Moritz Gottsauner-Wolf

Bildungsreform

Die Bildung der Bildungsreformer

von Moritz Moser / 31.10.2015

Seit Monaten verhandelt die Bildungsreformkommission der Bundesregierung über die Zukunft der Schule in Österreich. Ihre Ergebnisse wollen die Mitglieder am 17. November präsentieren. Aber welche bildungspolitischen Hintergründe haben sie überhaupt?

Die Bundesregierung sucht seit Jahren nach einem Kompromiss in bildungspolitischen Kernfragen: Gesamtschule oder differenziertes Schulsystem? Landes- oder Bundeslehrer? Mehr oder weniger Schulautonomie? Zumindest beim letzten Punkt scheint sich eine Einigung zwischen SPÖ und ÖVP abzuzeichnen. Bei den anderen Themen herrscht jedoch nach wie vor Dissens.

Immerhin sitzt mit dem Tiroler Landeshauptmann Platter ein ÖVP-Befürworter der Gesamtschule im Gremium. Kaum ein Kommissionsmitglied verfügt aber über einschlägige bildungspolitische Erfahrung. Neben der Bildungsministerin ist nur Salzburgs Landeshauptmann unmittelbar für die Schulpolitik zuständig, und das auch erst seit zwei Jahren.

Die wenigsten der verantwortlichen Politiker haben sich also im Rahmen ihrer Verantwortung einschlägig mit dem Thema befasst, alle haben aber natürlich selbst Bildungskarrieren vorzuweisen. Und diese sind nicht uninteressant: So haben sechs von acht Kommissionsmitgliedern ein Universitätsstudium absolviert, aber nur zwei eine Hauptschule besucht. Wer sind die Menschen, die über die Zukunft des österreichischen Bildungssystems entscheiden sollen?

Gabriele Heinisch-Hosek

Die Unterrichtsministerin war früher selbst Haupt- und Sonderschullehrerin, gilt aber trotzdem nicht als bildungspolitisches Zugpferd ihrer Partei. Als Ministerin ist sie als Kommissionsmitglied dennoch eine natürliche Wahl. Vor ihrer Ernennung war Heinisch-Hosek längere Zeit stellvertretende Vorsitzende im Unterrichtsausschuss des Nationalrates.

  • BildungswegHeinisch-Hosek besuchte nach der Volksschule zunächst die Hauptschule und anschließend die Oberstufe eines Realgymnasiums. Nach der Matura absolvierte sie die Pädagogische Akademie und war danach Lehrerin an Hauptschulen und Sonderschulen.
  • Bildungspolitische ErfahrungBundesministerin für Bildung und Frauen Obmannstellvertreterin im Unterrichtsausschuss des Nationalrates Als Mitglied im Unterrichtsausschuss seit 2001 etliche Wortmeldungen zur Bildungspolitik im Plenum des Nationalrates

Günther Platter
Der Landeshauptmann von Tirol war zwischen 2000 und 2003 Landesrat für Sport, Kultur, Schule sowie Arbeitsmarkt- und Arbeitnehmerförderung. Damit ist Platters bildungspolitisches Portfolio aber auch schon abgeschlossen. Als Abgeordneter im Nationalrat zwischen 1994 und 2000 hat er kein einziges Mal im Plenum zu einem Bildungsthema gesprochen. Auch als Verteidigungs- wie später als Innenminister kam er mit der Schulreform wenig in Kontakt.

  • BildungswegPlatter besuchte nach der Volksschule zunächst ein Realgymnasium, nach einem Jahr wechselte er auf eine Hauptschule und begann danach eine Lehre als Buchdrucker, um im Anschluss Gendarm zu werden.
  • Bildungspolitische ErfahrungFacility Management im Bereich des Bildungszentrums Großgmain (Anfragebeanwortung 2008) Sicherheitsakademie – Grundausbildungslehrgang E1 2007 (Anfragebeanwortung 2008) Integrative Berufsausbildung (Anfragebeanwortung 2007) Auswahlverfahren für die Grundausbildung von dienstführenden Beamt/innen II (Anfragebeanwortung 2007) Schülerfreifahrt (Anfrage 1997)

Josef Ostermayer
Der Bundesminister im Bundeskanzleramt ist zwar ein ausgewiesener Mietrechts-, aber kein Bildungsexperte. Bis zu seiner Berufung in die Reformkommission wurde Ostermayer als Staatssekretär im Verkehrsministerium und als Kanzleramtsminister für Verfassungsfragen und Kultur mit der Bildungsreform kaum in Verbindung gebracht. Da er auch nie Abgeordneter war, fehlt eine entsprechende parlamentarische Vorerfahrung.

