Lilly Panholzer

Randnotiz

Die Absurdität des Normalen

Meinung / von Michael Fleischhacker / 12.07.2016

Als Christian Kern sein Amt als Bundeskanzler antrat, sagte er ein paar Dinge, die klar machten, dass da ein Mann ins Amt kommt, der über einen gesunden Hausverstand, erhebliches Kommunikationstalent und den Willen verfügt, ein paar Dinge anders zu machen, als sie sein Vorgänger gemacht hatte. (Das war eine ziemlich gute Idee.)

Für die österreichische Öffentlichkeit, die von siebeneinhalb Jahren intellektueller Austeritätspolitik zermürbt war, war das Buchstabenmanna, das da vom Balkon des Ballhausplatzes fiel, ein gefundenes Fressen. Dem Bundeskanzler, der inzwischen auch SPÖ-Vorsitzender ist, wurden und werden übernatürliche Kräfte zugeschrieben, über sein Äußeres äußert man sich mit Entzücken.

Da der Regierungschef durchaus den Eindruck erweckt, dass er das Oberflächliche nicht mit Ingrimm verfolgt, wird ihn das alles nicht wirklich kränken. Intelligent, wie er ist, wird er aber auch wissen, dass der durchschnittliche Heiland eher am Kreuz endet als in der Seniorenresidenz am Türkenschanzpark.

Wunder, wohin man schaut

Wenn sich ein solches Rezeptionsmuster gegenüber einer öffentlichen Person oder Institution erst einmal etabliert hat, wird es schwer, sich in ihrem Zusammenhang so etwas wie Normalität vorzustellen. Wenn sich Kern, wie am vergangenen Freitag, mit den Vertretern der größten Oppositionspartei trifft, so wie er es gleich zu Beginn angekündigt hat und mit den anderen Oppositionsparteien auch schon getan hat, wird dahinter naturgemäß ein Wundergeschehen vermutet.

Das beginnt damit, dass es offensichtlich gelungen ist, das mehrstündige Treffen gleichzeitig im südlichen Burgenland und im Bundeskanzleramt am Wiener Ballhausplatz stattfinden zu lassen. Nicht nur in der Vor-, sondern auch in der Nachberichterstattung, was auch dann durchaus bemerkenswert ist, wenn man in Rechnung stellt, dass der gebildete Boulevard Ortsnamen für Schall und Rauch hält. Und es endet damit, dass die Berichterstattung über das Ereignis von den Themen dominiert wird, die nicht besprochen wurden. Nein, betonten mehrere Gesprächsteilnehmer, es sei nicht über eine künftige rot-blaue Koalition auf Bundesebene gesprochen worden.

Natürlich hat es sowas immer gegeben. Der Boulevard ist auf der Suche nach der Sensation, und die verbirgt sich nun einmal eher im Nichtgeschehenen als in den Ereignissen selbst. Aber in der österreichischen Gegenwart haben wir es mit einem strukturellen Problem zu tun, das sich immer dann besonders deutlich zeigt, wenn es um das Verhältnis von allem und jedem zur Freiheitlichen Partei und ihren Spitzenrepräsentanten geht.

Das Bauprinzip dieser Struktur lautet: Wenn man sich lange genug einredet, dass das Absurde eigentlich das Normale ist, muss das Normale zur Sensation werden.

Das kann ein interessanter Sommer werden.