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Terrorismus

Der nicht gehörte Zeuge

von Elisalex Henckel / 11.08.2016

Was der deutsche IS-Aussteiger Harry Sarfo über österreichische Dschihadisten erzählt.

Als Harry Sarfo im April des vergangenen Jahres in Syrien ankam, ließ ihm der IS nur wenig Zeit zum Einleben: Bereits kurz nach seiner Ankunft informierten ihn maskierte Mitglieder eines Geheimdienstes der Terrormiliz darüber, dass der IS in Syrien keinen Bedarf mehr an Europäern hätte. Man suche vielmehr Leute, die bereit wären, in ihrer Heimat Anschläge zu verüben.

Das jedenfalls berichtete der gebürtige Bremer nach seiner Rückkehr dem deutschen Verfassungsschutz. „Er erzählte uns, dass es im IS eine Institution gebe, deren einzige Aufgabe die Koordination von Angriffen außerhalb des eigenen Territoriums sei“, sagt Hazim Fouad, einer der Hamburger Verfassungsschützer, die Sarfo nach seiner Verhaftung im Sommer 2015 befragten. Diese IS-Einheit für externe Operationen habe versucht, Kapazitäten zur Durchführung eines Attentats in Deutschland aufzubauen. „Im Hinblick auf Frankreich sagten sie Sarfo, dass aus dem sogenannten Kalifat bereits genug Zellen losgeschickt worden seien, die man nur aktivieren müsse. Ein Monat, nachdem er uns das erzählt hatte, ereigneten sich die Anschläge von Paris.“

Hazim Fouad nennt Sarfos Aussage einen „Wendepunkt für das Verständnis der Strukturen des ‚Islamischen Staates‘ und seinen Plänen für Europa“. Rukmini Callimachi, die IS-Korrespondentin der New York Times, hat erst vor kurzem mithilfe von Harry Sarfos Aussagen erklärt, „wie eine geheime Einheit von ISIS ein globales Netzwerk von Killern aufgebaut hat“. Sie vermutet, dass der deutsche Konvertit mit den ghanaischen Wurzeln auch aufgrund seiner kriminellen Vergangenheit für diese IS-Spezialkräfte besonders interessant war.

Auskünfte über das Innenleben des IS

Im Juli wurde der heute 27-Jährige wegen seines dreimonatigen Aufenthalts beim IS zu drei Jahren Haft verurteilt. Als entlastend wertete das Gericht sein umfassendes Geständnis, in dem er detaillierte Angaben über andere Kämpfer und das Innenleben der Organisation gemacht habe. Die Distanzierung von der Miliz sei glaubhaft, sagte der vorsitzende Richter laut einem Bericht der Welt: „Sie sind heute kein Terrorist mehr.“

Dass sowohl deutsche Richter als auch Verfassungsschützer Sarfos Aussagen große Bedeutung zumessen, ist auch aus österreichischer Perspektive relevant. Nicht, weil er etwas über die „Fußsoldaten“ weiß, die der IS laut New York Times auch nach Österreich geschickt haben sollRukmini Callimachi schrieb am 3. August 2016 in ihrem New York Times- Artikel: „Investigation records show that its foot soldiers have also been sent to Austria, Germany, Spain, Lebanon, Tunisia, Bangladesh, Indonesia and Malaysia.“ Auf Nachfrage von NZZ.at sagte Callimachi, sie beziehe sich dabei nicht auf Aussagen von Harry Sarfo, sondern auf Gerichtsakten über einen zwei IS-Kämpfer, die bis vor kurzem in Salzburg inhaftiert waren, aber inzwischen an Frankreich ausgeliefert wurden. (Mehr dazu im Beitrag: „Das österreichische Kommando des IS“) , sondern weil er in dessen Herrschaftsgebiet auch heimischen Dschihadisten begegnet ist, wie er auf Anfrage von NZZ.at bestätigte. Im Juni 2015 habe er in der irakischen Stadt Hit eine Gruppe aus der Gemeinde des Predigers Mirsad O. alias Ebu Tejma getroffen, die dann nach Ramadi weitergezogen sei.

Harry Sarfo, der derzeit in einem norddeutschen Hochsicherheitsgefängnis eine dreijährige Haftstrafe absitzt, beantwortete die Fragen von NZZ.at handschriftlich. Sein Anwalt Udo Würtz leitete sie anschließend per E-Mail weiter.
Credits: Screenshot: NZZ.at

Zu der Gruppe hätten „mehrheitlich Jungs“, aber auch „ganze Familien aus Wien und Graz“ gehört, teilte er NZZ.at in Form eines handschriftlichen Briefes mit, den sein Anwalt per E-Mail weiterleitete. „Es waren ungefähr 20 Mann, hinzu kamen die Eltern und Frauen. Wir kamen zu der Gruppe über einen Afghanen aus Offenbach, der mit einer der Schwestern der Wiener verheiratet war.“ Der Afghane habe die Leute „die Ebu-Tejma-Gruppe“ genannt, da fast alle zuvor seine Moschee besucht hätten. „Sie haben einen eigenen Trainer aus Afghanistan, der früher bei Al Kaida gekämpft hat. Er bildet sie alle aus. Sie kämpfen hauptsächlich in der Anbar-Region.“

Wien als Raststation für Dschihadisten

Sarfo sagt, Mirsad O. sei in der deutschsprachigen Salafistenszene „das Sprachrohr für den physischen Dschihad“ gewesen: „Er rief öffentlich dazu auf, sich entweder Jabhat al-Nusra oder dem IS anzuschließen. Nicht nur das, sie trainierten und sammelten Geld für den Dschihad in Scham“ (Syrien). Darüber hinaus hätten sie Wien zu einem „Drehpunkt der Weiterreise“ gemacht, in dem sie Dschihadisten aus ganz Europa mit Schlafplätzen, Geld und falschen Papieren ausgestattet hätten.

