Christoph Zotter

Flüchtlingskrise

Der Grenzmann

von Christoph Zotter / 09.11.2015

Auf einem Hügel in Spielfeld kontrolliert Roland Frühwirth Reisepässe, während ein paar Meter weiter unten tausende Flüchtlinge ins Land ziehen. Über einen Grenzpolizisten, der mit sich kämpfen muss.

Wenn Roland Frühwirth den Hügel hinunterblickt, spürt er oft ein Unbehagen. Durch die rostbraunen Baumkronen kann er sie ums Feuer sitzen sehen. Hinter dem Stacheldraht laufen spielende Kinder über die Wiese. Wer ist das da unten? Warum kommen die her? Was wollen sie?

Roland Frühwirth steht auf einem Parkplatz, hinter ihm brummen die LKWs über die Autobahn auf das slowenische Marburg zu. Auf dem Kopf das schwarze Barett, auf der dunkelblauen Jacke prangt das Wort Polizei. Seit 24 Jahren arbeitet er hier, südliche Steiermark, Bezirk Leibnitz, Grenzübergang Spielfeld.

„Wie tust du jetzt?“, fragen die Freunde

Roland Frühwirth ist sein ganzes Berufsleben lang Grenzpolizist. Der 43-Jährige liebt seinen Job, ist einer der besten Dokumentenprüfer im Land. Aber seit einem Monat ist in Spielfeld nichts mehr, wie es jahrelang war. Tag für Tag gehen nun tausende Menschen an dem Hügel vorbei. Zerschlissene Jacken, abgetretene Schuhe, in großen Plastiksäcken tragen sie, was von ihrem Leben blieb. Niemand prüft ihre Papiere, checkt ihre Identität.

Der Blick vom Hügel runter auf die Wiese.
Credits: Christoph Zotter

Als es begann, stand Roland Frühwirth mit seinen Männern dort unten an der B67. Er kontrollierte, wie er es gelernt hatte. Versuchte in den Gesichtern etwas zu erkennen, diese eine Regung, die verraten kann, dass hier doch kein Flüchtling hineinwill, sondern einer, der etwas angestellt hat.

Im September ging das, da kamen 50 Leute pro Tag. Dann wurden es mehr. Und noch mehr. Irgendwann ging es nicht mehr darum, die Grenze zu kontrollieren, sondern zu verhindern, dass eine Massenpanik ausbricht, dass in dem Gewirr ein Baby erdrückt wird, einem alten Mann das Herz versagt. Und Roland Frühwirth spürte ein Unbehagen.

Roland, wie tust du jetzt? Das fragen ihn die Freunde. Du, der Oberidentitätschecker, Landestrainer für Dokumentkontrolle, in 24 Ländern hast du andere Polizisten das Handwerk gelehrt. Hast Mörder gefangen, die mit falschem Pass einreisen wollten. Jetzt humpeln da Tausende ohne Kontrolle rein. Wie tust du jetzt?

Oben ist wieder Passkontrolle

Es ist ein Nachmittag im November, und Roland Frühwirth sitzt an seinem Schreibtisch. Oben auf dem Hügel, im Haus mit der Holzfassade gleich neben der Autobahn, in das er und seine Männer zurückbeordert wurden. Hier ist ganz normal Grenzkontrolle wie noch in den Neunzigerjahren.

So sieht die Welt von Roland Frühwirths Büro aus.
Credits: Christoph Zotter

Hier dürfen nur jene durch, die auf Nachfrage einen Pass herzeigen können, wenn nötig ein Visum. Oben die Reisenden, die Pendler, die Geschäftsleute, ein paar Meter weiter unten die Flüchtlinge auf dem alten Grenzübergang auf der B67. Entlang der Autobahn und rund um den Parkplatz liegt jetzt Stacheldraht.

Als Roland Frühwirth mit 19 bei der Zollwache anfing, war auf dem Hügel nichts, keine Autobahn, kein Stacheldraht, keine Flüchtlinge. Wer ins Land wollte, musste unten über die B67 fahren. Jeden Tag gingen sie Patrouille über die Forstwege, an den Bauernhöfen vorbei. Dann kam der EU-Beitritt, später Schengen. Mit den Grenzbalken verschwanden nicht nur die Wärmesuchbildkameras.

