flickr/ US Army

Selbstverteidigung für Schüler

Die FPÖ schlägt mit der Populismus-Keule zu

Meinung / von Julia Herrnböck / 23.02.2016

Weil es mehr Zuzug gibt, steigt die Gewalt an? Alle verfügbaren Zahlen widersprechen dieser Aussage der FPÖ. Trotzdem begründet sie damit die Forderung nach verpflichtenden Selbstverteidigungskursen für Kinder aller Schulstufen. Das wäre allerdings gefährlich – und aussichtslos.

„Selbstverteidigung soll Teil des Turnunterrichts werden“, schreibt die U-Bahn-Zeitung Heute. Ein etwas irreführender Titel, haben doch bis auf den Antragsteller FPÖ alle Parteien im Unterrichtsausschuss bereits dagegengestimmt. Sogar das Team Stronach, vertreten durch Robert Lugar, der am 18. Februar nicht anwesend war, spricht sich gegen die Idee aus: „Ich habe früher selbst solche Kurse gehalten. Das ist definitiv nichts für Kinder“, sagt er auf Nachfrage.

Diesen Mittwoch geht der Entschließungsantrag der FPÖ in den Nationalrat. Es ist mehr „ein Begräbnis zweiter Klasse“, wie ein Kollege es formuliert: Bei der Ablehnungsrate von 100 Prozent aller anderen Vertreter im Nationalrat stehen die Chancen nicht zum Besten, so ehrlich muss man sein.

Die Mär von vermehrten Übergriffen

Antragsteller und Ausschussvorsitzender Walter Rosenkranz (FPÖ) erhofft sich eine „gediegene Debatte“, wenn nicht sogar einen „Stimmungsumschwung“ am Mittwoch im Nationalrat. Die anderen Parteien hätten ihre Ablehnung nicht mit der Sache an sich, sondern mit der Formulierung seines Antrags begründet.

Der gibt in der Tat nicht viel her, im Gegenteil:

Aufgrund des ungebremsten Zuzuges nach Österreich und Europa von Personen, die die kulturellen Gepflogenheiten unseres Landes nicht anerkennen wollen, kommt es vermehrt zu Übergriffen von Zugewanderten.

Entschließungsantrag der FPÖ

Die Aussage hält der Datenlage nicht stand: Laut den vorläufigen Zahlen aus der Kriminalitätsstatistik wurden 2015 rund 500.000 Straftaten angezeigt, im Jahr davor waren es etwa 528.000. Die Strafanzeigen gegen Asylwerber sind zwar gestiegen, 10.000 im Jahr 2014 und 14.000 im Vorjahr. 2015 gab es jedoch wesentlich mehr Asylwerber in Österreich.

Unter der minimalistischen (und unrichtigen) Begründung listet die FPÖ rund 20 Artikel zu Vorfällen in Deutschland und Österreich auf: „Sex-Mob wütet auch in Österreich“ (Österreich), „Pädophiler Pakistani soll Kinder beim Spielen belästigt haben“ (Bild) oder „Sexattacke bei Kinderbecken in Linzer Hallenbad“ (Krone).

Gewaltsamer Widerstand sei manchmal sinnvoll, sagt Walter Rosenkranz am Telefon. Eine „einfache und trotzdem zielführende Sofortmaßnahme“ sei die Schulung der potenziell Gefährdeten, steht auf der zweiten Seite des Entschließungsantrags.

Das ist eine sehr gefährliche Vorstellung.

Der Erwachsene ist immer stärker

„Kindern vorzugaukeln, sie könnten sich mit einem Tritt gegen einen Erwachsenen zur Wehr setzen, ist fahrlässig“, sagt Kriminalbeamtin Franziska Tkavc, Trainerin für Selbstverteidigung. Aufgrund der körperlichen und intellektuellen Konstitution bekämen Kinder ein falsches Bild vermittelt, wie sie sich verhalten sollen. Das gilt auch für Erwachsene, denen verkauft wird, durch wenige Trainingseinheiten Techniken der Selbstverteidigung zu beherrschen.

Rosenkranz schwebt eine „Initialzündung“ von fünf bis zehn Mal vor, das genüge, meint er. Tkavc und andere Experten für Gewaltprävention predigen anderes: Das Verinnerlichen von Bewegungsabläufen benötige ständiges Üben. Auch die seit einigen Monaten boomenden Schnellkurse seien unseriös und vor dem 14. Lebensjahr auch nicht der richtige Weg der Gewaltprävention.

Der Erwachsene ist einfach immer stärker. Wer etwas anderes vermittelt, bringt Kinder in Gefahr. Viel wichtiger wäre Aufklärungsarbeit über die verschiedenen Gesichter von Gewalt und Information für Kinder, die gemobbt werden oder Übergriffe erleben – die meisten passieren übrigens in der Familie.

Das sieht die FPÖ anders: Anti-Gewalt-Offensiven des Frauenministeriums seien teuer und sinnlos. Die mit der Partei eng verbundene Webseite Unzensuriert.at wirbt lieber für Selbstverteidigungskurse bei der Wiener Mädelschaft Nike. Dabei fehlen den Schulen und Organisationen – darunter auch der Männerberatung – genau dafür die nötigen Mittel, schildert Sonja Ablinger, Vorsitzende des Gewaltschutzzentrums Oberösterreich und Lehrerin an einer Hauptschule. „Mit Jugendlichen reflektieren, wie sie mit Rollenbildern und Erwartungen umgehen sollen, wo sie sich hinwenden können, das wäre sinnvoll.“

Aber ein solches Paket lässt sich schlecht für Schlagzeilen verwerten. Da setzt die FPÖ lieber auf Polemik mit der Gewissheit, dass ihre Forderung nicht durchgehen wird. Verpflichtende Selbstverteidigungskurse für Kinder soll es also geben, und zwar ab dem Sommersemester. Und später für alle Frauen, die inländischen natürlich? So sieht Problemlösung für die FPÖ aus. Eine Provokation verkauft sich eben besser in diesen Tagen.