Der Aussteiger behauptet nicht, O. persönlich gekannt zu haben. Er verweist allerdings auf die (gut belegten) Verbindungen zwischen dem Wiener Prediger und seiner eigenen Moschee in Bremen, dort hätten viele engen Kontakt zu Mirsad O. und seinen Leuten gepflegt. Darüber hinaus hätten ihm die im Irak angetroffenen Ebu-Tejma-Anhänger später bestätigt, dass der Prediger sie (und sich selbst) für die Ausreise vorbereitet habe.

Im Fall von Adnan S., der nicht nur mit Sarfo ausgereist, sondern auch gemeinsam mit ihm in einem IS-Propaganda-Video als Fahnenträger aufgetreten ist, hat der Wiener Prediger nach Sarfos Darstellung eine wichtige Rolle gespielt. „Der Kontakt, den Adnan S. hatte beim IS, waren Afghanen, die zu Ebu Tejma gehörten“, sagt Sarfo. Adnan S. habe ihn bei Besuchen in Ebu Tejmas Moschee (gemeint ist vermutlich die Altun-Alem-Moschee hinter dem Praterstern) kennengelernt.

Schwerter schwenkend in der Moschee

Adnan S. hat nach Angaben von Harry Sarfo einiges über die Gepflogenheiten im Kreise des Predigers erzählt: Glaubt man den Bremern, haben Mirsad O. und seine Anhänger nicht nur auf der Donauinsel Schießen geübt, sondern sind sogar bewaffnet in die Moschee gegangen, um dort im Takt von Nasheeds Schwerter und Messer zu schwenken. Adnan S. sei aber im Übrigen nicht der einzige Bremer gewesen, der „über Wien“ beim IS gelandet ist, sagt Sarfo. Das treffe auch auf viele andere zu, die mittlerweile umgekommen seien.

Obwohl Harry Sarfo den Wiener Prediger Mirsad O. vor Gericht möglicherweise weitreichender und expliziter belastet hätte, als irgendeiner der vielen Zeugen, die in dessen fünf Monate währendem Verfahren ausgesagt haben, sind die österreichischen Behörden laut Auskunft von Sarfos Anwalt Udo Würtz bisher nicht an den Rückkehrer aus Bremen herangetreten.

Der Staatsanwalt, auf Grund dessen Anklage der Prediger vor einem Monat (nicht rechtskräftig) zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde, begründete das gegenüber NZZ.at folgendermaßen: „Mir (und wahrscheinlich auch den Kriminalbeamten) war nicht bekannt, dass Harry Saro über Mirsad O. aussagen kann.“ Der Bremer sei ihm bis vor kurzem unbekannt gewesen, schrieb der Ankläger Anfang August. Erst vor wenigen Tagen habe er im Zusammenhang mit Mohamed Mahmoud über ihn gelesen.

Nebenrolle in Mahmoud-Video

Den IS-Propagandisten aus Wien hat Sarfo schon in einem seiner ersten Interviews schwer belastet. Mohamed Mahmoud hatte für das Video, in dem Sarfo als Fahnenträger mitgewirkt hatte, vor laufender Kamera einen Mann erschossen: „Der Österreicher hat noch auf seine Leiche gespuckt“, sagte Sarfo Mitte Juni im Gespräch mit Radio Bremen. Abgesehen davon seien unter Führung Mahmouds nicht nur die zwei im Bild gezeigten Morde, sondern sieben weitere begangen worden. Die für Mahmoud zuständige Staatsanwaltschaft Wien und der heimische Verfassungsschutz sollen davon laut einem Bericht des Kuriers erst durch einen entsprechenden Bericht der Zeitung erfahren haben.

Sarfos Aussagen über seine Begegnung mit einer „Ebu-Tejma-Gruppe“ im Irak waren ebenfalls kein Geheimnis, sondern sogar schon in Graz thematisiert worden. Der aus Berlin eingeflogene Sachverständige Guido Steinberg hatte am letzten Tag des Prozesses gegen Mirsad O. darauf hingewiesen, als er dem Gericht erläuterte, welchen Einfluss der Wiener Prediger außerhalb Österreichs, etwa auf die Harry Sarfos einstige „Brüder“ in Bremen, gehabt hatte.

Ob der Staatsanwalt das tatsächlich nicht gehört hat – oder ob er einfach davon ausging, dass die Geschworenen den angeklagten Prediger auch ohne Sarfos Aussage schuldig sprechen würden, lässt sich nicht mehr in Erfahrung bringen. Fest steht lediglich, dass Laienrichter in Österreich ihr Urteil nicht begründen müssen, es also inhaltlich kaum noch anfechtbar ist.

Was Harry Sarfo über Österreichs prominenteste Dschihadisten zu sagen hat, wird also nur dann juristische Konsequenzen haben, wenn entweder Mirsad O. oder Mohamed Mahmoud ein weiteres Mal der Prozess gemacht wird.


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