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Islamische Kindergärten

Die drei Schwächen des Aslan-Berichts

von Elisalex Henckel / 11.12.2015

SPÖ und Vertreter islamischer Vereine haben Ednan Aslans „Projektbericht“ über islamische Kindergärten scharf kritisiert. Zu Recht? Wir haben zwei unbeteiligte Experten, Kenan Güngör und Thomas Schmidinger, um ihre Einschätzung gebeten. Sie haben an dem Papier ebenfalls einiges auszusetzen.

In der Debatte um den Zustand islamischer Kindergärten in Wien haben sich Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) und die zuständige Stadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) am Donnerstagnachmittag nicht nur ein in sozialen Medien vielbeachtetes Scharmützel vor laufender Kamera geliefert, sondern tatsächlich auch gemeinsame Maßnahmen vereinbart. Eine davon ist eine großangelegte Studie, an der auch Ednan Aslan, Professor am Institut für Islamische Studien der Universität Wien, wieder beteiligt werden soll.

Aslan hat vor einer Woche den „Projektbericht“ vorgelegt, aufgrund dessen Sebastian Kurz unter anderem im Kurier die Schließung von „zahlreichen dieser Einrichtungen“ gefordert hatte. Neben einigen „Extremfällen“ gebe es „in vielen das Problem, dass da Parallelgesellschaften herausgebildet werden“, erläuterte er kurz darauf in der ZIB 2. Die Stadt Wien habe bisher einfach weggesehen.

Nicht nur die SPÖ-Politikerin Wehsely und Vertreter islamischer Vereine, die zum Teil in Aslans Projektbericht erwähnt wurden, üben seither scharfe Kritik an Aslans 33 Seiten umfassendem Papier. Auch unbeteiligte ExpertenAls Kenner der Szene sind die beiden in unterschiedlichen, vom Staat ins Leben gerufenen Gremien vertreten – Güngör etwa sitzt im Integrationsbeirat des Außenministeriums, Schmidinger gehört zum Expert-Forum Prävention, Deradikalisierung und Demokratiekultur der Stadt Wien. An der Studie haben sie jedoch nicht mitgearbeitet. wie der Soziologe Kenan Güngör und der Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger halten es für problematisch. Beide halten die Warnung, dass islamische Kindergärten die Entstehung von Parallelgesellschaften befördern, für berechtigt, wünschen sich aber dringend eine bessere Diskussionsgrundlage. Am vorliegenden Papier von Ednan Aslan haben sie vor allem drei Dinge auszusetzen:

1. Methodik:

Aus dem Projektbericht geht nicht hervor, wie viele Kindergärten Ednan Aslan auf welche Weise untersucht hat. Von 15 angefragten Kindergärten hätten letztlich zwei mitgewirkt, heißt es. „Weitere Kindergärten der zwei großen türkischen Verbände und weitere 3 arabisch und bosnisch dominierte Kindergärten wurden persönlich angefragt und deren PädagogInnen und Obmänner interviewt.“

Bei der Vorstellung des Papiers in einem Hintergrundgespräch sagte Aslan laut Angaben der Presse, fünf Kindergärten hätten sich auf ein Gespräch eingelassen, 24 weitere habe er anhand des Vereinsregisters sowie Flyern und Aussagen auf der Homepage analysiert. Dazu seien Gespräche mit neun Müttern und Vätern von Kindern, die islamische Kindergärten besuchen oder besucht haben, sowie drei Ex-Mitarbeiterinnen gekommen.

Der Soziologe Kenan Güngör sitzt im Integrationsbeirat des Außenministeriums.

Der Integrationsexperte Kenan Güngör kennt viele der im Bericht angesprochenen Probleme aus eigener Erfahrung. Es gebe nicht nur einige Kindergärten, in denen die deutsche Sprache zu kurz komme und Mädchen und Buben getrennt würden, sondern auch solche, in denen die Religion sehr stark im Vordergrund stehe und „es ganz klar um Missionierung geht“ – beziehungsweise darum, die Kinder in einer „geschlossenen religiösen Denkwelt zu halten“. Davon könne man bereits ausgehen, wenn die Kindergärten von Vereinen betrieben werden, die Millî Görüş oder anderen Organisationen des politischen Islam nahestehen.

