APA/HERBERT PFARRHOFER

Identitäre

Der größte Feind der Identitären ist die offene Gesellschaft

Meinung / von Wolfgang Rössler / 29.04.2016

Auch wenn sich die Provokationen der Identitären in erster Linie gegen Linke wenden: Als Hauptfeind hat die völkische Jugendbewegung den Liberalismus auserkoren. 

Wenn Martin Lichtmesz von Paris erzählt, wirft er gerne französische Wörter ein. Mit einer kleinen Pause davor, damit sich der fremde Klang entfalten kann. BanlieuesBataclan. Vivre ensemble. Gut 80 Identitäre im Simmeringer Gasthaus Schmankerl Spitz kleben an den Lippen des polyglotten Schriftstellers, der die Transformation Europas durch Masseneinwanderung wortreich beklagt. Im rappelvollen Extrastüberl klingt das wie ein schauriger Bericht von einem anderen Planeten. Hier ist noch alles wie gehabt. Die Wirtin balanciert Biergläser zwischen den Tischen, es riecht nach Blunzn und Zigarettenrauch.

Banlieues heißen die riesigen Pariser Vororte, in die Einheimische keinen Fuß mehr setzen. Bataclan ist der Name jenes Konzerthauses, in dem Dschihadisten vergangenen Herbst ein Blutbad angerichtet haben. Und „Vivre Ensemble“ lässt sich mit Zusammenleben übersetzen, oder – etwas freier – mit Multikulturalismus. „In Frankreich glaubt keine Sau mehr an Rassenmischung“, sagt Lichtmesz. Die Zuwanderung aus Afrika und den arabischen Ländern habe die Franzosen zu einem „entwurzelten Massenvolk“ gemacht.

Lichtmesz ist ein gebürtiger Österreicher, der seit vielen Jahren in Berlin lebt. Der Publizist gehört zu den prominenten Vordenkern der neuen Rechten im deutschsprachigen Raum. Am 20. April war er auf Einladung der Identitären Bewegung zu Besuch in Wien, um aus seinem neuesten Buch vorzulesen. Lichtmesz hat das neueste Werk Renaud Camus übersetzt, eines französischen Autors, der mit dem Schlagwort des „großen Austauschs“ die wichtigste Parole der Identitären geprägt hat.

„Die liberale Bestie“

Austausch? Die Identitären behaupten, dass der Zuzug von Migranten und Flüchtlingen aus ärmeren Ländern von den politischen Eliten Europas gewollt und gesteuert wird, um die Eigenheiten der Nationalstaaten aufzulösen. Auch wenn sich ihr Protest in der Regel gegen linke Gruppierungen richtet, halten sie diese für das geringere Übel. Als Hauptfeind haben die Identitären den Liberalismus ausgemacht, der dem Einzelnen ungeachtet von Herkunft, Geschlecht und Religion maximale Freiheit einräumen möchte. Als ein Dutzend Identitärer vor zwei Wochen im Audimax der Universität Wien die Aufführung eines Theaterstücks über und mit Flüchtlingen störte, nannte der Österreich-Chef Alexander Markovics das tags darauf auf Facebook einen „Stich ins Herz der liberalen Bestie“.

Markovics hat vor vier Jahren den Österreich-Ableger der aus Frankreich stammenden Identitären Bewegung mitgegründet. Dort haben 2002 verschiedene rechte und rechtsextreme Gruppen den „bloc identitaire“ gegründet – eine Protestbewegung, die ihre völkische Agenda mit flotten Aktionsformen wie Flashmobs und Häuserbesetzungen vorantreiben. Das theoretische Unterfutter stammt von den Denkern der neuen Rechten, die den Nationalismus vom Ballast der Vergangenheit befreien wollen. Mit Hitler wollen sie nicht in einen Topf geworfen werden.

Auch im Verhältnis zu anderen Nationen unterscheiden sich die neuen von den alten Rechten. Alle Völker seien gleich viel wert und sollten ohne Krieg zu führen nebeneinander leben. Bloß eben nicht miteinander. Sie betonen die Notwendigkeit des nationalen Erbes. Dieses sehen sie durch Zuwanderung aus fremden Kulturkreisen ebenso gefährdet wie durch die Globalisierung und den Kapitalismus. Die Identitären wollen das Rad der Zeit zurückdrehen.

Kein Wunder, dass es freundschaftliche Verbindungen zwischen den Rechten in Frankreich und anderen europäischen Ländern gibt. Gemeinsam träumen sie von einem Europa der Vaterländer – in dem das Selbstverständnis eines Bürgers durch den Ort seiner Geburt geprägt wird. Eine Nation, sagt Markovics, sei eine „Schicksalsgemeinschaft, ein Kollektiv, das durch Sprache, Geschichte und Traditionen gebildet wird“.

Einwanderung als „Völkermord“

Markovics macht kein Hehl daraus, dass er von Journalisten wenig hält. Dennoch stimmt er einem Interview zu, er schlägt das Café Tirolerhof nahe der Albertina vor. Sein Händedruck ist stahlhart, aber er vermeidet jeden Blickkontakt. Er redet schnell, viel und druckreif. „Der Bevölkerungsaustausch ist das Brutalste an von oben herab verordneter Politik, was man in den letzten Jahrhunderten gesehen hat“, sagt Markovics.

Das Brutalste?
– „Ja. Wenn in einem Krieg viele Menschen sterben, ist das natürlich auch schrecklich. Aber wenn ein Volk verschwindet, dann kann man das nicht mehr reparieren.“
Schlimmer als der Holocaust?
– „Man könnte es parallelisieren. Beides ist Völkermord.“

Hinter solchen Aussagen steckt die Annahme, dass der Einzelne nichts ist ohne das Kollektiv, ohne die Volksgruppe, in die er hineingeboren wurde – und der man sich zu unterwerfen habe. Der Mensch, sagt Markovics, „ist nicht nur ein Mensch, sondern all die Generationen von Menschen, die vor ihm da waren.“ Die durch Kapitalismus und Globalisierung geschaffene Wahlfreiheit eröffnet dem Individuum aber neue Möglichkeiten der Selbstverwirklichung abseits scheinbar vorbestimmter Pfade. „Der Liberalismus kennt als einzige politische Einheit nur das Individuum und die Menschheit.“

Die Identitären beklagen den Verlust einer alten Ordnung, in der sich Menschen gemäß ihrer Nationalität, der Religion ihrer Eltern, ihres Geschlechts zu orientieren hatten. Ihr Ziel ist eine patriotische Gesellschaft mit strengen Normen, die nicht hinterfragt werden sollen. In einer Welt, wie sie sich die Identitären wünschen, wäre kein Raum für Querköpfe, die ihren eigenen Weg abseits ausgetretener Pfade gehen wollen.

Ihr eigentliches Feindbild sind nicht Zuwanderer aus fremden Ländern. Es ist die offene Gesellschaft, in der jeder und jede die Freiheit hat, auf seine oder ihre Art zu leben.