APA/HERBERT NEUBAUER

Terrorwarnung

Die Gelassenheit auf dem Prüfstand

Meinung / von Moritz Gottsauner / 29.12.2015

Die Terrorwarnung stellt das Krisenmanagement der Wiener Polizei auf die Probe. Und die Gelassenheit der Wiener. 

Bis vergangenen Samstag war ein einsamer Rucksack auf einer Parkbank nicht viel mehr als ein Rucksack auf einer Parkbank. Das am Heldenplatz angekettete Fahrrad eines von vielen. Und den vermummten Menschen am Silvesterpfad vermutlich einfach nur kalt. Aber damit ist es, vorläufig, vorbei.

1.500 Polizisten werden bis zum neuen Jahr in Wien auf genau diese Dinge achten und sich fragen: Steckt mehr dahinter? Vielen Zivilisten am Silvesterpfad wird es ähnlich gehen. Die Terrorwarnung der Wiener Polizei vom vergangenen Samstag hat schon jetzt die Feiertagsstimmung in der Stadt gedämpft. Aber die Drohung bleibt vage und diffus.

Dunkle Bedrohung

Die Behörden wissen selbst nicht genau, worin die Bedrohung bestehen soll – zumindest sagen sie das. Mehrere Verdächtige sollen zwischen Weihnachten und Neujahr Anschläge planen. Laut Wiener Polizei gebe es aber keine konkreten Hinweise. Man wisse nicht einmal, ob die Personen existieren. Angesichts dessen stellt sich berechtigterweise die Frage: Ist das alles nicht ein wenig übertrieben?

Das ist von außen, wie in solchen Fällen üblich, kaum zu beurteilen. Bezeichnend ist jedenfalls, dass sich die offiziellen Stellen anderer europäischer Länder mit Einschätzungen zurückgehalten haben. Lediglich der italienische Außenminister Paolo Gentiloni warnte in La Repubblica vor „übertriebener Sorge“. Die Wiener Polizei hätte die Sicherheitsmaßnahmen auch verstärken können, ohne die Bevölkerung zu informieren und weltweites Aufsehen zu erregen. Es hätte vermutlich wenige gewundert, dass zu Silvester schwer bewaffnete Polizisten am Heldenplatz patrouillieren. Sie haben sich auch schon nach den Anschlägen von Paris ins Stadtbild eingefügt. Aber egal wie sich die Wiener Polizei entscheidet, in einer solchen Situation steckt sie in der Zwickmühle.

Denn einerseits fördert sie mit der Veröffentlichung einer vagen Bedrohung das Ziel der Terroristen: Angst zu verbreiten. Andererseits würden die Behörden berechtigterweise einiges zu hören bekommen, falls doch etwas passiert und vorab nicht davor gewarnt worden wäre.

Die Sicherheit von gestern

Man ist also den sicheren Weg gegangen, nämlich den an die Öffentlichkeit. Die Bevölkerung soll für mögliche Gefahren sensibilisiert werden. Was anderswo schon zur Routine gehört, hat in Österreich allerdings besonderes Gewicht. Die Warnung stellt die Sicherheitslogik der Österreicher infrage. Man verstand sich bisher als neutral und viel zu unbedeutend, um als Anschlagziel zu taugen. Aus den Krisenherden der Welt hat man sich größtenteils herausgehalten und versucht, ja nirgendwo anzuecken. In den Vorstädten und Randbezirken grassiert nicht der radikale Islamismus wie in Brüssel oder Paris. „Terror? Ja, aber doch nicht hier.“ Und jetzt das.

Dabei gäbe es durchaus Grund zur Wachsamkeit. Die internationalen Konferenzen des vergangenen Jahres alleine boten schon ausreichend Angriffsfläche. Wien beherbergt eine kleine, aber lebendige Community radikaler Islamisten. Mit sogenannten „Lone Wolf“-Attacken muss man ohnehin immer rechnen. Das hat die Wiener bisher kaum gekümmert. Ihre Gelassenheit hat aber nun einen ersten, größeren Test zu bestehen.