Elisalex Henckel

Abgewiesene Flüchtlinge

Die Entsorgten von Schärding

von Elisalex Henckel / 14.01.2016

Seit Jänner weist die deutsche Bundespolizei an der Grenze zu Oberösterreich immer mehr Flüchtlinge ab. Die Österreicher nehmen in Schärding die Daten der Zurückgeschickten auf – und überlassen sie dann sich selbst. Aber was geschieht weiter mit den Betroffenen? Eine Begegnung mit einem Paar aus Damaskus, das sich nicht stoppen lassen wollte.

Die Frau schaut nicht zurück, als sie das warme Zelt verlässt. Sie hat es eilig wegzukommen, achtet nur darauf, dass sie den aufgeregt telefonierenden Mann an ihrer Seite nicht abhängt. Auf die Frage, wo sie hin will, sagt sie, ohne stehen zu bleiben: „Germany. We will try again.“

Die Frau trägt außer der Handtasche, die sie fest unter den Arm geklemmt hat, kein Gepäck. Sie hat die dunklen Haare zu einem strengen Pferdeschwanz gebunden, die Augenbrauen stark nachgezogen, aber es ist vor allem ihr Schritt, der sie entschlossen wirken lässt.

Sie wird später erzählen, dass sie Fatima heißt, 35 Jahre alt ist und in Damaskus als Anwältin arbeitete, bevor sie gemeinsam mit ihrem gleichaltrigen Mann Mohammed, einem Lehrer, Richtung Europa aufbrach. Das Kind, das die beiden im Frühsommer erwarten, soll nicht im Kriegsgebiet zur Welt kommen.

Also flogen Fatima und Mohammed vor knapp einem Monat aus Damaskus in die türkische Küstenstadt Izmir. Nach etwa drei Wochen Vorbereitungen stiegen sie am Freitag in ein Boot, das sie nach Griechenland brachte. Von dort reisten sie auf der üblichen Route – Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien – bis nach Österreich.

Fatima und Mohammed wissen nicht, wo sie das Land am Montag betreten haben. Sie wissen auch nicht, wo sie es in der Nacht zu Dienstag verlassen haben. Sie wissen nur, dass sie ein paar Stunden schon in Deutschland waren, aber dann wieder zurückgeschickt wurden. Und sie ahnen, dass das kein gutes Zeichen ist.

Die Flüchtlinge kommen jetzt aus dem Norden

Das Paar aus Damaskus gehört zu einer Gruppe von 35 Flüchtlingen, die ein Bus aus Passau an diesem Dienstagmorgen in Schärding abgesetzt hat. Seit Anfang des Jahres landen laut Auskunft der Landespolizeidirektion Oberösterreich fast jeden Tag mehr als 100, an manchen sogar mehr als 200 Menschen in der oberösterreichischen Grenzstadt, weil die Deutschen ihnen die Einreise verweigern.

Die bisher größte Zahl von Flüchtlingen, nämlich 228, wurde am 5. Jänner abgewiesen, einen Tag, nachdem die Dänen ihre Grenzkontrollen verschärft hatten. Im Dezember hätten sich die Deutschen noch an die Vereinbarung gehalten, nicht mehr als 60 Personen am Tag zurückzuschicken, sagt Erwin Eilmannsberger, der stellvertretende Bezirkspolizeikommandant von Schärding. „Inzwischen werden sie in unbegrenzter Stückzahl angeliefert.“

Erwin Eilmannsberger ist der stellvertretende Bezirkspolizeikommandant von Schärding und Hausherr im Transitzelt neben dem Altstoffsammelzentrum.
Credits: Elisalex Henckel

Eilmannsberger muss seit Monaten von einem neben dem Zelt aufgestellten Container aus die halbgaren Vorgaben der Politik umsetzen. Für empathischere Formulierungen fehlt ihm da offenbar die Ruhe.

