Randnotiz

Der Weihnachtsmann von Schärding

von Christoph Zotter / 03.11.2015

Er rollt im schwarzen VW Tiguan über die Innbrücke. Einmal links die Straße hinunter, dann stellt Albert Wagner auf einem Parkplatz den Motor ab. Fast zwei Stunden ist der 67-Jährige gefahren, über die Grenze, von der bayrischen 5.000-Seelen-Gemeinde Bernhardswald bis ins oberösterreichische Schärding.

Jetzt steht er in der Sonne, vor ihm das riesige Zelt. Abgewetzter Wollpullover, dicker Schnauzer, euphorisches Dauergrinsen. „Mei, so schön! Mitten im Herzen Europas!“, ruft er, wirft beide Arme hoch. Er meint die rund hundert Flüchtlinge, die im Zelt auf ihren Bus warten, der sie auf die Innbrücke bringt, nahe an die Grenze.

Es ist Sonntag, das beheizte Wartezelt wurde gerade erst aufgebaut. Deutsche Polizisten fahren in einem Van auf den Parkplatz, ihre österreichischen Kollegen grüßen. Es ist der erste Tag in der Woche, an dem alles klappt. Es gibt ein Zelt, Essen, ein Bändchensystem für die Flüchtlinge, jede Farbe steht für einen Bus.

Der soll sie nach Deutschland bringen, Albert Wagners Heimat. Der Gemeindepolitiker will sie begrüßen. Er hat sich sogar ein zweites Haus gekauft. Das richtet er her, eine Ledercouch, Perserteppiche, sagt er.

Eine syrische Familie soll dort wohnen, wenn er die richtige gefunden hat. Viele Kinder soll sie haben, damit die Bänke der Gemeindeschule wieder voll werden.

Albert Wagner ist einer, der keine Angst hat. Wenn er Mütter mit Kopftüchern nasse Babyhosen am Zaun trocknen sieht, freut er sich über die vielen lernwilligen Kinder. Werfen die Väter artig ihren Müll in Bauschuttcontainer, sieht er die kräftigen Arbeiter von morgen. „Wir brauchen diese Leute“, sagt er.

Und wenn etwas Irritierendes passiert, sich ein muslimischer Mann weigert, einer Frau die Hand zu geben, dann sagt Albert Wagner nichts.

Er öffnet lieber den Kofferraum, verschenkt Weihnachtsmannmützen an Kinder, die wohl alle in ihrem Leben noch kein Weihnachten gefeiert haben. Die lachen, die Eltern lachen. Albert Wagner lacht. Es ist einer der Nachmittage, die nicht so oft in der Zeitung stehen. An dem trotz aller Widersprüche alles klappt.