Früher war alles geordneter

Hätte man Roland Frühwirth vor einem halben Jahr gefragt, ob er einfach vom Hügel aus zusehen würde, wenn täglich tausende Menschen ohne jede Identitätskontrolle ins Land laufen würden, er hätte wohl Nein gesagt. Nicht einmal in seinem ersten Jahr, als im damaligen Jugoslawien der Krieg ausbrach, als die Trägodie nur Kilometer entfernt statt fand, ließ man so viele durch, ohne ihre Namen zu kennen.

Roland Frühwirth vor dem Grenzübergang auf der Autobahn.
Credits: Christoph Zotter

Frühwirth hatte da gerade erst angefangen, ein Teenager in den ersten Wochen im neuen Job. Er musste eine Splitterschutzweste anziehen, den Helm aufsetzen, so nah waren die Schießereien. Einmal in der Woche seien in jenen Monaten die Busse mit den Flüchtlingen gekommen. Der Grenzpolizist lernte Serbokroatisch, B1-Niveau, das Innenministerium hatte Passagierlisten zum Überprüfen.

Damals sei alles geordneter gewesen. Weniger Menschen, man habe noch kontrollieren können, wer da kommt. „Da haben wir über Interpol ausgeschriebene Kriegsverbrecher festgenommen“, sagt er. „Die hatten ihre Freiheitskarte schon in der Hand und wir haben sie gerade noch gestoppt.“

Zum Registrieren sind es zu viele

In den vergangenen Wochen waren es oft zu viele, um sie auch nur oberflächlich zu registrieren, sagt ein Pressesprecher der steirischen Polizei. Wenn überhaupt, könne man nur nach Namen, Geburtsdatum und Geburtsland fragen. Überprüft wird das alles nicht, wenn die Flüchtlinge keine Dokumente bei sich haben.

So sieht die slowenisch-österreichische Grenze von oben aus.
Credits: Christoph Zotter

Es sind diese Dinge, die einen wie Roland Frühwirth nachdenklich werden lassen. Den Menschen aus den Dörfern machen sie richtige Angst.

„Wir sind Grenzbevölkerung“, sagt Frühwirth, wenn man ihn nach der Stimmung in seinem Heimatort Bad Radkersburg fragt. „Einer aus der Obersteiermark versteht das nicht, die belächeln uns nur.“ Als Kind spielte er auf den Wiesen neben der Mur, auf der anderen Seite begann damals Jugoslawien. Das Fremde, das heißt hier aufpassen, so würden einem das die Eltern schon früh beibringen.

Viele haben Angst

Was soll ich tun? Einen Hund kaufen? Eine Waffe? Du bist Polizist, was sagst du? Das fragen sie, seit einmal vor Wochen 3.000 Flüchtlinge aufgestanden und losmarschiert sind, durch die Dörfer, auf der Suche nach der deutschen Grenze. „Eine Alarmanlage kann nicht schaden“, sagt der Grenzer dann meist. „Aber mehr, damit die Leute beruhigt sind, weil Angst haben ist nie gut.“


Credits: Christoph Zotter

Er selbst hat sich das alles genau angeschaut. Interne Berichte studiert, Polizeistatistiken gelesen. Er findet, die Angstmacherei sei falsch, die vielen Sorgen grundlos. Das sagt Frühwirt zu seinem Vater, der selber 34 Jahre als Grenzpolizist gearbeitet hatte und nun die Welt nicht mehr versteht. Er diskutiert mit seinen Söhne, sieben und 13, die wollen, dass die Grenze zu ist.

Man müsse die Kriminellen von den einfachen Menschen unterscheiden können, sagt Frühwirth. Dann erzählt er gerne die Geschichte seiner Großmutter, die aus Slowenien vertrieben wurde. Die jahrelang über die Grüne Grenze Eier und Mehl zu ihren Verwandten schmuggelte, sich dort Stoffe nähen ließ. „Die Tat ist nicht das Verwerfliche“, sagt der Enkel heute. „Es kommt immer auf das Motiv an.“

Die Schlepper sind weg

Das müsse man alles bedenken. Wer eine Grenze ohne Papiere übertritt, sei noch kein Verbrecher, kein Krimineller. So sollte man die Menschen sehen, die da unten am Hügel warten. „Der humanitäre Hintergrund ist momentan sehr, sehr wichtig“, sagt Frühwirth. „Wie viele wirklich kriminelle Menschen hat es denn gegeben in diesen Massen an Hunderttausenden, die da reinkommen? Gar keine.“