Aus Aslans Papier lasse sich aber nicht ablesen, wie viele Kindergärten betroffen seien, sagt Güngör. Dafür seien die Fallzahlen viel zu gering und die Auswahl der Kindergärten viel zu selektiv. Ebenfalls keine Antwort fand Güngör auf die Frage, in welchem Ausmaß islamische Kindergärten versuchen würden, aus staatlicher Sicht problematische Inhalte zu vermitteln. „Dafür gibt es allenfalls fragmentarische Hinweise.“

Thomas Schmidinger beanstandete in diesem Zusammenhang beispielsweise den Abdruck einer Gegenüberstellung von Scharia und weltlicher Gesetzgebung aus Schulungsunterlagen des Islamologischen Instituts, aus der Sebastian Kurz in der ZIB 2 zitierte – ohne freilich sagen zu können, ob oder wie diese Unterschiede Kindergartenkindern vermittelt würden. Schmidinger wies darüber hinaus darauf hin, dass die Gegenüberstellung von zwei Konzepten „nicht per se böse sei“. „Die Frage ist vielmehr, welche Schlüsse man daraus zieht“, sagt Schmidinger. Das gehe jedoch aus dem Papier nicht hervor.

Ähnlich bewertet er die Passage über den Leiter eines Kollegs zur Ausbildung von „interkulturellen KindergartenpädagogInnen“. Dass der ein Buch eines pakistanischen Vordenkers des politischen IslamGemeint ist „Als Muslim Leben“ von Sayyid Abul Ala Maududi. übersetzt habe, sei ein Hinweis, dem man nachgehen sollte, aber noch kein Beleg, dass er selbst so denke.

Güngör kritisiert außerdem die Konzentration auf Wien. Es gebe keinen Anlass anzunehmen, dass die Regierungen anderer größerer Städte besser darüber Bescheid wüssten, was in islamischen Kindergärten vorgeht, sagt der Experte. Die Reduktion des Problems auf ein Wiener Phänomen habe nun aber dazu geführt, dass die Debatte „parteipolitisch verhunzt“ wurde.

Schmidinger verweist zudem darauf, dass das Hauptproblem bei den Kindergruppen liege. Ednan Aslan weise zwar am Beginn seines Berichts darauf hin, dass es dreimal mehr Kindergruppen als Kindergärten gebe, unterscheide aber in der Folge nicht mehr zwischen den beiden Typen von Einrichtungen.

2. Konkrete Beispiele:

Weder Ednan Aslan noch Sebastian Kurz haben bisher öffentlich erklärt, welche Kindergärten sie konkret für „salafistisch“ oder „Extremfälle“ halten. Auch die Stadt Wien wartet nach Angaben von Sonja Wehsely immer noch auf eine entsprechende Liste.

Kurz hat bisher lediglich in der ZIB 2 erklärt, ein Kindergarten habe einen bekannten Salafisten als Ehrengast eingeladen. Er nannte keine Namen, meinte aber offenbar den Kindergarten Iqra des Konvertiten Muhammad Ismail Suk, der 2008 Besuch vom radikalen deutschen Prediger Pierre Vogel bekam.

Daraus abzuleiten, dass Suk ebenfalls Salafist sei, sei nicht nur unzulässig, sondern in diesem konkreten Fall auch falsch, sagt Thomas Schmidinger, der an der Universität Wien schon seit Jahren zum Thema religiös begründeter Extremismus forscht. Suk sei kein Salafist, sondern gehöre vielmehr einer konservativen Sufi-Strömung an.

„Unproblematisch“ sei Suk deswegen nicht, sagt Schmidinger. Das geht auch aus einer im Anhang des Projektberichts veröffentlichten Beschreibung der Schule hervor, die der Verein des Konvertiten betreibt. Darin heißt es unter anderem: „Leider besuchen viele Kinder anschließend aus Mangel an islamischen Alternativen öffentliche Schulen ohne islamische Umgebung und Erziehung. Besonders groß und gefährlich ist die Lücke für 10-15-jährige Kinder.“ Schmidinger gibt aber zu bedenken, dass es solche isolationistischen Bestrebungen gerade auch im jüdischen Bereich gebe.