  • BildungswegOstermayer besuchte nach der Volksschule ein Gymnasium und studierte nach der Matura Jus.
  • Bildungspolitische ErfahrungZuwendungen des BMKKVM an den Ring Österreichischer Bildungswerke (zwei Anfragebeantwortungen (1, 2) 2015) Zuwendungen des BMKKVM an den Kultur- und Sportverein der Wiener Berufsschulen (Anfragebeantwortung 2015) Gehaltsgesetz 1956, Vertragsbedienstetengesetz 1948, Richter- und Staatsanwaltschaftsdienstgesetz und Landeslehrer-Dienstrechtsgesetz (Rede im Bundesrat 2014) Dienstrechts-Novelle 2013 – Pädagogischer Dienst (Rede im Bundesrat 2013)

Peter Kaiser
Der Kärntner Landeshauptmann hat Soziologie und Bildungswissenschaften studiert, sich aber eher nicht auf Schulpädagogik spezialisiert (Diplomarbeit: „Gesellschaftlich erforderliche Arbeit“, Dissertation: „Universität und Region“). Trotzdem ist er wohl eines der qualifizierteren Kommissionsmitglieder, auch wenn er bisher kaum als Bildungspolitiker aufgefallen ist.

  • BildungswegKaiser besuchte nach der Volksschule zunächst ein Realgymnasium und begann danach ein Studium der Soziologie und Pädagogik.
  • Bildungspolitische ErfahrungAls Landeshauptman gemäß Art 81a Abs 3 lit b Bundes-Verfassungsgesetz auch Präsident des Landesschulrates.

Michael Häupl
Der Wiener Bürgermeister war in der Stadtregierung bisher nicht für Bildungsfragen zuständig und hat sich auch als Mitglied des Österreich-Konvents auf andere Fachgebiete konzentriert.

  • BildungswegHäupl besuchte nach der Volksschule zunächst ein Realgymnasium und studierte danach Biologie und Zoologie.
  • Bildungspolitische ErfahrungAls Landeshauptman gemäß Art 81a Abs 3 lit b Bundes-Verfassungsgesetz auch Präsident des Landesschulrates.

Harald Mahrer
Der Staatssekretär für Wissenschaft unf Forschung im Wirtschaftsministerium gilt als engagierter Bildungspolitiker, auch wenn er im schulpolitischen Bereich bisher nicht tätig war.

  • BildungswegMahrer besuchte nach der Volksschule zunächst ein Realgymnasium und studierte dann Betriebswirtschaft.
  • Bildungspolitische ErfahrungStaatssekretär im Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft: Universitätsgesetz 2002 und Hochschulgesetz 2005 (Rede im Bundesrat 2014)

Johanna Mikl-Leitner
Die nunmehrige Innenministerin hat immerhin Wirtschaftspädagogik studiert und im Anschluss ein Jahr lang an einer HAK unterrichtet. Als niederösterreichische Landesrätin war sie aber ebenso wenig mit Schulpolitik befasst wie im Nationalrat. Dort war sie lediglich von Februar bis April 2003 Mitglied im Ausschuss für Wissenschaft und Forschung. Bildungspolitisch trat sie um das Jahr 2000 einige Male im Hinblick auf die Universitätsreform auf, seit ihrer Ernennung zur Innenministerin war sie nur mehr mit der Sicherheit in den heimischen Schulen befasst.

Wilfried Haslauer
Wie alle Landeshauptmänner ist Haslauer auch Präsident des Landesschulrates. Außerdem hat er seit seiner Wahl zum Regierungschef im Jahr 2013 das Bildungsreferat in der Landesregierung übernommen. Als Quereinsteiger ist der vormalige Landeshauptfrau-Stellvertreter und Rechtsanwalt aber ein Neuling in der Schulpolitik.

  • BildungswegHaslauer besuchte nach der Volksschule zunächst ein Gymnasium und studierte dann Jus.
  • Bildungspolitische ErfahrungAls Landeshauptman gemäß Art 81a Abs 3 lit b Bundes-Verfassungsgesetz auch Präsident des Landesschulrates. Bildungsreferent in der Landesregierung.