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Zentralmatura

Der Mädchen-gegen-Burschen-Vergleich ist zu vereinfacht

von Erich Neuwirth / 02.02.2016

Mädchen haben bei der Zentralmatura im Vorjahr in Englisch deutlich schlechter abgeschnitten als Burschen. So beschreibt Der Standard die Ergebnisse des Bildungswissenschaftlers Günter Haider. Aber es ist nicht ganz so einfach. Das zeigt eine statistische Analyse der Ergebnisse. 

Für die Studie der Ergebnisse der Zentralmatura werden die Anteile der negativ abgelegten Prüfungen (ohne Kompensationsprüfung) verglichen, und es stellen sich große Unterschiede zwischen Mädchen und Burschen heraus. Ein aus statistischer Sicht wichtiger Faktor wird bei diesem Vergleich außer Acht gelassen: die Anteile von Burschen und Mädchen eines Altersjahrgangs, die zu einer AHS-Matura angetreten sind.

Diese sind deutlich verschieden. Wenn man als Ausgangspunkt die Geburtenzahlen des Jahres 1997 heranzieht (als angenäherte Zahl sollte das gut genug sein), sind 17 Prozent der Burschen und 24,7 Prozent der Mädchen dieser Kohorte zur Matura an einer AHS angetreten. Auf je zwei Burschen sind im österreichweiten Durchschnitt also drei Mädchen zur Matura angetreten.

Die Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern sind ziemlich ausgeprägt. In Vorarlberg treten 18,8 Prozent der Mädchenkohorte an, in Wien dagegen 35,6 Prozent, also anteilsmäßig fast doppelt so viele. Von der Burschenkohorte treten in Vorarlberg 13 Prozent und in Oberösterreich 13 Prozent, in Wien dagegen 26,6 Prozent, also anteilsmäßig auch doppelt so viele an.

Der niedrigste Maturantenanteil bei den Burschen ist also 13 Prozent, der höchste bei den Mädchen 35,6 Prozent, in Wien sind also (gemessen als Anteil der Kohorte) knapp drei mal so viele Mädchen zur Matura angetreten als Burschen in Vorarlberg und Oberösterreich.

Des Verhältnis von Mädchen und Burschen ist bundesländerweise ebenfalls ziemlich inhomogen, im Burgenland sind knapp 70 Prozent mehr Mädchen als Burschen angetreten, in Salzburg nur knapp 30 Prozent.

Wären die Begabungen unter Burschen und Mächen gleich verteilt und geht man davon aus, dass tendenziell jeweils die leistungsfähigsten Burschen und Mädchen zur Matura antreten, dann wäre es nicht weiter überraschend, wenn die Negativquote bei den Mädchen höher ist als bei den Burschen. Wenn die besten Burschen und Mädchen etwa gleich gut wären, aber mehr Mädchen antreten, dann müssten die zusätzlichen Mädchen ja schlechter sein und daher auch das Gesamtergebnis der Mädchen.

Wenn wir diesen Überlegungen folgen, können wir geschlechterspezifisch Kohortenanteile und Negativquoten für die einzelnen Bundesländer für die Fächer Deutsch, Englisch und Mathematik grafisch darstellen.


Credits: Daten: Statistik Austria, BMBF

Was sehen wir in dieser Grafik?

  • In Deutsch sind die Negativquoten der Mädchen ziemlich homogen. Der österreichweite Durchschnitt der Negativquote ist (mit 2,9 Prozent für Mädchen und 3,9 Prozent für Burschen) nicht dramatisch verschieden. Die Bundesländerergebnisse der Burschen sind aber viel inhomogener als die der Mädchen.
  • In Englisch ist der Geschlechterunterschied deutlicher ausgeprägt. Tendenziell ist die Negativquote mit höherem Maturantenanteil höher. Die beiden Ausreißer sind das Burgenland (wo die Negativquote der Mädchen auch bei Berücksichtigung der Maturantenquote hoch ist) und Wien (wo die Negativquote im Vergleich zur Maturantenquote niedrig ist.)
  • Am wenigsten Zusammenhang zwischen Maturantenanteil und Negativquote besteht in der Mathematik, und die Negativquote der Mädchen ist unabhängig von der Maturantenquote bundesländerweise sehr verschieden. Die extremen Ausreißer sind Vorarlberg und Salzburg mit einer Mädchennegativquote von 19,7 Prozent beziehungsweise 17,6 Prozent. Das Wiener Mädchenergebnis ist ebenfalls nicht gut (Negativquote 16,7 Prozent), passt aber im Hinblick auf den Maturantinnenanteil von 35,6 Prozent ins Muster der meisten anderen Ergebnisse.

Eine weitere Grafik liefert uns mehr Einsichten über Bundesländerunterschiede. Wir vergleichen den Mädchenüberhang (wie viel Prozent mehr Mädchen) mit dem Verhältnis der Negativquoten. Was ist damit gemeint? In Kärnten ist die Negativquote der Mädchen in Deutsch mit 2,5 Prozent mehr als doppelt so hoch wie die der Burschen mit 1,1 Prozent. Der Negativquotient beträgt daher 2.5/1.1 =2.27

Ist der Negativquotient nahe an 1, dann schneiden Mädchen und Burschen etwa gleich gut ab; ist er deutlich größer als 1, dann schneiden die Mädchen deutlich schlechter als die Burschen ab, und ist er deutlich kleiner als 1, dann schneiden die Mädchen vergleichsweise deutlich besser als die Burschen ab.


Credits: Daten: Statistik Austria, BMBF

Diese Grafik zeigt klare Muster

  • In Deutsch nimmt der Negativquotient mit zunehmendem Mädchenüberhang ab. Je größer der Mädchenüberhang, desto besser schneiden die Mädchen im Vergleich zu den Burschen ab. Kärnten ist die große Ausnahme. Dort sind die Mädchen wesentlich schlechter als die Burschen.
  • In Englisch nimmt der Negativquotient mit zunehmendem Mädchenüberhang zu. Je größer der Mädchenüberhang, desto schlechter schneiden die Mädchen im Vergleich zu den Burschen ab. Ausnahmen: Salzburg und Vorarlberg; da schneiden bei eher geringerem Mädchenüberhang die Mädchen im Vergleich zu den anderen Bundesländern noch wesentlich schlechter als die Burschen ab.
  • In Mathematik scheint es zwei Gruppen von Bundesländern zu geben. Die erste Gruppe besteht aus Salzburg, Tirol, Vorarlberg und Kärnten. Die zweite Gruppe besteht aus den übrigen Bundesländern Wien, Steiermark, Niederösterreich, Oberösterreich und dem Burgenland. In beiden Gruppen nimmt der Negativquotient jeweils mit den Mädchenüberschuss zu, in der westlichen Gruppe ist der Negativquotient aber durchgehend größer als in der östlichen Gruppe. In den westlichen Bundesländern schneiden die Mädchen im Vergleich zu den Burschen also merkbar schlechter ab als in östlichen Bundesländern mit gleichem Mädchenüberschuss.

Eine detailliertere Analyse der Ergebnisse der Zentralmatura kann also wichtige Einsichten liefern. Allerdings ist ein simpler Bundesländervergleich der geschlechterspezifischen Negativquoten zu grob. Die Maturantenquote an der Alterskohorte zu berücksichtigen, liefert feinere Ergebnisse.

Auf jeden Fall belegt auch diese Analyse die Tatsache, dass die Auswertung der Ergebnisse der Zentralmatura helfen kann, regionalspezifische Schwachstellen zu entdecken und so Verbesserungsstrategien zu entwickeln.