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Deutschpflicht an Schulen

Deutschpflicht: Keine besseren Noten, aber friedlichere Schüler

von Elisabeth Gamperl / 04.11.2015

Führt Deutsch als Pflicht im Klassenraum und auf dem Schulhof zu mehr Integration? Eine Schule in Berlin hat sich das Sprachgebot schon vor zehn Jahren selbst auferlegt. Die Noten der Schüler der Herbert-Hoover-Schule wurden dadurch zwar nicht besser – aber dafür das Miteinander.

Das Arbeitsübereinkommen der schwarz-blauen Koalition in Oberösterreich ist noch keine 14 Tage alt, schon wird eine Passage relativiert. In der Schule soll nur noch Deutsch gesprochen werden. Am Anfang war von einer Pflicht die Rede, nach heftiger Kritik ruderte Josef Pühringers Landesregierung zurück. Mittlerweile spricht man nur noch von einer freiwilligen Vereinbarung.

Die Diskussion verlief nach dem üblichen Schema: Die Grünen stempelten die Idee als „dumm“ ab, die Freiheitlichen waren von ihr angetan. Die Politiker hätten auch einfach einen Blick über die österreichische Grenze werfen können: Die Herbert-Hoover-Schule in Berlin hat bereits vor zehn Jahren eine Deutschpflicht eingeführt.

Gute Deutschkenntnisse seien für alle Fächer notwendig

Damals einigten sich Schüler, Lehrer, und Eltern auf eine gemeinsame Sprache und damit auf die Änderung der Hausordnung. Und das freiwillig. Seither wird an der Sekundarschule (für 10- bis 14-Jährige) überall deutsch gesprochen – vom Klassenzimmer bis zum Pausenhof.

Der Leiter der Sekundarschule, Thomas Schumann, sieht bis heute keine Alternative zu diesem Deutschgebot. „Wenn die Teenager bei uns an der Schule nicht Deutsch lernen, lernen sie es nirgends“, sagt Schumann. Er sehe es als seine Pflicht, die Schüler auf ihre berufliche Zukunft vorzubereiten. Gute Deutschkenntnisse sind für Schumann für alle Fächer unausweichlich. „Wie soll man sonst eine mathematische Gleichung lösen, wenn grammatikalische Verknüpfungen fehlen?“

Die Schüler sind verpflichtet, zwei Bücher im Jahr zu lesen

Rund 90 Prozent der Schüler haben Migrationshintergrund, die meisten sprechen zu Hause Arabisch, Türkisch oder Serbisch.

Die Schule hat mehr Anmeldungen als Plätze. Eltern unterschreiben bei der Aufnahme ihrer Kinder eine Bildungsvereinbarung. Sie besagt, dass die Schüler einerseits Deutsch miteinander sprechen, andererseits, dass sie sich verpflichten, zwei Bücher im Jahr zu lesen und darüber zu referieren.

Darüber hinaus gibt es eine Sommerschule, Theatergruppen und Ausflüge. „Wir  merken, dass die Schüler selbstbewusster werden, je besser sie die Sprache beherrschen“, sagt Schumann. Zu 100 Prozent wird die Abmachung nicht eingehalten. Es gibt bewusst Sozialpädagogen, die die Muttersprache der Schüler sprechen und auch im Umgang mit den Eltern helfen.

Schüler wurden nicht besser, aber friedlicher

Trotzdem sei eine Verbesserung der Noten durch die Deutschpflicht nicht abzulesen. Die Noten wurden bis dato nicht besser, sondern verharren auf einem niedrigen Niveau. Es gäbe weniger Streitereien, sagt Schumann. „Sie sind friedlicher geworden, sie halten mehr zusammen und identifizieren sich mit der Schule“, sagt Schumann. Eine gemeinsame Sprache bringt also keine bessere Leistung, dafür aber scheinbar mehr Integration.

Für wenig sinnvoll und engstirnig hält hingegen İnci Dirim, Professorin für Deutsch als Fremdsprache an der Universität Wien, dieses Deutschgebot. Einerseits kann man seine eigene Sprache nicht immer kontrollieren, sagt Dirim, andererseits seien Sprachverbote in einer mehrsprachigen Gesellschaft veraltet: „Die bringen gar nichts, außer dass sich Menschen abgewertet und fehl am Platz fühlen.“ Sie sagt, stattdessen solle man endlich akzeptieren, dass andere Sprachen wie etwa Türkisch auch zu Österreich und Deutschland gehören.

So genau könne man das doch gar nicht kontrollieren beziehungsweise sei es eine Illusion, dass Schüler mit anderem sprachlichen Hintergrund dadurch korrektes Deutsch lernen würden, sagt Dirim. Hilfreicher wäre eine Sprachförderung im Unterricht, beispielsweise in Form einer zusätzlichen Lehrkraft. „Wie die Deutschpflicht kontrolliert werden soll beziehungsweise wie sie sanktioniert wird, ist auch fraglich“, sagt Dirim.

Keine Sanktionen an der Herbert-Hoover-Schule

Das gibt auch Schumann von der Herbert-Hoover-Schule zu: In der Realität sei man nicht so streng, Sanktionen gebe es nicht. Die Schüler werden lediglich darauf hingewiesen, so wie vereinbart, Deutsch zu sprechen. Denn klar kann man sich nicht immer auf die korrekte Sprache konzentrieren – vor allem zehn- bis 14-jährige Pubertierende: Gerade wenn jemand emotional wird, weil etwa der Freund oder die Freundin Schluss gemacht hat, gebe es andere Prioritäten als die Vereinbarung.

Der Schulleiter hält es dennoch für einen richtigen Weg, als Schule einzufordern, dass Deutsch die gemeinsame Sprache ist.

In Deutschland überlässt man solche Regelungen den jeweiligen Schulen und den „jeweiligen besonderen Bedingungen“, sagt Torsten Heil von der Kultusministerkonferenz in Berlin. Das österreichische Bildungsministerium hält eine Deutschpflicht an Schulen für nicht sinnvoll.

Deutsch außerhalb des Unterrichts als einzige zulässige Sprache widerspricht außerdem der Menschenrechtskonvention – sie dürfte also gar nicht in die Hausordnung eingeführt werden. Das Gebot ist einzig und allein zulässig, wenn es auf Freiwilligkeit und Konsens basiert. Und auch nur so kann sie funktionieren. Das weiß man nirgendwo besser als an der Herbert-Hoover-Schule.