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Kirche gegen Sozialdemokratie

Der Kampf ums Krematorium

von Moritz Moser / 31.10.2015

Die Einführung der Feuerbestattung wird im Österreich der 1920er zu einem größeren politischen Konflikt. Sozialdemokraten und Christlichsoziale bekämpfen einander politisch und juristisch. Am Ende steht ein kryptisches Urteil.

Am 17. Dezember 1922 eröffnet der Wiener Bürgermeister Jakob Reumann mit der Feuerhalle in Wien Simmering das erste österreichische Krematorium. Tausende Menschen sind gekommen, der Staatsopernchor singt ein Stück von Schubert, aber die Bundesregierung tobt. Am Tag zuvor hat Minister Richard Schmitz per Weisung die Inbetriebnahme der Anlage verboten.

Offiziell streiten sich der Bund und das Land Wien um die Zuständigkeit für das Genehmigungsverfahren. Tatsächlich wird über das von Architekt Clemens Holzmeister entworfene Krematorium ein tiefergehender ideologischer Konflikt ausgetragen. Die katholische Kirche verbietet ihren Gläubigen die Feuerbestattung. Wer verbrannt wird, kann nicht am jüngsten Tag mit dem Leib wiederauferstehen. In Österreich regiert mit Ignaz Seipel ein katholischer Geistlicher als Bundeskanzler. Er und seine christlichsozialen Parteigenossen werden die Feuerbestattung nicht ohne Widerstand zulassen.

Rot gegen Schwarz

„Die Pompfunebererkapelle studiert bereits für das Krematorium den ‚Feuerzauber‘“ (Pompfünebera/Pompfinebera ist ein Wiener Ausdruck und stammt vom französischen Begriff für Bestatter, „pompes funèbres“).
Credits: Satirezeitschrift Kikeriki, 1. Jänner 1923

Das rote Wien ist in den 1920ern der sozialistische Antipode zur Koalitionsregierung aus Christlichsozialen und Großdeutschen auf Bundesebene. Die Sozialdemokratie gibt sich fortschrittlich und rational. Die Feuerbestattung gilt als ökonomisch und hygienisch und ist deshalb eines ihrer Anliegen. Bürgermeister Reumann nennt das Krematorium „außerordentlich sittlich, volkswirtschaftlich und gesundheitlich“. Wer sich einäschern lässt, fällt der Gesellschaft und dem Grundwasser weniger zur Last. Es ist ein ambitioniertes politisches Projekt, das die Stadtregierung umsetzen will.

Obwohl die Versorgungslage der Bevölkerung nach dem Ersten Weltkrieg noch immer schlecht ist, beschließt der Wiener Gemeinderat 1921 den Bau der Feuerhalle um fast 1,3 Milliarden Kronen. Das ist trotz Hyperinflation eine beachtliche Summe. Die Neue Freie Presse kritisiert das auch am Tag nach der Eröffnung: Man sollte, so schreibt die Tageszeitung, „in einer Zeit, in der die wichtigsten Anschaffungen unterbleiben, in der manches, was dringend wäre, nicht unternommen werden kann“, eine kritische Prüfung der Ausgaben erwarten können.

Katholischer Widerstand

Den Christlichsozialen geht es bei ihrer Kritik allerdings nicht um die Kosten. Sie wollen den Betrieb des Wiener Krematoriums vorgeblich aus rechtlichen Gründen verhindern. Das entsprechende Gesetz aus der Monarchie verbietet Feuerbestattungen zwar nicht, das bedeute im Umkehrschluss aber nicht, dass sie erlaubt seien, befindet die Regierung.

Es wird ja auch auf niemanden ein Zwang ausgeübt. Wer nicht verbrannt werden will, wird nicht verbrannt. Es braucht sich daher der Herr Erzbischof, der Herr Schmitz und alle anderen Bonifaziusbrüder nicht fürchten.

Nationalratsabgeordneter Matthias Eldersch

Die Sozialdemokraten unterstellen ihr aber andere Motive. Der Abgeordnete Matthias Eldersch greift zwei Tage danach den zuständigen Ressortchef im Nationalrat massiv an. Es könne, so der sozialdemokratische Mandatar, nicht sein, dass die Feuerbestattung verboten bleibe, „weil es dem Herrn Minister Schmitz, der in diesem Falle das Exekutionsorgan des Erzbischofs von Wien ist, nicht paßt“.