Im Gegensatz zu vielen seiner Freunde, hat er richtige Verbrecher aus der Nähe gesehen. Autodiebe, Drogenschmuggler, Dokumentenfälscher, Mörder. Sie alle sind auf dem lila Plastiksessel im Verhörzimmer gesessen. Einen von ihnen zu finden, das sei, wie wenn ein Fischer einen guten Fang macht, ein Jäger einen kapitalen Hirsch schießt, ein Schwammerlsucher einen besonders guten Platz findet.


Credits: Christoph Zotter

Früher waren auch die Schlepper eine Trophäe für den Grenzer. „Das hat sich ganz aufgehört“, sagt Frühwirth. „Wozu sollte das noch jemand machen?“ Es ist keine Frage, der Steirer weiß, dass er seit einem Monat ein Problem weniger hat, ein Verbrechen, um das er sich nun kaum noch kümmern muss.

Das Verschwinden der Schlepperei gehört zu den Nebenwirkungen der Politik der offenen Grenzen, der staatlich organisierten Flüchtlingstransporte über den ganzen Balkan bis nach Deutschland. Unten am Fuß des Hügels stehen seit Wochen Busse und Züge für alle bereit, es geht nach München, Wien, Dresden, Düsseldorf. Gültige Einreisepapiere brauchen sie nicht, Asyl müssen sie nicht beantragen. „Das hat es in diesen Massen früher nicht gegeben“, sagt Frühwirth. „Bei Gott nicht.“

Oben wird weiter kontrolliert

Fast ein Vierteljahrhundert steht Frühwirth an der Grenze. Er hat Menschen gesehen, die ihn auf Knien anbettelten, ins Land zu dürfen. In den Grenzstaus wurden Kinder geboren. Andere starben in den heißen Bussen, die stundenlang Schlange stehen mussten. Seit Slowenien zum Schengen-Raum gehört, sind Leben und Tod so gut wie ganz von der Grenze verschwunden.

Statt vorbeifahrende Autos zu beobachten, raste Frühwirth jahrelang über die steirischen Autobahnen, suchte im Hinterland nach Verdächtigen, die er früher an der Grenze gestoppt hätte. Er nennt sich trotzdem noch heute einen „gestandenen Grenzer“. Nun kontrolliert er wieder an der Grenze. Und unten sind die Flüchtlinge.

Es habe eine Weile gedauert hat, bis er das selber alles so akzeptieren konnte. Wochenlang hat er gegrübelt, gegen das eigene Unbehagen gekämpft. „Richtig gibt es momentan nicht“, sagt Frühwirth, wenn man ihn fragt, ob aus seiner Sicht in Spielfeld etwas falsch läuft.

Es sind diese Momente, in denen man seine Zerrissenheit fühlen kann. Die Bedenken, die er weggewischt hat, weil es im Moment nicht anders geht, man die vielen Menschen mit den Kindern, den Babies, den Alten nicht sich selbst und den kalten Herbstnächten überlassen kann. Weil es für dieses Problem keine einfache Lösung gibt, keine Passkontrolle, kein Verhör, kein Training, dass es besser macht. Weil es richtig gerade nicht gibt, falsch dafür schon.

 

Rechts oben am Hügel liegt das Büro von Roland Frühwirt.
Credits: Christoph Zotter

Die Sonne steht tief, Frühwirth streift sich die Jacke über die Schultern. Er geht über den Parkplatz durch einen Tunnel unter der Autobahn, nickt den Kollegen zu, die in einem Grenzhäuschen den Verkehr beobachten, dann und wann ein Auto zur Passkontrolle herauswinken.

Roland Frühwirth wird auf dem Hügel bleiben. Auch wenn das da unten noch länger so weitergeht, weiter Menschen ohne Pässe, ohne Identität kommen, unkontrollierbar. Er könne da unten nicht viel tun, selbst wenn er wollte. „Ich blicke momentan nicht zu sehr über den Tellerrand“, sagt er dann und geht in das Haus auf dem Parkplatz neben an der Autobahn. Jener Grenze, die er noch kontrollieren kann.