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Die globale Kultur des Dschihad

Der Soundtrack des Dschihad

von Elisalex Henckel / 27.05.2016

Die Zahl der Europäer, die sich dem IS anschließen, sinkt. Den Kampf gegen den Dschihadismus haben wir aber noch lange nicht gewonnen, sagt der deutsche Islamwissenschaftler und Verfassungsschützer Behnam Said. Ein Gespräch über Rückkehrer, ABC-Waffen und die globale Kultur der Dschihadisten.

Behnam Said gehört einer Zunft an, die selten „on the record“ spricht: Er arbeitet für das Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz und beobachtet seit Jahren die deutsche Salafisten- und Dschihadisten-Szene. Der Islamwissenschaftler (Jahrgang 1982) hat aber auch mehrere Bücher zum Thema veröffentlicht. Das bekannteste von ihnen trägt den Titel „Islamischer Staat: IS-Miliz, al-Kaida und die deutschen Brigaden“ (erschienen bei C.H. Beck). Said hat es vor kurzem auf Einladung der Landesverteidigungsakademie in Wien vorgestellt.

Herr Said, Ihr Buch über al-Kaida und den Islamischen Staat ist bereits vor knapp zwei Jahren, kurz nach der Ausrufung des Kalifats erschienen. Wie steht es heute um die Terrormiliz?

Behnam Said: Der IS hatte zunächst, auch durch eine Art der Überrumpelung seiner Gegner und unter Ausnutzung des Machtvakuums in Syrien und der chaotischen politischen Situation im Irak, einen beispiellosen Siegeszug hingelegt. Aber inzwischen bröckelt das IS-„Kalifat“ von allen Seiten.

Sie meinen Rückeroberungen wie jene von Palmyra und Ramadi?

Unter anderem. Den mittlerweile zahlreichen Gegnern des IS ist es gelungen, dessen Führungsriege zu dezimieren, den problemlosen Transitverkehr zwischen der Türkei und Syrien einzudämmen und die Einnahmequellen zumindest teilweise trockenzulegen, etwa durch Angriffe auf Öl-Anlagen. Seit der IS militärisch in die Defensive geraten ist, fällt es ihm außerdem zunehmend schwerer, neue Leute zu begeistern.

Der Islamwissenschaftler und Verfassungsschützer Behnam Said
Credits: Elisalex Henckel

Woraus schließen Sie das?

2014 und 2015 gab es aus ganz Europa sehr massive Ausreisewellen. 2016 sind sie zunächst abgeebbt. Auch diskutieren Dschihadisten in Deutschland wieder verstärkt darüber, ob der IS oder nicht doch al-Kaida der richtige Weg ist. Hinzu kommt, dass möglicherweise das für den IS ansprechbare Personenpotenzial langsam ausgereizt sein könnte. Wir sollten aber nicht zu früh Entwarnung geben: Der IS bleibt die personell, finanziell und logistisch am besten ausgestattete Terrormiliz der Welt. Die Jahre seit Bestehen der Organisation haben gezeigt, dass auch Rückschläge nicht zur Zerschlagung geführt haben, sondern es den Vorläufern des IS immer wieder gelungen ist, wie der Phönix aus der Asche aufzusteigen.

Was macht den IS so resilient?

Anders als sein nach außen präsentierter ideologischer Fanatismus vermuten lässt, geht er in vielen Bereichen äußerst pragmatisch, flexibel und kalkuliert vor. Beispiele sind Verwaltung, Finanzen, Militär, Rekrutierung und der professionelle Einsatz der Medien. Auch Anschläge außerhalb des Kernterritoriums zeigen das durchaus berechnende Vorgehen des IS.

Sie meinen die spektakulären Anschläge von Paris und Brüssel?

Unter anderem. Bereits im September 2014 rief IS-Sprecher Abu Muhammad al-Adnani seine Anhänger dazu auf, weltweit Anschläge zu begehen, um den IS zu unterstützen und gegen seine Feinde zu schützen. Und dieser Aufruf wurde auch befolgt: Einzeltäter, die zum Teil gar keine organisatorische Anbindung an den IS hatten, sorgten für eine erste Welle von Attacken, dann folgten die großen Anschläge von Paris und Brüssel – Charlie Hebdo rechne ich nur in Teilen dazu, weil die Kouachi-Brüder ja Bezüge zur al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel hatten.