Credits: Wiener Diözesanblatt vom 31. Dezember 1922

Tatsächlich opponiert die Kirche massiv gegen die neu gebaute Feuerhalle. Im Wiener Diözesanblatt erlässt Erzbischof Friedrich Gustav Kardinal Piffl am 31. Dezember 1922 vorläufige Anordnungen zum Verbot der Leichenverbrennung für Katholiken. Wer vorhat, sich nach dem Tod einäschern zu lassen, darf weder die Sterbesakramente empfangen, noch darf sein Sarg von einem Geistlichen eingesegnet werden. Selbst Tote, die gegen ihren Willen verbrannt werden, darf kein Priester zum Krematorium geleiten. Das kirchliche Einäscherungsverbot wird bis 1963 aufrecht bleiben.

Ein Fall für den Verfassungsgerichtshof

Die Regierung stützt sich 1922 im Parlament auf eine Mehrheit aus Christlichsozialen und Großdeutschen. Letztere stehen in der Krematoriumsfrage jedoch auf der Seite der Sozialdemokraten. Sowohl der deutschnationale als auch der liberale Zweig des dritten Lagers sind für eine Freigabe der Feuerbestattung. Das Thema bedroht daher auch die Koalition. Trotzdem beschließt die Bundesregierung, den Landeshauptmann und Bürgermeister von Wien, Jakob Reumann, beim Verfassungsgerichtshof anzuklagen, weil er die Weisung von Minister Schmitz nicht befolgt hat.

Schon die Reichsverfassung von 1867, deren Kompetenzabgrenzungen heute noch in Geltung stehen, löst die Frage der Aufteilung der Vollziehungskompetenz zwischen dem Reiche und den Ländern keineswegs eindeutig,

Im Jänner 1923 wiederholt Schmitz sogar seine Weisung, dennoch lässt die Wiener Regierung den ersten Leichnam im Krematorium einäschern. Im März fällt der Verfassungsgerichtshof schließlich ein salomonisches Urteil: Der Bundesminister hat grundsätzlich ein Weisungsrecht, aber dem Bürgermeister von Wien ist sein Irrtum nicht vorzuwerfen. Daher, so das Gericht, „war der Rechtsirrtum des Landeshauptmannes entschuldbar, es konnte deshalb von einer schuldhaften Rechtsverletzung keine Rede sein und es mußte daher ein Freispruch gefällt werden“.

Keine Entscheidung ist auch eine

„Ich als Urgermane bin unbedingt für Verbrennung. Es ist ein erhebender Gedanke für mich, einmal die Asche meiner Alten schnupfen zu können.“
Credits: Satirezeitschrift Kikeriki, 1. Jänner 1923

Die Bundesregierung lässt allerdings nicht locker. Im April weist der zuständige Minister Schmitz Bürgermeister Reumann noch einmal an, den Betrieb des Krematoriums einzustellen. Dieser lässt aber die sozialdemokratische Gemeinderatsmehrheit einen gegenteiligen Beschluss fassen. Am Ende landet der Fall erneut vor dem Verfassungsgerichtshof. Der lehnt ein eindeutiges Urteil wiederum ab: Über Kompetenzkonflikte könne man nur befinden, wenn noch keine rechtskräftigen Entscheidungen gefallen seien, so das Höchstgericht. Allerdings sei das bei der gegenständlichen Klage nicht der Fall.

Schließlich bleibt das Krematorium in Betrieb. Die Christlichsozialen haben keine Möglichkeit mehr, das Projekt zu bekämpfen und verlagern ihren Konflikt mit der Sozialdemokratie auf andere Themenfelder. Das erspart den Konservativen auch Konflikte mit den Großdeutschen. Selbst dem Architekten der Wiener Feuerhalle, Clemens Holzmeister, schadet der Auftrag am Ende nicht. Er darf nach Ignaz Seipels Tod im Auftrag der Christlichsozialen die Gedächtniskirche für den katholischen Staatsmann entwerfen.