Der Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger forscht an der Universität zum Thema religiös begründeter Extremismus und arbeitet ehrenamtlich mit Radikalisierten. Er gehört zum „Expert-Forum Prävention, Deradikalisierung und Demokratiekultur“ der Stadt Wien.

Fest steht aber, dass der Mann jedenfalls nicht unbeobachtet geblieben ist. Erst vor kurzem ist er wieder in die Schlagzeilen geraten, weil in seinem Kindergarten vor zwölf Jahren eine „Dschihad-Broschüre“ herumgelegen haben soll. In diesem Zusammenhang bezeichnete er nicht nur den Vorwurf, er habe Kinder zum „Heiligen Krieg“ erziehen wollen, als „absurd“, sondern distanzierte sich gleichzeitig auch vom Salafisten-Prediger Pierre Vogel. Der sei damals uneingeladen aufgetaucht, sagte Suk dem Kurier. Auch die MA 11 will bei ihren Kontrollen keinerlei Hinweise auf Radikalisierungstendenzen in seinem Kindergarten festgestellt haben.

Schmidinger kritisiert auch die Behauptung, die „religiös-theologischen Vorstellungen“ des Islamologischen Instituts seien vom salafistischen Gedankengut kaum zu unterscheiden. Das Institut sei „nicht salafitisch, sondern orthodox-konservativ“, sagt der Politikwissenschaftler. Sein Leiter, Amir Zaidan, gehöre eher dem konservativen sunnitischen Mainstream an und werde „von den Salafiten schwer attackiert“. Anders als oft behauptet sei er auch kein Muslimbruder – ganz im Gegenteil, über sie schimpfe er besonders laut.

Einen weiteren Fehler will Schmidinger im Anhang entdeckt haben. Bei Bild Nummer 20 könne es sich nicht – wie behauptet – um „ein Beispiel für die Praxis der religiösen Erziehung“ handeln, sondern um Arabisch-Unterricht. Andere Vorwürfe, wie jener, der den Vorstand der „Islamischen Vereinigung in Österreich“ in das Umfeld der Muslimbruderschaft rückt, könnten durchaus stimmen, sind aber nur dürftig belegt.

3. Aufbereitung für die Medien:

Kenan Güngör stört vor allem, dass Ednan Aslan bei der Vorstellung seines Papiers offenbar mit Prozentsätzen argumentiert hat. In der Presse heißt es etwa: „Aslans Fazit: 20 Prozent der von ihm untersuchten Kindergärten (in absoluten Zahlen also sechs) seien als salafistisch einzustufen.“ Das lasse sich aus dem vorliegenden Bericht aber gar nicht ableiten.

Thomas Schmidinger kritisiert, dass Ednan Aslan auf Basis seines Berichts nicht nur vor Parallelgesellschaften, sondern auch vor Radikalisierung warnt. Aslan hatte unter anderem am Donnerstag in einem ZIB2-Bericht erneut bekräftigt, Radikalisierung sei ein Prozess, der schon im Kindergarten beginne: „Wenn sie lernen, einen Menschen zu verachten, ist es nur noch eine technische Aufgabe, ihn zu töten.“

Schmidinger, der auch ehrenamtlich mit Radikalisierten arbeitet, räumt ein, dass „bei schlechter Pädagogik vielleicht psychische Grundlagen gelegt werden, die Menschen vulnerabel für radikale Gruppen machen“. Aber er hält es trotzdem für fahrlässig, Abgrenzung mit Radikalisierung gleichzusetzen. „Die meisten Dschihadisten beginnen nicht als superkonservative Millî-Görüş-Jugendliche, sondern sie konvertieren gewissermaßen zum Dschihadismus, weil sie krisenhafte Entfremdungserlebnisse gemacht haben.“ Das beträfe im Übrigen deutlich mehr Kinder aus unreligiösen als aus religiösen Familien.

„Die Debatte über Parallelgesellschaften muss man führen“, sagt der Politikwissenschaftler, „aber ich sehe im vorliegenden Bericht kein Indiz dafür, dass es politisch-salafitische oder dschihadistische Kindergärten gibt, in denen tatsächlich radikalisiert wird.“