Wie sollen Anschläge den IS schützen?

Der IS versucht durch diese Attacken zu zeigen, dass das militärische Vorgehen gegen ihn Konsequenzen für Mitgliedstaaten der Anti-IS-Allianz haben wird, und spekuliert darauf, einzelne Staaten aus der Allianz zu lösen. Diese Hoffnung hat sich aber bisher nicht erfüllt. In Belgien kam natürlich eine symbolische Dimension dazu: Brüssel wurde auch angegriffen, weil dort die EU und vor allem die NATO ihren Sitz haben.

Sie sagen, der IS hat nicht nur bei seiner Zielauswahl Kalkulation und Flexibilität bewiesen.

Richtig, das gilt auch für seine Methoden. In der Januar-Ausgabe eines französischen IS-Magazins hat die Organisation „Auftragstaktik“ als effektivstes Mittel für den Kampf in Europa gepriesen: Täter sollen nur eine grobe Weisung erhalten, für die konkrete Ausgestaltung sind sie selbst verantwortlich. Und in seinem Kerngebiet setzt er nach den Großoffensiven der Jahre 2013 und 2014 wieder stärker auf Autobomben und Selbstmordattentate – zwei Methoden, die sich schon in den frühen Jahren der Organisation bewährt haben.

Wie groß ist die Gefahr, dass der IS auch ABC-Waffen einsetzt?

Ich kann natürlich nicht wissen, ob es konkrete Pläne gibt, sie in Europa einzusetzen, aber Terroristen verschiedener Richtungen – von Rechtsextremisten über apokalyptische Fanatiker bis hin zu Dschihadisten – spielen bereits seit Jahrzehnten mit dem Gedanken, auch Massenvernichtungswaffen einzusetzen. Aber zu Anschlägen seitens al-Kaida oder des IS mit ABC-Waffen ist es bisher nicht gekommen.

Was hat sich dann verändert?

Neu sind nicht die Ideen, sondern die Kapazitäten, die nun dem IS natürlich in weitaus größerem Umfang zur Verfügung stehen. Dennoch: Die am meisten verbreiteten – und damit gefährlichsten Waffen – des Terrorismus sind die konventionellen: Explosivstoffe und/oder Schusswaffen.

Welche Rolle spielen dabei Selbstmordattentäter?

Eine immer wichtigere, wie etwa die Zahlen des Chicago Project on Security and Terrorism zeigen. 2015 gab es mehr Selbstmordattentate als in den zwölf Jahren zuvor. Dafür waren vor allem Boko Haram in Nigeria, der IS in Irak und in Syrien sowie Aufstände in Afghanistan und Pakistan verantwortlich.

Wie groß ist die Anschlagsgefahr in Europa?

Bisher haben die meisten Anschläge nicht im Westen stattgefunden: Im Jahr 2014 entfielen 78 Prozent aller Todesopfer durch Terrorismus auf Irak, Nigeria, Afghanistan, Pakistan und Syrien. Aber natürlich stehen alle Staaten, die sich an der Allianz gegen den IS beteiligen, potenziell im Visier der Terrormiliz.

In einem Grazer Gefängnis sitzt der Prediger Mirsad O. alias Ebu Tejma, der auch in Deutschland radikalisiert und rekrutiert haben soll. Wie würden Sie seine Bedeutung für die deutschsprachige Dschihadisten-Szene beschreiben?

Ebu Tejma hatte einen recht breiten Bekanntheitsgrad in der deutschen Dschihadisten-Szene. Er trat auf diversen Veranstaltungen auf und seine Videos wurden auch breit rezipiert. Insofern war Ebu Tejma ein wichtiger Bestandteil und ein Brückenkopf der Dschihadisten nach Wien und damit in den Balkanraum und die dortige Szene.

Lässt sich der IS militärisch besiegen?

Wenn man „besiegen“ mit „Rückeroberung von gehaltenen Gebieten übersetzt“: Ja. Der Erfolg des IS hat ihn auch zugleich verwundbarer gemacht: Im Gegensatz zu al-Kaida gibt es mit dem „Kalifat“ ein definiertes Zielterritorium für militärische Operationen. Zudem hat der Erfolg der Organisation dazu geführt, dass nicht nur ideologisch Überzeugte ihr beitreten, sondern auch „Glücksritter“ angezogen werden, was wiederum zu inneren Friktionen – Stichwort „Kampf um Macht und Ressourcen“ – führt. Weiterhin gibt es Spannungen zwischen ausländischen Kämpfern, die in einer Art dschihadistischen Kolonialisierung die Einheimischen kontrollieren sollen. Bei alledem sollten wir den Kampf gegen den IS aber nicht zu technisch sehen.

