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Der Moses der Zornigen

Meinung / von Moritz Moser / 22.09.2016

Giuseppe Grillo, Martin Sonneborn, Roland Düringer. Die Kritiker der Politik wechseln immer häufiger von der Loge auf die Bühne. Die Motive reichen vom Wunsch nach Veränderung über Satire bis hin zur wirren Selbstverwirklichung.

Roland Düringer ist wütend und diffus. Zwei emotionale Positionen, die politisch bisher hauptsächlich durch die FPÖ und das Team Stronach bedient werden. Nun hat auch Düringer eine Partei gegründet, deren Grundausrichtung sich gegen „das System“ wendet. Dazu hat er ein Video online gestellt, dessen Analyse auf einen politischen Amoklauf hindeutet.

Verrückt ist, wer Verrücktes tut

Der Italiener Beppe Grillo trat wie Düringer als Komiker mit viel Wut im Bauch an. Die Unterschiede sind allerdings deutlich: Grillo wurde für seine Kritik an Politikern aus Fernsehsendungen geworfen und gründete eine Partei, Düringer hat eine Partei gegründet und behält seine Sendung auf Puls 4 weiterhin. Martin Sonneborn von der deutschen Satiregruppe „die Partei“ wiederum verlor seine Fernsehauftritte nach der Gründung der apolitisch-politischen Bewegung.

Gemeinsam ist allen Dreien ihr Hang zu Übertreibungen und Provokationen. Doch es gibt Nuancen: Grillo bat einst das deutsche Volk um eine Kriegserklärung, um die italienischen Politiker loszuwerden, Sonneborn bezeichnete den türkischen Staatspräsidenten als „Irren vom Bosporus“, Düringer hingegen lud Verschwörungstheoretiker und Personen mit einem indifferenten Verhältnis zur Todesstrafe und NS-Terminologie, wie Monika Donner, ein.

Im Gegensatz zu Grillo, der sich von Anfang an vor allem gegen Korruption und Vetternwirtschaft wandte, indem er konkrete Problemfälle ansprach, bleiben Düringers Tiraden gegen „das System“ allgemein und diffus. Über seine neue Partei meinte er, „letztendlich ist nicht entscheidend, welche Meinungen wir haben.“

Wie überall macht es auch in der Politik einen Unterschied, ob jemand nur Verrücktes sagt oder verrückt ist. Erstere begnügen sich mitunter mit der Provokation, Letztere setzen ihre wirren Vorstellungen allzu gern in Aktionen um. Was passieren kann, wenn ein zorniger Mann auf ein defektes politisches System trifft, zeigt sich gerade auf den Philippinen.

Die Langeweile des Kritikers

Der Einzug der Satire in die Politik ist ein fatales Zeichen für den Zustand der Demokratie. Wenn der Kritiker nicht mehr nur glaubt es besser zu können als der Praktiker, sondern sich tatsächlich in die Niederungen der Materie begibt, hat sich entweder sein Ego ins Unermessliche gesteigert, oder das Versagen der bisherigen Verantwortlichen ist offenkundig.

Das geht in den seltensten Fällen gut. Im Fall der Politik kommen als Quereinsteiger ohnehin nur Menschen mit Bekanntheit und einem ausreichend aufgeblähten Selbstwertgefühl infrage. Da man als Manager genug verdient, bleiben am Ende fast nur Journalisten und Komiker über.

Der Drang des Beobachters zur Tat ist gefährlich. Wenn sich die Kritiker langweilen und deshalb selbst zu Darstellern werden, fehlt es ihnen an Erfahrung und Netzwerken. Quereinsteiger überleben selten mehr als eine Wahl, nicht weil sie vom System vernichtet werden, sondern weil ihr politisches Angebot schlichtweg nicht nachhaltig ist.

Das ist egal, wenn man wie Martin Sonneborn ohnehin nur Komik auf Realitätsniveau machen will, aber es ist verheerend, wenn man es offensichtlich ernst meint. Satire und Dummheit erhalten Gelächter, aber nur eines von beiden bekommt auch Applaus. Das hat Richard Lugner zu spüren bekommen, und es wird auch Düringer treffen.

Man hat Stronach nicht wegen seiner „Werte“ gewählt, sondern weil er ein wütender alter Mann war, von dem einige glaubten, er könne den Aufräumer spielen. „Dagegensein“ hat einen populistischen Marktwert, kann aber ein „Dafürsein“ langfristig nicht ersetzen. Düringer wird es nicht viel anders gehen, und er wird aus denselben Gründen scheitern.

Taxler der politisch Herausgeforderten

Grillo mag ein Populist sein, der zweierlei Maß anlegt, sobald es beispielsweise um seine eigenen Einkünfte geht. Aber das System, gegen das er auftritt, hat einen Namen, es sind korrupte Politiker und vorbestrafte Abgeordnete. Düringer hingegen kämpft gegen alles und nichts. Seine Kritik ist eine undifferenzierte Generalabrechnung mit der gesamten politischen Elite. Entlarvend ist sein Satz: „Es geht darum, dass wir denen was wegnehmen.“

„Die“ können alle sein: die Regierung, alle etablierten Parteien und die Finanzwirtschaft aber auch die Ausländer, die Sozialleistungsempfänger und das demokratische System. Es sollte nicht verwundern, dass Düringer mit seiner pauschalen Systemkritik alle Vereinfacher anziehen wird, die das Spektrum der ideologisch Gehandicapten dieser Republik so hergibt.

Schon die Piratenpartei musste merken, dass ein einziges Politthema nicht ausreicht, um eine Partei zu konsolidieren. Die FPÖ funktioniert nur, weil sie auf jahrzehntelange Strukturen aufbauen kann. Ungesteuerte Wut hingegen ist kein Motiv, das eine Partei zusammenschweißt, sondern eines, das sie sprengt.

Düringer möchte der Moses der Zornigen sein, der sein Volk aus Ägypten führt, oder wie er es ausdrückt: ein Taxifahrer. Er will seine Bekanntheit einsetzen, um allen Systemkritikern des Landes eine Stimme zu geben, doch deren divergierende Borderline-Überzeugungen werden die Taxifahrt früher oder später zum Höllenritt machen. Spätestens wenn der Taxler begreift, dass die Fahrgäste das Ziel bestimmen, dürfte er aber ohnehin aussteigen.