Bei der Bundespolizei in Passau widerspricht man jedoch auch inhaltlich seiner Darstellung. An den Kriterien für eine Einreiseverweigerung habe sich nichts geändert, sagt Pressesprecher Frank Koller: Sie werde ausgesprochen, wenn jemand ohne die notwendigen Dokumente einreise und kein Asyl in Deutschland beantrage.

Die höhere Zahl der Einreiseverweigerungen hat Frank Koller zufolge nur einen Grund: Mitarbeiter, die durch den geringeren Migrationsdruck und bessere Absprachen mit den Österreichern wieder mehr Zeit hätten, würden nun zur Befragung der Einreisenden eingesetzt. Dass weiterhin jeden Tag hunderte Flüchtlinge bei der Einreise zugeben, dass sie das Land nur durchqueren wollen, obwohl das zur Abweisung führt, wundere ihn selbst, sagt der Polizeisprecher. Die Kommunikation über Migrantennetzwerke würde normalerweise schneller funktionieren.

Fest steht jedenfalls: Die Landespolizeidirektion Oberösterreich hat seit Anfang Dezember 3.146 Rückübernahmen verzeichnet, wobei es in den ersten zwölf Jännertagen bereits mehr waren als im ganzen Dezember. Die Behörden leiten aus diesem Grund seit ein paar Tagen keine Flüchtlinge mehr von der Südgrenze über Schärding nach Deutschland, sie werden stattdessen jetzt alle im Transitquartier von Braunau versorgt, damit in Schärding die Abgewiesenen übernommen werden können.

Über die Grenze und wieder zurück

Das Wort, das Fatima und Mohammed in das Zelt neben dem Schärdinger Altstoffsammelzentrum geführt hat, fällt am Dienstag in Passau, kurz nachdem sie um halb fünf Uhr früh die Grenze überquert haben. Wo sie hinwollen, fragt ein Dolmetscher im Auftrag der deutschen Behörden. „Schweden“, sagen sie wahrheitsgemäß, schließlich leben dort ihre Eltern und seine Geschwister.

Ob ihnen jemand erklärt hat, welche Folgen das für sie hat, lässt sich nicht mehr feststellen. Fatimas Englisch reicht nicht, um die Details des grenzpolizeilichen Prozederes zu schildern, aber es genügt, um ihrer Wut darüber Ausdruck zu verleihen, dass der Dolmetscher sie nicht gewarnt hat: „Bad translator. Very bad translator.“

Die Deutschen kreuzen jedenfalls auf den „Laufzetteln“ für ihre „Bearbeitungsstraße“ beim Kästchen „Asylbegehren“ das Wort „Nein“ an. Das führt dazu, dass Fatima und Mohammed um kurz nach sieben wieder im Bus nach Schärding sitzen.

Dort passiert zunächst nicht viel: Die Deutschen übergeben den Österreichern mit den abgewiesenen Flüchtlingen einen dicken Stapel A4-Zettel, die deren Registrierung und Befragung dokumentiert. Die Österreicher verzichten darauf, Fatima, Mohammed und die anderen erneut zu fotografieren und ihnen Fingerabdrücke abzunehmen, stattdessen scannen sie die Unterlagen der Deutschen ein.

Im Transitzelt von Schärding gibt es Essen, Getränke und Decken, aber keine Feldbetten.
Credits: Elisalex Henckel

Während die 35 warten, teilen Helfer des Roten Kreuzes Essen, Getränke und Decken aus und bieten medizinische Ersthilfe an. Wer müde ist, weil er wie Mohammed und Fatima seit fünf Tagen nicht mehr richtig geschlafen hat, legt sich auf den blanken Holzboden. Feldbetten wie in anderen Transitquartieren gibt es in Schärding nicht.

Um kurz nach elf Uhr bekommen Fatima und Mohammed ihre Unterlagen zurück. Die Österreicher haben sie in eine Klarsichthülle gesteckt und einen weiteren Zettel dazugelegt. „Ladung“ steht darauf in Großbuchstaben, darunter „erkennungsdienstliche Behandlung und ergänzende fremdenpolizeiliche Befragung“, ein Datum Ende Februar und eine Adresse in Wels.