Warum nicht?

Der IS ist auch ein Chiffre für eine Ideologie. Dazu muss man nur die Aussagen von Rückkehrern studieren. Viele sind zwar enttäuscht von der Organisation, wünschen sich aber weiterhin einen islamischen Staat. Außerdem ist der IS ein Symptom für kollabierende Gesellschaften und Staaten, und dieses Problem lässt sich auch nicht nur durch Militärschläge lösen. Last but not least besteht die Gefahr, dass der IS die Aufmerksamkeit von al-Kaida ablenkt – einer nach wie vor gefährlichen und schlagkräftigen Organisation, insbesondere in Jemen und Syrien. Sollten bin Ladens Nachfolger ein Emirat ausrufen – und es ihnen gelingen, andere Rebellengruppen miteinzubeziehen, könnte die Zahl der Ausreisen durchaus wieder steigen.

Sie sind nicht nur Verfassungsschützer, sondern auch Islamwissenschaftler. Wie viel Ahnung vom Islam muss man haben, um den IS zu verstehen?

Ich bin in den acht Jahren meiner Arbeit für den Verfassungsschutz immer mehr zu der Überzeugung gelangt, dass man letztlich vor allem Menschen und Konfliktdynamiken verstehen muss. Massenbewegungen, wie sie etwa der amerikanische Philosoph Eric Hoffer in seinem Buch „The True Believer“ beschrieben hat. Es ist 1951 erschienen, kann aber auch heute helfen, um die Mechanismen hinter dem IS und seine Anziehungskraft zu verstehen. Theologie im engeren Sinne spielt im Dschihadismus nur als Versatzstück der Ideologie eine Rolle, weniger bei der Mobilisierung. Auch über die Bedeutung von Ideologie kann man dabei trefflich streiten, etwa hinsichtlich ihrer Rolle in Radikalisierungsprozessen.

Was ist Ihre Meinung?

Radikalisierung ist für mich vor allem eine Form von individueller Bedürfniserfüllung, die sehr unterschiedlich ausfallen kann. Und eine Organisation ist umso erfolgreicher, je mehr Bedürfnisse sie stillt. Also wenn sie nicht nur den erreicht, der familiäre Geborgenheit und Gruppenzugehörigkeit sucht. Sondern auch den, dem nach einem tieferen Sinn im Leben dürstet. Oder nach Gerechtigkeit. Den, der Abenteuer erleben möchte – oder auch einfach nur Gewalt ausüben will. Eine Organisation muss also ein Projekt anbieten, mit dem sich Menschen aus möglichst vielen unterschiedlichen Beweggründen identifizieren können.

Wenn der Islam zum Verständnis des IS nicht notwendig ist, warum haben Sie sich dann sechs Jahre lang mit Naschids beschäftigt, einer Spielart islamischer Musik?

Gerade aus diesem Grund: Die Dschihadisten bieten eine globale Kultur an, eine neue Lebenswelt – und Naschids sind ein Teil davon, der Soundtrack des Dschihad. Aus meiner Sicht ist es diese Kultur und die durch sie erzeugte Emotionalität, die Menschen anspricht, sie reinzieht in die Ideologie. Es gibt nur wenige Menschen, die in Theorien leben wollen, da braucht man gewisse akademische Fähigkeiten dazu. Die meisten Menschen wollen sich keine Gedanken machen, sondern abgeholt werden, da wo sie sind. Insofern hat mich auch gerade die Beschäftigung mit islamistischer Musik weiter in der Annahme bestätigt, dass Ideologie ohne einen kulturellen Referenzrahmen, der gesellschaftliche Anknüpfungspunkte schafft und die Ideologie in verdaubare emotionale Häppchen zerlegt, kaum auskommt.

Das jüngste Buch von Behnam Said trägt den Titel „Hymnen des Jihad“ und ist vor kurzem im Ergon Verlag erschienen.