit, das schaffe eben positive Startbedingugen für Diplomatenkinder. Auch der Vater von Generalsekretär Michael Linhart war schon Botschafter.

Familie im Ministerium zu haben, kann Segen und Fluch sein. Von den Kollegen wird man mitunter kritisch beäugt. Das Misstrauen, wie jemand seine Karriere gestartet hat, ist allgegenwärtig. Und faule Eier im Korb fallen auf: Es ist eine kleine Firma, sagt der Diplomat am Telefon, man könne sich nicht verstecken: „You’ll get talked about.“ Sie kenne positive wie negative Beispiele, schreibt eine Diplomatin. Diplomatenkinder seien oft bescheidener als andere, aber sie kenne auch ein Beispiel einer schlechten und arbeitsunwilligen Person, die „tatsächlich mit Samthandschuhen angefasst und hochgeschoben“ worden sei.

Verwandtschaft könne sich auch negativ auswirken, beschreibt ein Botschafter: „Auch wenn sich alle österreichischen Diplomaten duzen – so bestehen doch auch viele jahrelang herzlich gepflegte Abneigungen.“ Immer wieder sprechen Interviewpartner von qualifizierten Diplomaten, die unter der unterstellten Bevorzugung durch Verwandtschaftsverhältnisse leiden würden.

Es ist vielleicht etwas billig, dem BMEIA bei diesem Thema am Zeug flicken zu wollen.

Dass Verwandte von Diplomaten überhaupt bereit seien, in den auswärtigen Dienst einzusteigen, so der Botschafter weiter, sei ja auch ein positives Zeichen. Die Arbeit schrecke offenbar nicht ab und biete eine positive Work-Life-Balance. Ein Betroffener bestätigt das: Die familienfreundlichen Arbeitsumstände hätten ihn bewegt, wie sein Vater in den diplomatischen Dienst zu gehen. Vorschussvertrauen und Misstrauen oder Ablehnung hätten sich letztendlich die Waage gehalten.

Tatsächlich werden bei anderen Ministerien oder bei öffentlichen Berufszweigen mit ähnlichen Aufnahmeverfahren wie dem Richterstand Verwandtschaftsbeziehungen wesentlich selterner thematisiert als beim BMEIA. Dass es zu Nepotismusvorwürfen komme, liege am intransparenten Aufnahmeprozess, meint der Ressortmitarbeiter im Ruhestand. Wenn man immer wieder mitbekomme, wie unfähige Personen vom System bevorzugt würden, bleibe als Grund für deren Aufnahme nur ein Schluss. „In jedem Beruf folgen Kinder ihren Eltern, auch im BMEIA! Dass aber sehr oft den ihren Eltern folgenden Kindern offensichtlich die notwendigen Eignungen fehlen, ist eine traurige Tatsache.“

Es spreche für sich, schreibt eine Absolventin der Diplomatischen Akademie, dass man bei einem Anruf im BMEIA, in dem man einen Nachnamen verlange, die Frage „Senior oder Junior?“ gestellt bekomme. Einer ihrer Kollegen erinnert sich an einen Witz, der auf der Akademie erzählt worden sei:

Beim Préalable kann man nicht schummeln, weil es ein Gentest ist.

Relativ fair, relativ anonym

Der schriftliche Teil des Préalables, da sind sich selbst einige Kritiker mit den Befürwortern des Systems einig, sei einigermaßen fair. Er wird anonymisiert, eine Bevorzugung sei nicht möglich. Die Anonymität sei allerdings relativ, meint ein ehemaliger Mitarbeiter des Außenministeriums. Die Kandidaten könnten die Kennung, die sie beim Antritt erhalten, ja auch jederzeit weitergeben.

Ob die Fragen für die Aufsätze, die verfasst werden müssen, vorab weitergegeben werden? Niemand kann es bestätigen, aber mehr als einer hält es für möglich. So auch der nächtliche Anrufer: „Possible …“, sagt er, von konkreten Fällen habe er aber nicht gehört. So etwas, sagt der Diplomat im Ruhestand, könne nicht bestätigt, „aber bestimmt auch nicht ausgeschlossen“ werden. Unmöglich sei das, meinen andere. Es ist nicht der einzige Auffassungsunterschied zu jenem Aufnahmeverfahren, das vom Außenministerium und mehren seiner Botschafter als fair und transparent bezeichnet wird.

organigramme_prealable
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Am mündlichen Teil des Préalables scheiden sich die Geister noch heftiger. Die Kommission, die die Prüfungen abnimmt, besteht aus sechs Personen. Es sind schwere personelle Geschütze, die das BMEIA hier auffährt: Der Generalsekretär, der höchstrangige Beamte des Hauses, und mehrere Sektionschefs. Keiner könne da einfach billige Prüfungsfragen stellen, erklärt ein Botschafter per E-Mail, auch das Ministerium in Wien ist dieser Ansicht. Wann aber legt ein Sektionschef Protest gegen die Frage eines Kollegen ein, vor der gesamten Führungsriege des Hauses und vor einem Prüfling?

Er habe seine mündliche Prüfung als anspruchsvoll empfunden, sagt Clemens Mayr-Harting, und nach Gesprächen mit anderen Prüflingen auch als vergleichbar schwer. Dass sein Vater auch Diplomat sei, sei bekannt, er könne seinen Namen nicht ändern. Er wisse auch, dass er nicht der einzige Verwandte unter den sieben Personen sei, die 2010 aufgenommen wurden. Die Entscheidung habe die Prüfungskommission getroffen, diese müsste man letztendlich auch fragen, warum.

Lesen Sie in der nächsten Folge mehr über das Aufnahmeverfahren im Außenministerium, die Rolle der Diplomatischen Akademie und andere Einflussquellen.