APA/HERBERT NEUBAUER

Der nächste Alaba heißt Kern

Meinung / von Michael Fleischhacker / 25.06.2016

Zur Häme, beteuern die wohlwollenden Kommentatoren, sei nach dem Ausscheiden der österreichischen Fußballnationalmannschaft aus dem EM-Turnier in Frankreich kein Anlass. Denn die magere Ausbeute jenes Teams, das bei manchen sogar als einer der streng geheimen Außenseiterfavoriten gehandelt wurde, sehe so besonders mager nur deshalb aus, weil die Medien – typisch Medien –  im Vorfeld aus reiner Quotengier und Sensationslust das Unmögliche als möglich hätten erscheinen lassen.

Ganz so ist es auch wieder nicht. Was die österreichische Nationalmannschaft in den drei Spielen gegen Ungarn, Portugal und Island gezeigt hat, wäre auch dann schlecht gewesen, wenn sich der Boulevard und der ORF nicht in die Vorstellung hineinfantasiert hätten, dass in Frankreich ein österreichisches Fußballmärchen wahr werden könnte. Im Übrigen zeigt das Abschneiden von Russland und Schweden in diesem Turnier, dass bereits die Interpretation der Qualifikationsergebnisse einem beginnenden Realitätsverlust geschuldet war.

Aber es ist ja nur Fußball.

Nur Fußball?

Ist es nur Fußball? Nicht ganz. Denn was wir in den vergangenen zehn Tagen in Sachen Fußball erlebt haben, hat paradigmatischen Charakter. Es legt die Grundmuster frei, die das Verhältnis von Medien und öffentlichen Akteuren aller gesellschaftlichen Formationen – Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport – in Österreich aufweist. Strukturiert wird es von zwei ganz starken Sehnsüchten, jener nach Erlösung und der nach Bestrafung. Solche Sehnsüchte werden selten bis nie auf Organisationen oder Strukturen projiziert, sondern fast immer auf Personen.

Bei der EM hat es den Fußballerlöser David Alaba erwischt. Der nächste Alaba ist Politiker und heißt Christian Kern. Gemessen an den Erlösungssehnsüchten, mit denen der noch immer relativ neue Bundeskanzler konfrontiert wurde, muss man die Forderung an den Bayern-Star, die Nationalmannschaft zum Europameistertitel zu führen, geradezu bescheiden nennen. Alaba sollte den Fußball nur perfektionieren, von Kern verlangt man, dass er die Politik neu erfindet.

Eine Spezialität des Boulevards?

Man mag einwenden, dass das Muster Erlösung–Bestrafung immer schon eine Spezialität des Boulevards gewesen sei, eingegrenzt auf Phänomene des Sports und der Massenunterhaltung und konzentriert auf Menschlich-Allzumenschliches. Der Einwand trägt allerdings mit Blick auf den neuen Kanzler, der am Wochenende auch zum neuen SPÖ-Vorsitzenden gewählt wird, nicht weit. Es waren auch und sogar vor allem jene Medien, die sich selbst dem Qualitätsbereich zuordnen würden, die die beiden ersten Auftritte des Neuen in die Nähe eines Offenbarungsgeschehens rückten.

Aber es ein Unterschied ist, ob man eine lang geübte Rolle als Teil eines Superstar-Ensembles wie Bayern München perfektioniert oder in der österreichischen Nationalmannschaft in ungewohnter Rolle, ohne die Sicherheit des täglichen gemeinsamen Arbeitens und mit Nebenleuten einer anderen Preisklasse das Unmögliche möglich machen soll. Und es ist auch ein Unterschied, ob man ohne jeden kompromittierenden Kontext einer nach einer neuen Sprechweise dürstenden Öffentlichkeit wohlvorbereitete Statements präsentiert oder ob man der nicht weisungsbefugte Vorsitzende der österreichischen Bundesregierung ist.

Abnützungserscheinungen

Christian Kern wird die Erwartungen, die in ihn gesetzt wurden und zum Teil noch werden, nicht erfüllen. Nicht oder zumindest nicht nur, weil ihm dazu der Wille, die Kraft oder die Ausdauer fehlen, sondern weil er in einen Kontext eingestiegen ist, dessen wesentliche Parameter er aus eigener Kraft nicht modifizieren kann. Und weil sich auch das, womit er die Öffentlichkeit zunächst beeindruckt hat, nämlich die neue Sprechweise, in den Mühlen des Alltags ziemlich schnell einschleift. Sein Statement nach dem Ministerrat zur vollkommen vermurksten Reparatur der von Beginn an vermurksten Registrierkassenpflicht gibt davon eindrucksvoll Zeugnis.

Wohin das Wechselspiel aus überzogenen Heilserwartungen und den daraus naturgemäß folgenden Bestrafungsbedürfnissen einer ungesund strukturierten medialen Öffentlichkeit in der Regel führt, kann ihm vielleicht bei Gelegenheit sein Vizekanzler im Detail auseinandersetzen. Der war auch mal für ein paar Monate der Zlatko Junuzovic der österreichischen Innenpolitik.