Der heilige Franz von Graz

von Wolfgang Rössler / 10.06.2015

Der steirische Landeshauptmann Franz Voves wollte bei einem Wahlergebnis unter 30 Prozent zurücktreten. Anfangs versuchte er, das Versprechen zu brechen, erst als der Druck stieg, machte er seine Ankündigung wahr. Das reicht hierzulande, um als Politiker seliggesprochen zu werden. Wir erleben großes Kino.

Die Nachrufe kamen schon, ehe Franz Voves seinen Rücktritt öffentlich machte. Von einem Akt der „Selbstopferung“ schrieb Ex-Standard-Chefredakteur Gerfried Sperl, ein gebürtiger Steirer. Voves habe „den großen Sessel des Landeshauptmanns geopfert, um der ÖVP zu ermöglichen, nach Jahren der Absenz wieder den Landeschef zu stellen“.

Als Voves dann in Golgotha – Pardon – im Mediensaal der steirischen Landesregierung seinen Rücktritt als Landeshauptmann verkündete, merkte man sogar den TV-Kommentatoren die Rührung an. Wenig später trat sein Nachfolger Hermann Schützenhöfer vor das Podium; mit Tränen in den Augen dankte der Christlichsoziale seinem Sozi-Freund „Franz“ für dessen Reformarbeit. Sie umarmen sich, die Kamera zoomt ganz nahe hin und …

STOPP! Diese Heuchelei ist ja nicht mehr auszuhalten!

Zu den Fakten: Franz Voves hat vor der Wahl angekündigt, bei einem Wahlergebnis von weniger als 30 Prozent seinen Hut zu nehmen. Als es 29,3 wurden, wollte er die fehlenden 0,7 Prozentpunkte kleinreden. Das sei doch gar nichts. Freilich: 0,7 Prozentpunkte liegen zwischen dem Wahlergebnissen von Rot und Schwarz. Folgt man der Voves-Logik, dann wollten ebenso viele Steirer Schützenhöfer als Landeshauptmann sehen wie Voves.

Am Ende ist Voves mit dem Bruch seines Vorwahl-Versprechens nicht durchgekommen. Der Druck wurde zu groß, die FPÖ drängte sich zwischen ihn und Schützenhöfer. Ob der tatsächlich eine Koalition mit den besonders unappetitlichen steirischen Blauen gemacht hätte, sei dahingestellt. Als Drohkulisse eignete sich Schwarz-Blau aber auf alle Fälle. Die Schwarzen pokerten hoch, zwangen Voves zum Rücktritt, und erzwangen für Schützenhöfer den LH-Sessel.

Kurz nachdem Schützenhöfer Voves das Messer angesetzt hatte, umarmte er seinen Freund vor den Kameras mit tränenerstickter Stimme.

Wir haben in den vergangenen Tagen in Graz großes Kino erlebt. Vielleicht war das bloß eine der Anfangsszenen eines viel größeren Schauspiels mit ungewissem Ausgang? Auf die verbotene Affäre in Eisenstadt könnte eine Kanzlerdämmerung folgen. Und dann?

Michael Fleischhacker: Das hört sich nach einem stärkeren Beben an

Wir wissen es nicht. Aber eines steht fest: Wie auch immer sich dieses Theater entwickelt, Heuchelei wird immer dabei sein.