Sie sollen sich melden, in sechs Wochen, das haben die beiden verstanden. Aber wo sie bis dahin schlafen sollen, was sie essen sollen, wie sie bis zur Ladung eine „sprachkundige Vertrauensperson“ finden sollen, das steht auf keinem ihrer Zettel.

Freigelassen – ohne Geld oder Informationen

Ist es gewollt, dass diese Menschen erneut probieren, über die Grenze zu kommen? Obdachlos werden? Kriminell? „Ich kann Ihnen nicht erklären, was aus diesen Menschen wird“, sagt ein Polizist am Eingang des Zeltes, der nicht namentlich genannt werden will. „Oder warum der Staat seinen Aufgaben nicht nachkommt. Da müssen Sie schon unsere Politiker fragen.“

Erwin Eilmannsberger, der stellvertretende Bezirkspolizeikommandant und aktuell diensthabende Einsatzleiter, fühlt sich ebenfalls nicht verantwortlich für die Menschen, die nun auch Österreich im wahrsten Sinne des Wortes ent-sorgt, wenn auch auf eine weniger direkte Art und Weise als Deutschland. Er habe nun mal keine Quartiere zu vergeben, sagt der Polizist in seinem Container, nachdem er das Prozedere der Rückübernahmen erläutert hat. „Wir haben in ganz Oberösterreich kein menschenrechtskonformes Quartier mehr frei. Außerdem wären die ja eigentlich in Haft, weil sie hier illegal aufhältig sind, aber Haftplätze haben wir auch keine, daher müssen wir sie gehen lassen.“

Ohne Informationen? Ohne eine einzige Adresse oder Telefonnummer? Die Dolmetscher würden die Flüchtlinge schon aufklären, sagt Eilmannsberger. „Sie können ja mit dem Zug nach Linz fahren und sich dort beim PVZ melden.“

PVZ steht für das ehemalige Postverteilerzentrum am Linzer Hauptbahnhof, aber wie sollen das Menschen herausfinden, die nicht einmal wissen, wo sie sich aktuell gerade befinden? Und selbst wenn, was passiert, wenn sie keine 19,50 Euro haben, um sich ein Ticket zu kaufen? Eilmannsberger kümmert das nicht: „Es ist noch jeder weggekommen“, sagt er. „Die ÖBB befördert sie doch alle.“

Der Ticketverkäufer als Flüchtlingsberater

Der freundliche Herr hinter dem einzigen Schalter am Bahnhof von Schärding sieht das ein bisschen anders. „Es gibt kein Abkommen zwischen Bund und ÖBB“, sagt er. „Jeder braucht ein gültiges Ticket. Wer keines hat, muss am nächsten Bahnhof aussteigen.“

Die afghanische Großfamilie und ihre iranischen Dolmetscher verlassen den Bahnhof von Schärding schon bald wieder Richtung Transitzelt. Sie haben weder Geld – noch eine Ahnung, wo sie hinsollen.
Credits: Elisalex Henckel

Die kleine Halle vor seinem Schalter hat sich inzwischen gefüllt. Ein paar junge Marokkaner wollen erst nach Innsbruck, dann nach Salzburg. Geld haben sie keines, sagen sie, aber der ÖBB-Mann druckt ihnen geduldig eine Verbindungsübersicht nach der anderen aus.

Fatima und Mohammed überlegen inzwischen, nach Berlin zu fahren. „Kaufen Sie lieber erst einmal nur ein Ticket bis Passau“, rät ihnen der ÖBB-Beamte, „dann haben Sie wenigstens nicht hunderte von Euros ausgegeben, wenn Sie auf dem Weg dahin wieder abgewiesen werden.“ Mohammed schaut Fatima an, sie zuckt mit den Achseln. Sie verstehen nur, dass der Mann hinter dem Schalter sie warnt, aber nicht wovor.

Mit zwei jungen Afghanen klappt es besser. 20 Euro reichen nicht für ein Ticket nach Wien, erklärt ihnen der ÖBB-ler, aber Linz sei ebenfalls ein großer Bahnhof, an dem sie möglicherweise Hilfe finden könnten.

Eine Großfamilie, die auch aus Afghanistan stammt, traut sich erst gar nicht zum Schalter. Ein Mädchen ist erst zwölf, ein anderes wirkt geistig behindert, eine ältere Frau sieht aus, als würde sie jeden Moment im Sitzen einschlafen. Der einzige, der ein paar Wörter Englisch versteht, ist ein 16-jähriger Bursche, der als Reiseleiter eindeutig überfordert scheint.

Ein alleinreisender Iraner gesellt sich zu den Afghanen und erzählt ihnen, dass es in der Nähe von Wien ein „großes Camp“ mit vielen Landsleuten gibt, aber wie sie es bis dahin schaffen sollen, kann er ihnen auch mit Hilfe des Herrn von der ÖBB nicht sagen.

Es dauert also nicht lange, bis die Familie und der Iraner wieder in Richtung Zelt aufbrechen, der einzige erreichbare Ort, an dem es zumindest Essen und ein paar Steckdosen gibt. Sie wissen bloß nicht, ob man sie noch einmal hineinlassen wird.Der Vollständigkeit halber sei hier erwähnt, dass die Polizei vor dem Transitquartier die afghanische Großfamilie zunächst nicht wieder in das Zelt lassen wollte. Das geschah erst nach dem Hinweis auf eine Aussage eines Rot-Kreuz-Verantwortlichen. Er hatte zuvor gesagt, aus seiner Sicht könnten die von Deutschland Abgewiesenen jederzeit wiederkommen und auch so lange bleiben, wie sie wollen. .

Neues Ziel, neues Glück?

Fatima und Mohammed haben derweil eine Entscheidung getroffen. Ihr neues Ziel heißt Stuttgart. Mohammed hat dort auch Verwandte. Entgegen dem Rat, den ihnen der Mann hinter dem Schalter gegeben hat, haben sie die Tickets bereits gekauft.

Um 12.59 Uhr fährt auf Bahnsteig 3 der Zug nach Passau ein. Mohammed und Fatima steigen ein. Der Zug ist fast leer. Sie setzen sich an zwei gegenüberliegende Fensterplätze.

Fatima und Mohammed wollen aus Angst vor Problemen mit den Behörden weder ihre Nachnamen nennen noch ihre Gesichter zeigen.
Credits: Elisalex Henckel

 

Mohammed starrt auf die Tür zum nächsten Abteil, Fatima aus dem Fenster. Beide haben die Hände übereinander auf den Schoß gelegt. Keiner spricht ein Wort. Die Tür bleibt zu, draußen rauschen Wälder, Wiesen, Häuser vorbei, nur die grauen Wolken, die darüber hängen, scheinen sich nicht zu bewegen.

„Nächster Halt, next stop, Passau“, sagt eine Stimme aus dem Lautsprecher.

Wenige Minuten später tauchen auf einer Anhöhe am anderen Ufer des Inn barocke Kirchen auf. Der Zug fährt über eine Brücke – und dann in einen Bahnhof ein.

Fatima und Mohammed steigen aus, schauen links, schauen rechts. Immer noch keine Polizisten. Dafür fährt am Nachbargleis der ICE nach Hamburg ein, der sie nach Nürnberg bringen soll.

Als sie einsteigen, wissen sie noch nicht, ob sie dort ihren Zug nach Stuttgart nehmen werden können – oder ob sie zuvor doch noch von der Polizei aufgehalten werden. Aber wenn sie in Österreich etwas gelernt haben, dann dass sie dann nicht mehr von „Schweden“, sondern von „Asyl“ sprechen werden.

Das garantiert ihnen zwar nicht, dass sie in Deutschland bleiben dürfen. Aber zumindest, dass sie nicht mehr nach Schärding zurückmüssen.